Schönebeck l Das Zimmer von Annika Sambill wurde langsam zu klein. Früher hingen die Auszeichnungen, die sie für ihre Leistungen im Pferdesport bekommen hat, an den Wänden. Kaum ein Zentimeter blickte von der Tapete hervor. Doch der Platz wurde immer enger und die Medaillen immer mehr. Also musste ein Großteil bereits wieder abgenommen werden und fand an verschiedenen Orten im Haus einen Platz. Denn auch die schönen Auszeichnungen und glänzenden Pokale werden von Staub befallen, fürs Saubermachen bleibt nur wenig Zeit. Die 16-Jährige reist von Turnier zu Turnier. Doch der Ehrgeiz wurde erneut belohnt. Annika hat sich für das Bundeschampionat in Warendorf für Topnachwuchspferde und -ponys qualifiziert, bereits zum zweiten Mal in ihrer Karriere. Im vergangenen Jahr nahm Annika jedoch nicht teil.

Doch im März der Schock. Im Urlaub in den Bergen suchte die sportbegeisterte Schönebeckerin Abwechslung und stieg auf die Ski. Nach einem Sturz spürte sie dann Schmerzen im linken Knie. Der Gang zum Arzt war unvermeidbar. Die Diagnose: Kreuzbandriss. Bei vielen Sportlern bedeutet das eine Pause. Doch nicht für Annika. Nach 14 Tagen ging es wieder auf das Pony.

Turnier in Bremen dominiert

Am Himmelfahrtswochenende Ende Mai stand dann wieder ein Wettkampf an. Bei der Bremer Pony-Trophy regnete es Auszeichnungen. „Es war nachher schon fast peinlich, als gefühlt immer nur Annika aufgerufen wurde“, erzählt Mutter Viola Sambill. In der Gesamtwertung wurde Annika Zweite. „Alles hat doch noch nicht geklappt.“

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Doch die Vorbereitungen für das Bundeschampionat nimmt weiter viel Zeit in Anspruch. Die besten Ponys aus Deutschland treten im Wettstreit an. „Die Messlatte liegt sehr hoch. Da muss sie ganz schöne Sachen springen“, sagt Vater Ingo Sambill. Beim A-Springen liegen die Hindernisse auf einer Höhe von etwa einem Meter. Beim L-Springen, da wird Annika an den Start gehen, sind es bereits 1,20 Meter. In den höheren Klassen sind es dann schon 1,35 Meter. Doch um die besten aus dem Bundesland auch wirklich zu testen, hat sich der Veranstalter weitere Hindernisse ausgesucht, wie zum Beispiel Sprünge über das Wasser.

Doch nicht nur die Reiter müssen beim Bundeschampionat eine gute Figur abgeben, sondern auch die Pferde. Die Tiere müssen vorher bei einem Arzt gewesen und kontrolliert worden sein.

Für Annika wird dieses Event etwas ganz besonderes sein. „Du kannst viel Geld haben und dir das beste Pony kaufen“, sagt Vater Ingo, doch dieser Weg ist für Annika keine Option gewesen. Sie hat ihr eigenes Pony. Seit der Kindheit. Sie haben zusammen trainiert. Inzwischen ist das Pony sechs Jahre alt. Doch der Weg dahin war schwer. „Das Pferd macht das ja nicht von alleine. Da gehört jede Menge Vertrauen dazu“, erklärt Annika.

Die „Pferdeflüsterin“, wie ihre Mutter sagt, hat ein gutes Händchen für die Tiere. Auch weil ihr der Sport jede Menge Spaß macht. „Es ist schön an der frischen Luft zu sein. Es lehrt einen auch, Verantwortung zu haben.“ Denn das Tier braucht Pflege und auch Training. Der geeignete Ort war schnell gefunden. Beim RFV Westeregeln befinden sich die optimalen Trainingsbedingungen. „Zudem ist der Verein sehr familiär“, ergänzt Viola.

Aus dem Hobby ist bei Annika längst ein Leistungssport geworden. Aber alles hat auch eine Kehrseite. Die Preise in Form von Geld werden genutzt, um das Auto zu tanken, damit die Familie zu den Turnieren fahren kann. Zeit für Freunde bleibt auch wenig. „Es sind aber auch alles Reiterfreunde. Man sieht sich schon immer mal auf den Turnieren“, sagt Annika.

Dort ist sie bekannt. Hände schütteln hier, Umarmungen da. Denn Annika war bereits im Fernsehen bei KIKA zu sehen, machte sich durch die Erfolge einen Namen. Das Training geht meist bis spät in den Abend hinein. „Dann kommt sie nach Hause, macht sich fertig und geht los, denn Party geht immer“, fügt Viola lachend an.

Fußball als zweite Leidenschaft

Ein weiteres Hobby ist der Fußball. Annika ist glühende Anhängerin des 1. FC Magdeburg, doch die Stadionbesuche werden immer seltener. Das Reiten nimmt einfach zu viel Zeit ein. Denn nicht nur das Ponyreiten, wo die Pferde um die 1,48 Meter groß sind, fasziniert die Schönebeckerin. Sie hat begonnen auch auf Großpferden zu trainieren. „Die Distanzen sind anders. Der Umstieg ist groß. Du brauchst ein gutes Gefühl und Auge“, sagt Annika. Noch sind kleinere Probleme zu beobachten, „doch die Kunst des Reitens ist es, das dann mal zu beherrschen“, ergänzt der Vater.

Neben dem Sport arbeitet Annika aber auch an ihrer schulischen Laufbahn. Den Abschluss hat sie in der Tasche. Auf einer Fachhochschule soll das Abitur folgen, denn die 16-Jährige will Lehrerin werden, genau so wie ihr Opa. Ein Fach steht auch schon fest. Wie sollte es anders sein: Sport. „Sie ist ein sehr fleißiges Mädchen. Bisher hat die schulische Leistung nicht gelitten“, sagt Mutter Viola. Und so soll es bleiben. In der Schule und auch beim Pferdesport.