Ilsenburg l Am Wochenende hätte das Ilsenburger Hallenmasters seine 21. Auflage erlebt, die Corona-Pandemie machte dem sportlichen Startschuss ins Jahr einen Strich durch die Rechnung. Ein Gesicht, das wie kaum ein anderes mit dem Turnier verbunden ist, hätte ohnehin gefehlt: Jürgen Schröder sagte dem FSV Grün-Weiß Ilsenburg in seiner Funktion als Vizepräsident bereits im Sommer adé. „Schon Anfang 2020 hatte ich mich dazu entschieden und es auch frühzeitig kommuniziert. Die Prioritäten in meinem Leben haben sich verschoben durch meine gesundheitliche Situation“, erzählt Jürgen Schröder, der Ende 2016 die Diagnosen Parkinson und Spinalkanalstenose akzeptieren musste.

Trotzdem engagierte sich der 57-Jährige weiter für den Verein, ehe er im Sommer 2020 vorzeitig als Vizepräsident aus dem Vorstand zurücktrat. Mit dem erfolgreichen Trainer Karsten Armes und dem Ilsenburger Urgestein schlechthin, Mike Stötzner, nach vielen Jahren als Co-Trainer der Ersten und Trainer der A-Junioren, verließen zwei Weggefährten den FSV zum gleichen Zeitpunkt.

Ein kurzer Abstecher zur Leichtathletik

Begonnen hatte alles im Jahr 1974, als Elfjähriger begann er im Kohlgarten unter Trainer Uwe Boegelsack seine Fußballkarriere. „Ich war zu dieser Zeit der Jüngste im Team, dem bekannte Wernigeröder Fußballgrößen wie Hans-Peter Sänger, Alf Boegelsack, Andreas Weller oder Bernd Piechullik angehörten“, erinnert sich Schröder an seine Anfänge. Im Jugendalter sagte er dem runden Leder kurzzeitig adé, die Leichtathletik-Abteilung der BSG Motor hatte sein Talent entdeckt. Unter den Fittichen von Jochen und Waltraud Torz lag der Fokus auf den Sprint- und Sprungwettbewerben, ehe er im Juniorenbereich zum Fußball zurückkehrte.

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„Unter Roland Hübner habe ich bei den Junioren noch einige Spiele gemacht. Ich kann mich noch sehr gut an das letzte Turnier in Osterwieck erinnern, bei dem ich mir die erste schwerere Verletzung zugezogen habe“, erinnert sich der Wernigeröder. Trotzdem blieb Schröder auch in der unmittelbar nach dem Abitur folgenden Armeezeit dem Fußball treu, oft ging es in Athenstedt gegen die Auswahl russischer Soldaten.

Nach seiner Rückkehr Ende April 1983 erlebte Schröder nur wenige Wochen später einen Meilenstein für die BSG Motor. Die erste Mannschaft stieg als Kreismeister in die Bezirksklasse auf. Der schnelle Linksaußen etablierte sich in der Zweiten unter Trainer Helmut „Bimbo“ Lieder. Über die Jahre zum Linksverteidiger umgeschult, wartete in der Saison 1988/89 der nächste Schritt: Zusammen mit Bernd Piechullik übernahm er das Traineramt in der Motor-Reserve.

Früh ins Trainergeschäft eingestiegen

„Wir waren 27 bzw. 25 Jahre alt, ein Teil der Spieler älter als wir. Das war aber kein Problem. Piechu und ich brachten zwei verschiedene Charaktere ein, haben uns aber perfekt ergänzt und über die Jahre blind verstanden“, erinnert sich Schröder. Es wurde eine Premierensaison, die kaum erfolgreicher hätte verlaufen können. „Wir haben in der gesamten Saison nur eine Niederlage gegen Ilsenburg II kassiert, sind vorzeitig Kreismeister geworden. Nach dem Hallen-Kreismeistertitel haben wir auch das Pokalfinale gegen Hasselfelde, einem Verein, mit dem sich meine Wege noch öfter kreuzen sollten, mit 3:1 gewonnen“, blickte er auf seine erste Saison als Trainer zurück.

Gekrönt wurde die Spielserie in den Aufstiegsspielen gegen Traktor Siegersleben. „Einem 2:2 auswärts ließen wir daheim einen 5:0-Sieg folgen. Danach gab es die wohl schärfste Party, die ich in meiner Fußballzeit erlebt habe“, erzählt Schröder. Und als Klubleiter des „Center“, einer auf Grund der Diskotheken begehrten Freizeiteinrichtung in Wernigerode, die zu dieser Zeit fest in Motor-Hand war, konnte er auf einige Feiern zurückblicken.

Es folgte die Zeit der politischen Wende, „auch hier bleibt natürlich das erste Spiel gegen eine Mannschaft aus dem ,Westen‘ in besonderer Erinnerung. Am 20. Januar 1990 hieß der Gegner ESV Wolfenbüttel.“ Wenig später erlebte er als Vorstandsmitglied die erste Namensänderung der BSG Motor in Wernigeröder SV Rot-Weiß (20. Februar), zwei weitere in SV Germania 1916 als reiner Fußballverein (1. Juli 1992) und nach der Fusion mit dem FC Einheit zum 1. FC Wernigerode sollten folgen (1. Juli 1994).

Höhen und Tiefen

Sportlich durchschritt er mit der „Zweiten“ ein Wellental. 1991 konnte der Abstieg in die Kreisliga nicht verhindert werden. „Hier blieb mir am letzten Spieltag das erste Tor von Stefan ,Stelze‘ Burdack im Männerbereich in Erinnerung. Auch er war eine dieser Personen, die mich auf meinem Weg über viele Jahre begleitet haben“, blickt Schröder auf eine – nicht nur sportlich – enge Freundschaft zurück.

Burdack war es auch, der zwei Saisons später im Sturmduo mit Hendrik Raue wie am Fließband traf und damit zum Aufstiegsgarant wurde. Nach überlegener Kreismeisterschaft (46:6-Punkte), setzte sich die von Schröder und Roland Hübner trainierte Germania-Reserve in der Aufstiegsrunde gegen Dingelstedt (4:2) und bei Lok Güsten (3:2) durch. „Im entscheidenden Spiel hatten wir mit drei Top-Stürmern ein Luxusproblem: Wir entschieden uns für Hendrik Raue und Lars Wöhler und ließen ,Stelze‘ auf der Bank. Gefallen hat es ihm nicht, aber am Ende haben wir alles richtig gemacht. Lars per Doppelpack und Hendrik schossen die entscheidenden Tore zum Bezirksklasse-Aufstieg. Wir waren mit zwei Bussen angereist, Zuhause angekommen war wider allen Aberglaubens alles vorbereitet. Und die Party kam der von 1989 sehr nahe“, erinnert sich Schröder.

Es folgte mit Platz vier in der Landesklasse-Saison 1993/94 das bis dahin beste Abschneiden der Zweiten, mit der Fusion zum 1. FC Wernigerode übernahm das Trainerduo Hübner/Schröder die dritte Mannschaft. Diese hielt sich zwei weitere Saisons in der Landesklasse, in der Serie 1995/96 führte eine tolle Aufholjagd zur Rettung in letzter Sekunde. Durch den Zwangsabstieg der beiden ersten Mannschaften und den daraus resultierenden personellen Aderlass wurde das Team allerdings aus der Liga zurückgezogen.

„Zusammen mit dem reaktivierten Bernd Piechullik haben wir die Zweite in der Landesliga übernommen, durch die vielen Abgänge wurde es zu einer ,Harakiri-Saison‘. Piechu wurde für die zweite Halbserie zur Rettung der Dritten abkommandiert, mir stand nur noch mein Vater zur Seite. Die mangelnde Wertschätzung der Zweiten war sicher auch ein Grund, dass ich nach der Saison dem Werben des FSV Grün-Weiß Ilsenburg nachgegeben habe“, erinnert sich Schröder.

Wechsel nach Ilsenburg

Sein neuer Verein war gleichzeitig der letzte Gegner mit dem 1. FC Wernigerode II. „Wir waren schon vorzeitig abgestiegen, Ilsenburg hätte bei einem Sieg mit Rang sechs seine beste Platzierung in der Landesliga erzielt. Aber meine Jungs haben nochmal alles gegeben und 3:2 gewonnen. Ich weiß noch wie heute, dass sich Dirk Karow nach dem Spiel nicht einmal verabschiedet hat. Dabei hatte er mich mit Peter Dreßler zusammen nach Ilsenburg geholt und mein Wechsel war seit diesem Tag bekannt. Aber er war halt unglaublich ehrgeizig und konnte ganz schlecht verlieren. Dirk verkörperte aber die menschlichen Werte, die auch meinen Idealen entsprechen“, charakterisiert der Wernigeröder einen weiteren seiner langjährigen Wegbegleiter.

Nach 23 Jahren am Kohlgarten wechselte Jürgen Schröder ins Eichholz, neben seiner Funktion als Mannschaftsleiter arbeitete er auch frühzeitig aktiv im Vorstand mit. Sportlich erlebte er mit den Grün-Weißen ein mehrfaches Auf und Ab zwischen Landesklasse und Landesliga. „Meine erste Saison begann gleich mit dem Derby gegen Blankenburg, es war eine überaus giftige Atmosphäre. Später folgte das Landespokalspiel gegen Regionalligist Lok Stendal, die uns beim 1:7 keine Chance ließen“, blickt Schröder auf seine ersten Höhepunkte im Eichholz zurück.

Zum Saisonende trat das Trainerduo Dirk Karow/Helge Kremling nach langer Amtszeit zurück. Jürgen Schröder gelang es Heinz Oelze, trotz schwieriger Umstände mit Arbeit und Anfahrtsweg, als Trainer ins Eichholz zu locken. „Wir schnupperten lange Zeit sogar am Verbandsliga-Aufstieg, nach der traditonellen Abschlussfahrt zu Pfingsten lief aber nicht mehr viel zusammen“, erzählt der Teamleiter des FSV Grün-Weiß. Heinz Oelze war der Aufwand schließlich doch zu groß, nach nur einem Jahr übernahm Uwe Boegelsack und noch in der gleichen Saison Rolf Fischer, der Abstieg in der Saison 1999/2000 war nicht zu verhindern.

Aufregende Zeit in Ilsenburg

Mit wechselnden Trainerteams, angefangen von Dirk Karow/Karsten Heindorf über Rüdiger Laue/Andreas Telemann, erneut Dirk Karow, André Dzial, Karsten Heindorf/Mike Stötzner bis hin zu Frank Rosenthal, Melanie Piatkowski und Karsten Armes blieb es auch sportlich ein Wellental. In den 23 Jahren bis zu seinem Abschied stiegen die Grün-Weißen viermal in die Landesliga auf (2002/03, 2006/07, 2010/11 und 20014/15) und dreimal wieder ab (2005/06, 2007/08, 2011/12). Mit der sechsten Saison in der Landesliga Nord erlebt der FSV Ilsenbúrg aktuell seine konstanteste Phase.

Treffpunkt in „Hacki‘s Graben“

Auch zu diesen Jahren hat Jürgen Schröder unzählige Geschichten zu erzählen, angefangen von der Massenschlägerei in der unnötigen Nachspielzeit beim Derby im Derenburger Rehtal, die den Grün-Weißen zwei Rote Karten bescherte und durch die folgende Niederlage gegen Fortuna Halberstadt entscheidende Punkte im Aufstiegskampf des Spieljahres 2001/02 kostete. „In der Saison 2006/07, in der wir auch zum ersten Mal unser eigenes Hallenturnier gewonnen haben, waren wir nur einmal Tabellenführer – und das pünktlich zum letzten Spieltag“, erinnert sich Jürgen Schröder an den packenden Dreikampf mit dem Harbker SV und TSV Völkpke II.

„Ich weiß auch noch genau, wie ich zwei Jahre später nach einem Tipp von einem unserer Spieler den bis dahin im Harz unbekannten André Dzial ,ausgebuddelt‘ habe. Er hat damals schon einen sehr modernen Fußball spielen lassen. Leider musste ich ihn knapp zwei Jahre später einen Spieltag vor Ende der Saison auch wieder von seinem Amt entbinden, nachdem ich über Dritte erfahren hatte, dass er schon beim FC Einheit unterschrieben hatte. Trotzdem war es menschlich zwischen uns immer ein prima Verhältnis, und das ist heute auch noch so. Man muss, wenn es auch manchmal schwierig ist, privat und dienstlich trennen.“

Auch abseits des Platzes blieben viele tolle und auch lustige Erinnerungen. So schuf sich Torwarttrainer Mario Hage in Wernigerode ein Denkmal. „An der Auffahrt zur B6n holten wir traditionell die Spieler aus Wernigerode ab. Die beiden Kleinbusse hakten noch mit Erfolg in die Einfahrt gegenüber der Straßenmeisterei, der Pkw von ,Hacki‘ verschwand plötzlich im Graben. Mit vereinten Kräften haben wir ihn wieder herausgehoben, aber der Treffpunkt hatte seitdem den Namen ,Hacki‘s Graben‘ weg“, erinnert sich Schröder.

„Das mit Abstand beste Trainingslager folgte im Januar 2013. Entgegen der Wünsche von Trainer und Mannschaft ging es im tiefsten Winterwetter nach Arendsee“, erzählt Schröder. „Ein 7:1-Sieg auf dem Rückweg bei Eintracht Mechau setzte der tollen Fahrt die Krone auf. Dem Gegner nahm dieses Testspiel die letzte Hoffnung, die Mechauer zogen vor der Rückrunde ihre Mannschaft aus der Landesliga zurück.“