Leps l Dabei begann die Saison für die Lepserin sehr erfolgreich und vielversprechend. Im Oktober wurde sie gemeinsam mit Larissa Papenmeier Vize-Europameisterin im Motocross der Nationen. Beim legendären „Six Days“-Rennen im November, dem weltweit wichtigsten Rennen im Enduro-Sport, an der portugiesischen Algarve sprang sie kurzfristig ein und errang gemeinsam mit Maria Franke (Zeitz) und Selina Schittenhelm (Baden-Württemberg) den Silber-Platz hinter den US-Amerikanerinnen und vor den Britinnen. „Das war mein erster Enduro-Wettkampf überhaupt und der härteste Wettkampf, den ich je erlebt habe“, lächelte sie rückblickend.

Auch die ersten Läufe zur WMX 2020 in Matterley Basin (GBR) und im niederländischen Valkenswaard liefen gut. Sie konnte sich steigern und auf Rang neun verbessern. „Da bin ich richtig gut gefahren. Das Fahrerische war im Gegensatz zur Woche davor ein meilenweiter Sprung nach vorn“, sagte sie und fügte zum Saisonziel an, „definitiv unter die Top 10“ fahren zu wollen.

Großer Sprung nach vorn

So konnte die 28-Jährige einen großen Sprung in der Meisterschafts-Wertung machen und sich von Rang 13 auf Rang neun, punktgleich mit Rang acht, vorkämpfen.

Leider war da schon die Corona-Krise im Anmarsch und alle weiteren Wettkämpfe mussten verschoben werden. Der dritte Lauf im spanischen intu Xanadú wurde auf den 10. bis 11. Oktober verlegt. „Heute wäre der Auftakt zur EM in Holland. Das fällt flach. Dänemark ist auch schon abgesagt. Wenn es Mitte Juni losgeht, wäre das erste EM-Rennen für mich in Estland. Bis dahin ist erstmal alles abgesagt.“

Deshalb muss die 28-Jährige nun improvisieren und sich dennoch fit halten. Gehen die Gatter wieder hoch, will sie sofort an das zuletzt sehr gute Rennen in Valkenswaard anschließen, denn sie hat noch viel vor.

Zu Hause hat sie ein eigenes Fitness-Studio. Und auch ihr Motorrad, eine Suzuki RMZ 250 Viertakt, ist nach dem letzten Rennen repariert, so dass sie auf ihrer Privatstrecke auch ab und zu fahren kann. Auch hier offenbarten sich die momentanen Schwierigkeiten der Krise. „Es war ein sehr großer Schaden und wir mussten mit meinem Suzuki-Händler Rücksprache halten. Da viele Teile aus Japan kommen, verzögerten sich auch die Lieferungen. So musste ich drei Wochen improvisieren“, erzählte Anne Borchers.

Diese Zeit und auch die danach überbrückt sie nun mit Fahrradfahren, Laufen, Ergometer-Einheiten, längeren Wanderungen und im Fitness-Studio. „Da habe ich meinen Sportraum, wo ich mich täglich austobe“, sagte sie. Am Tag zuvor verlegte sie ihr Fitness-Programm ins gesamte Haus. „Da wurde von der Küche bis zum Boden alles durchgeturnt, denn man muss es auch ein bisschen mit Humor nehmen, muss kreativ sein, um positiv zu bleiben“, scherzte sie. Dennoch versucht sie sich „an die Regeln und Vorschriften zu halten“, geht nur zum Einkaufen in die Stadt und „macht nur das Nötigste“.

„Alles war positiv und nun sitze ich hier“.

Das fällt der Motorsportlerin besonders schwer. Denn nach längeren gesundheitlichen Problemen war sie endlich wieder richtig gesund. „Ich hatte mich so auf die Saison gefreut. Nun ging sie endlich los, alles war positiv und nun sitze ich hier“, ist sie frustriert und findet, dass „so eine lange Pause nochmal wie eine Winterpause ist und die muss ich nun gut nutzen“.

Normalerweise fährt sie dienstags, donnerstags, samstags und sonntags mit dem Motorrad, doch dies musste sie nun aufgrund der Umstände auf zweimal pro Woche reduzieren. „Das ist okay und ich passe mein Konditionstraining dementsprechend an“. Trotzdem hat die Sportlerin nun viele Einschränkungen hinzunehmen. „Ich kann nicht das tun, was ich normalerweise mache und ich mache zur Zeit stupide das Gleiche und darum muss einfach so viel Abwechslung wie möglich her.“

Und dabei ist sie erfinderisch, versucht, „sich selbst etwas zusammen zu basteln“. „Ich gehe manchmal vormittags los und gehe fünf, sechs Stunden. Dabei kann ich auch gut abschalten“. Einen Trainer, der ihr Trainingspläne schreibt, hat Anne Borchers nicht. „Davon bin ich erstmal weg. Nach meiner Herzmuskelentzündung war ich bei der Leistungs-Diagnostik, weil ich alles richtig machen und unter Kontrolle stehen wollte, aber dies über die Distanz zu machen, den Plan stets anzupassen, ist nicht flexibel genug“, erklärte sie, stellt sich selbst ihren Plan auf und „macht sich mental nicht so schnell verrückt“.

So nimmt sie „jeden Tag, wie er gerade ist“ und „versucht, das Beste herauszuholen“. Und so ein Trainingstag hat es in sich: Nach dem Wecken stehen zirka 45 Minuten Frühsport an. Wenn an dem Tag Motorradfahren geplant ist, gibt es danach Frühstück. Dann fährt sie raus zur Strecke. Dabei wird sie immer von ihrer Mutti begleitet. Auch fürs Motorradfahren hat Anne einen festen Plan. Da stehen drei bis vier Trainingseinheiten an, die jeden Tag variieren. Danach erfolgt ein Cool down mit viel Dehnung und Fasles abgeguckt und versucht beizubringen, so dass ich das alles selbst machen kann, ohne von jemandem abhängig zu sein“, sagte die Ernährungsberaterin, die nun jährlich noch zur ärztlichen Kontrolle muss.

Angekommen in ihrem kleinen Fitness-Studio ist man erstmal überwältigt von der Vielzahl der Pokale, Medaillen und Sektflaschen, die sie „immer aufhebt“.

Eine Ehrenmedaille von der Motorsport-Förderation (FIM) für die Leistungen bei den „Six Days“ ist ihr besonders wichtig. „Sie wird nur verliehen, wenn man in diesen sechs Tagen keine Strafzeiten kassiert hat“, erklärt sie und findet es „schon cool“, diese Ehrung erhalten zu haben, da sie „zuvor noch nie Enduro gefahren ist“. „Ich habe das einfach so als Ersatzfahrer gemacht und dann mit so einem Erfolg.“

Ihr Training stellte sie dann einmal vor. Mit dem Slingtraining ist ein Ganzkörpertraining möglich. Auch der Pezziball wird von ihr rege genutzt. „Ich bin halt ein Freund von Balance-Übungen, da es immer wackeln muss, so wie auf dem Motorrad“, scherzt sie und kann sich auf dem Pezziball über zehn Minuten Das ist bemerkenswert. „Es ist Kraft, Ausdauer, Stabilität, Balance und Koordination“, erklärt sie und benutzt dabei „relativ wenige Gewichte“, denn „das macht irgendwie steif“. „Ich habe drei Kettlebells, um aus der Bewegung heraus meine Kraft aufzubauen, denn für mich ist es wichtig, beweglich zu sein“.

Die Beweglichkeit ist Voraussetzung, um bei den Sprüngen mit dem Motorrad die Krafteinwirkungen abzufangen. „Wenn man zu kurz oder zu weit springt, tut es schon ganz schön weh. Aber das ist eine Timing-Sache, wo du vom Blick her sehen musst, wie schnell du für den oder den Sprung fahren musst. Dabei muss ich meine Geschwindigkeit einschätzen, um zu wissen, was ich tun muss, um passend zu landen. Das passiert auch im Kopf“, erklärt sie.

Ehrenmedaille der FIM

Dazu muss sie ihren Körper natürlich entsprechend schützen. So zog sie gleich ihre Motorrad-Sachen ohne Rennbekleidung an, um zu demonstrieren, was wichtig ist. Neben dem Brustpanzer gehören der Nierengurt, lange Strümpfe sowie die richtigen Orthesen dazu, um das Kreuzband, das Innenband und den Meniskus vor Verletzung zu schützen. „Ich vertraue da auf meinen Ausstatter ORTEMA Sport Protection, da er der qualitativ beste Protektorenhersteller ist“, verriet sie. Überhaupt ist sie von ihren vielen Sponsoren abhängig und kann nur mit deren Hilfe ihre Saison finanzieren. „Meine Sponsoren aus Zerbst sind die Firma Finanzconcept, das Zahnzentrum sowie die Firma Fahrzeugservice Egon Groß und Dr. Krüger. Ihnen danke ich für ihr Vertrauen“, so Borchers, die aber vor allem ihr Rennteam Suzuki H&K Motorsport sowie den ADAC hervorhob.

Über ihre Schutzkleidung zog sie sich dann den Rennanzug, ihre Stiefel, ihren Helm, die Schutzbrille, den Zahnschutz und die Handschuhe, bevor sie ihr Bike im Transporter verstaute und es auf die Strecke ging, um ihre Trainingseinheiten zu absolvieren.

So gut vorbereitet hofft die Motocross-Pilotin nun, dass ihre Unterstützer und Sponsoren ihr in dieser Krise weiter treu zur Seite stehen und dass dann ab dem 1. Juli auch wirklich das erste Startgatter für sie wieder fallen kann, so dass sie das in sie gesteckte Vertrauen zurückzahlen kann.