Staßfurt l In der so emotional aufgewühlten Szenerie hatte Sebastian Retting mitten in dem kleinen Raum, vollgestellt mit feierernden Staßfurtern, das Mikro ergriffen. Eigentlich sollte es eine Pressekonferenz werden. Dass die nach dem gerade grandios eingefahrenen 27:24-Erfolg des HV Rot-Weiss Staßfurt aus der Mitteldeutschen Oberliga gegen den HSV Bad Blankenburg überhaupt nicht mehr nüchtern ausfiel, war mehr als verständlich. Retting wollte sich bedanken und kam fast gar nicht dazu. „Sebastian ist die geilste Sau der Welt“, schallte es immer wieder durch den VIP-Bereich gleich hinter den Tribünen.

Es waren nicht die Fans, die da den Freudengesang angestimmt hatten, es waren die eigenen Mitspieler. Wieder setzte Retting an, wieder wurde er unterbrochen. „Ich bin stolz, hier zu spielen“, sagte der Kapitän dann doch noch. „Das war wie in alten Zeiten. Seit 2004 bin ich jetzt hier. Heute war es wieder Gänsehaut. Danke für die Unterstützung.“

Danke für die tolle Leistung hätten die Fans antworten können. Denn die Staßfurter schlugen nicht nur in absolut beeindruckender Manier den Aufsteiger in Liga drei, sondern sicherten sich auch den Klassenerhalt vor eigenem Publikum. „Wir haben es aus eigener Kraft geschafft“, jubilierte Oliver Walter aus dem Vorstand. „Eine unglaubliche Leistung“, sagte auch Präsident Patrick Schliwa. „Auch ich hatte Gänsehaut zwischendurch. Das war filmreif. Einfach großartig.“ Und Kevin Reiske, der ein bärenstarkes Spiel in der Abwehr abgeliefert hatte, meinte nur glückselig: „Das war von der Stimmung her das mit Abstand geilste Saisonspiel.“

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Schade für Reiske: Am Sonnabend wurde auch verkündet, dass der 25-Jährige aus beruflichen Gründen kürzer treten muss und vorerst nicht mehr für Rot-Weiss aufläuft. Vorher peitschte der Abwehrmann zusammen mit seinen Mitspielern das Team aber nach vorn, erzielte das erste Tor nach einen Konter und glänzte sonst im Mittelblock. Trainer Uwe Werkmeister wollte keinen hervorheben, sagte aber: „Das war eine unglaubliche Abwehrarbeit. Die Spieler haben fantastisch verteidigt. Sie können stolz auf sich sein. Das war ein super Handballspiel.“

Denn freilich agierte Staßfurt auch im Angriff zuweilen furios. Was aber auch an der Unterstützung vom Publikum lag. „Das Spiel hat gezeigt: Staßfurt lebt. Wenn es darauf ankommt, ist die Stadt da. Das ist ein Phänomen“, freute sich auch Torhüter Patrick Tuchen, der sich 15 zum Teil großartige Paraden in seinen Leistungsnachweis schreiben durfte. Neun davon in Hälfte eins. Besonders spektakulär: Die Parade im Eins-gegen-eins gegen Moritz Rahn in der 23. Minute. In der 58. Minute zeigte er ein solches Kunststück noch einmal Auge in Auge gegen Marcel Werner. Da blieb es kurz vor Schluss beim 26:23. Die letzte Chance für den HSV Bad Blankenburg, der seine überhaupt erst dritte Pleite im letzten Spiel der Saison kassierte, war dahin.

Uwe Werkmeister saß dann kurz nach dem Spiel sichtlich geschafft auf der geleerten Gästetribüne, strahlte aber auch über die Leistung seines Teams. „Wahnsinn. Unglaublich. Wir sind geduldig geblieben. Es hat sich gezeigt, was mit der Unterstützung der Fans und den Emotionen möglich ist. Von der Leidenschaft, den Emotionen und der Kampfkraft her war das eines der besten Spiele der Saison. Unfassbar.“

Nur einmal beim 6:9 (15. Minute) wankte Staßfurt kurz. In der zweiten Halbzeit kamen die Gäste nie mehr näher als auf zwei Tore heran, obwohl der HSV alles probierte. Erst wechselte Bad Blankenburg in der 38. Minute im Tor von Felix Herholc auf Tobias Jahn. Sebastian Retting wurde in der ersten Halbzeit schon in Manndeckung genommen. Ab der 45. Minute agierte der HSV sogar fast permanent mit doppelter Manndeckung gegen Retting und Marvin Frank. „Das zeigt, dass der Gegner uns ernst genommen hat“, meinte Werkmeister. Aber auch darauf war Staßfurt vorbereitet. „Sind wir nicht geile Lachse?“ Im Vorbeigehen hatte Kreisläufer Oliver Jacobi seinem Trainer nach dem Spiel neckische Worte hingeworfen, die der lachend erwiderte.

Auch der 38-jährige Tuchen war nach dem Spiel einfach nur glücklich. „Es war eine atemberaubende Leistung von jedem einzelnen“, sagte er und lobte den Trainer dann ausdrücklich. „Ein unfassbarer Trainer. Wenn ich sehe, mit welcher Akribie er die Mannschaft einstellt, das ist der Hammer. So etwas habe ich vorher noch nie gesehen.“ Am Sonnabend wurde auch bekannt, dass Tuchen nun doch noch ein weiteres Jahr in der Ersten dranhängt. Tuchen wurde gefragt, ob er sich das vorstellen kann und sagte sofort ja. Der Oldie kann einfach nicht ohne. Der Torwart lobte dann auch noch Niclas Kaiser, der nach der Partie als Spieler des Jahres geehrt wurde. „Völlig zu Recht. Ihn kannst du nachts um 0 Uhr wecken. Da wirft er sich voll rein.“

Kaiser selbst wusste davon nichts. „Ich habe mich gefreut“, sagte er. Und das Spiel? Er grinste. „War geil. Wir wussten, dass es ein Endspiel wird. Aber die Stimmung in der Mannschaft war super.“ Auch Kaiser verspürte schon beim Auf- und Ablaufen im Spiel Gänsehaut. „Wir wollten die Fehler gering halten“, sagte er. Das gelang zweifelsohne.

Die Lobesliste ließe sich noch beliebig verlängern. Da war Stefan Secara, der zuletzt wenig gespielt hatte, aber in seinem letzten Saisonspiel am Sonnabend noch einmal ein klasse Spiel zeigte. Bezeichnend vielleicht die Szene in der 46. Minute, als der Rechtshänder sich mit unbändigem Willen am Kreis durchtankte und mit links auf 21:18 stellte. Oder sei es Marvin Frank, der zu Beginn der Saison viel in der Abwehr spielen musste, dann verletzt lange ausfiel und zum Ende der Saison zeigte, was er für einen knallharten Wurf im Angriff haben kann. Selbst Staßfurts Oberbürgermeister Sven Wagner zeigte sich nach dem Spiel hochemotional. „Staßfurt hat ein Stück Geschichte geschrieben“, sagte er. „Was heute abging, war genial. Ihr seid eine tolle Truppe.“

Alles fiel ab. Bis in die Morgenstunden hatten die Staßfurter ihren Klassenerhalt gefeiert. Uwe Werkmeister, der all die Monate auch stark unter Strom stand, braucht jetzt eine Auszeit. „Die Sommerpause ist mehr als verdient.“ Für alle. Für ihn geht es jetzt erst einmal in den Urlaub. Und im September geht dann die neue Saison in der Mitteldeutschen Oberliga los. Ja, Staßfurt ist dabei.

HV Rot-Weiss Staßfurt: Tuchen, Shagluf – Kaiser (3), Fanselow (1), Kloppenburg, Reiske (1), Darius, Retting (9/2), Jacobi (3), Frank (4), Spadt, Secara (3), Wilke (3), Scholz

Siebenmeter: Staßfurt 3/2 – Bad Blank. 2/2; Zeitstrafen: Staßfurt 4 – Bad Blankenburg 7

Rot: Radoslav Miler (42., Bad Blankenburg), Martin Danowski (58., Bad Blankenburg)