Volksstimme: Der Sohn ständig auf Achse, auch der Vater noch aktiv - wie oft sehen Sie sich überhaupt im Jahr?

Martin Emmrich: Wirklich selten. Ich war beispielsweise in den vergangenen zwei Monaten drei Tage zu Hause in Solingen. Aber wenn wir uns sehen, dann genießen wir die Zeit mit ganz bestimmten Ritualen.

Volksstimme: Raus mit der Sprache, welche sind das?

Martin Emmrich: Wir spielen eine Runde Lochbillard. Da geht es richtig ernst zur Sache, und der Verlierer zahlt dann das Abendessen. Wir gönnen uns jedes Mal ein Rumpsteak und, wenn das Turnier erfolgreich verlief, anschließend noch eine Zigarre.

Volksstimme: Wer gewinnt häufiger?

Martin Emmrich: Mein Vater.

Thomas Emmrich (schmunzelt): Das ist auch nur gerecht, weil Martin ja inzwischen deutlich mehr Geld verdient.

"Das Verhältnis ist mittlerweile viel, viel besser als früher, auch weil die Akzeptanz eine andere geworden ist." - Thomas Emmrich

Volksstimme: Wie ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn denn insgesamt?

Thomas Emmrich: Es ist mittlerweile eine andere Welt undviel, viel besser als früher, weil die Akzeptanz eine andere geworden ist. Das war lange nicht der Fall. Es gab zwar keinen Streit, aber endlose Diskussionen. Auch weil Martin schon immer alle Voraussetzungen für einen guten Tennisspieler mitbrachte, aber eben mental häufig nicht zurechtkam und mich als Trainer mitunter zur Verzweiflung gebracht hat.

Volksstimme: Das sieht inzwischen ja ganz anders aus ...

Martin Emmrich: Kann man so sagen. 2013 war wirklich mein Durchbruch. Ich habe zwei ATP-Turniere im Doppel gewonnen und stand bei weiteren drei im Finale. Hinzu kam das Davis-Cup-Highlight gegen Brasilien.

Volksstimme: Was gegen das Weltklasse-Doppel Marcelo Melo/Bruno Soarez mit 3:6, 4:6, 4:6 allerdings klar verloren ging.

Martin Emmrich: Ja, aber ich habe trotzdem viel Lob erhalten, nur im dritten Satz schlecht gespielt.

Volksstimme:
Jetzt steigt Ende Januar 2014 in Frankfurt der Kracher gegen Spanien. Wie stehen die Chancen, dass Sie wieder dabei sind?

Martin Emmrich: Ich denke, ganz gut. Teamchef Carsten Arriens hat gegenüber meinem Trainer Karsten Saniter angedeutet, dass ich wieder eingeladen werde.

Thomas Emmrich: Verdient hätte er es, auch weil er einen enormen Reifeprozess durchgemacht hat. Ich erinnere mich noch an ein Challenger-Turnier in Magdeburg. Da war Martin 17 und so angespannt, dass er einen Ganzkörperkrampf erlitt und rausgetragen werden musste.

Volksstimme: Heutzutage bereisen Sie die Welt, sind auf ATP-Ranglistenplatz 42 der beste Deutsche. Ist auch die nötige Akzeptanz bei anderen internationalen Topspielern da?

Martin Emmrich: Auf jeden Fall. Vielleicht auch deswegen, weil ich immer einen lockeren Spruch draufhabe. Sehr gerne unterhalte ich mich z.B. mit Roger Federer. Auch Novak Djokovic ist ein dufter Typ. Am meisten Spaß habe ich mit Andy Murray, auch weil meistens unsere Spinde direkt nebeneinander stehen. Sein Trainer ist ja Ivan Lendl. Der wiederum kennt aus aktiver Zeit noch meinen Vater und richtet jedes Mal Grüße aus.

Volksstimme: Welche Kriterien waren ausschlaggebend, dass es 2013 so gut lief?

Martin Emmrich: Das gestiegene Selbstbewusstsein, die Tatsache, dass ich im Wesentlichen frei von Krankheiten und Verletzungen geblieben bin, hartes Training mit bis zu vier Einheiten täglich, die hervorragende Zusammenarbeit mit meinem Doppelpartner André Begemann und natürlich meine neue Freundin Michaella Krajicek, auf die ich megastolz bin.

Volksstimme: Verraten Sie uns darüber ein bisschen mehr?

Martin Emmrich: Michaella ist 24 Jahre alt, die jüngere Halbschwester des niederländischen Wimbledongewinners Richard Krajicek und selbst Tennisspielerin. Eine sehr gute obendrein. Sie stand schon mal auf Rang 30 der Weltrangliste, musste sich dann aber zwei Knie-OPs unterziehen und fängt jetzt gerade wieder mit Leistungssport an. Ich habe Michaella vor knapp einem halben Jahr bei einem Turnier in Holland kennengelernt. Wir verstehen uns super, und es ist natürlich ein Riesenvorteil, dass sie selbst aktiv ist und so die nötige Akzeptanz mitbringt.

Thomas Emmrich:
Ich gebe gerne zu, dass ich anfangs ein wenig skeptisch war, als er mir von seiner neuen Freundin erzählte. Mittlerweile muss ich sagen: Es war der richtige Schritt und hätte besser nicht laufen können.

Volksstimme: Da liegt die Frage nahe, ob es bald ein Mixed Emmrich/Krajicek gibt?

Martin Emmrich: Das ist in der Tat geplant, und zwar für Wimbledon. Vorher muss Michaella aber im Ranking noch ein wenig höher kommen.

Volksstimme:
Um den Vater ist es dagegen sportlich deutlich ruhiger geworden ...

Thomas Emmrich: Weil mir mein linkes Knie mit Artrose zu schaffen macht. Ich war vor einigen Wochen auf Zypern, habe dort auch ein Seniorenturnier gewonnen, aber nur mit Schmerztabletten. Und die Tage danach ist es dann ganz schlimm.

Volksstimme: Das heißt, Sie konzentrieren sich mehr auf Ihre Trainertätigkeit und Akademie TETA (Thomas-Emmrich-Tennis-Akademie/d. Red.) beim TC Stadtwald Hilden am Niederrhein?

Thomas Emmrich: So ist es. Ich bin jetzt drei Jahre hier und fühle mich wohl, habe mir allerdings vorgenommen, in Zukunft etwas kürzer zu treten und meinen Cheftrainerposten zum 1. April 2014 abzugeben.

"Auf dem Rückflug von Orlando sind wir in schwerste Turbulenzen geraten. Meine Freundin hat nur noch gebetet." - Martin Emmrich

Volksstimme: In Magdeburg wird man Sie trotzdem nur noch selten sehen oder antreffen, oder?

Thomas Emmrich (lebt von seiner in Magdeburg beheimateten Ex-Frau Monika getrennt): Ja, weil es einfach keine Bezugspunkte mehr gibt.

Martin Emmrich: Bei mir ist es etwas anders. Ich bin zum Beispiel Weihnachten bei meiner Mutter. Am 27. Dezember geht\'s dann ab Berlin nach Doha, Auckland und Melbourne zu den Australian Open.

Volksstimme: Wie viele Flugkilometer sind denn 2013 in etwa zusammengekommen?

Martin Emmrich: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Ich war rund 30 Wochen unterwegs und habe bestimmt 40 Flüge hinter mir.

Volksstimme: Und - ist auf den Flügen immer alles glatt gelaufen?

Martin Emmrich: Das kann man nicht gerade sagen. Auf dem Rückweg unseres einwöchigen Urlaubs von Orlando/USA nach Frankfurt vor wenigen Wochen sind wir in schwerste Turbulenzen geraten. Die Menschen an Bord haben geschrien, sich übergeben, die Gepäckfächer sind aufgesprungen, und Michaella hat nur noch gebetet ...

Volksstimme: Haben Sie seitdem Flugangst?

Martin Emmrich: Nein, nach wie vor nicht. Aber es gibt in der Tennisszene Topspieler, die sich in keine Maschine setzen, sondern mit dem Zug oder Auto anreisen und damit auf entlegene Ziele ganz bewusst verzichten.

Volksstimme: Sie sind gerade 29 Jahre alt geworden. Wie lange können Sie auf diesem Niveau noch spielen?

Martin Emmrich: Ich hoffe, noch zehn Jahre.

Thomas Emmrich: Das sehe ich genauso. Vieles hängt mit der Motivation zusammen. Und da ist es besonders wichtig, dass der Partner mitzieht.

Volksstimme: Und was passiert nach der aktiven Laufbahn?

Martin Emmrich: Ich möchte dem Tennis auf jeden Fall verbunden bleiben, denke dabei an einen Trainerjob, möchte aber natürlich auch mit Michaella eine Familie gründen.

Thomas Emmrich: Ich sehe ihn eigentlich eher in einer Promotionrolle, wo man nicht permanent selber präsent sein muss. So ähnlich wie es Roger Federer macht.

Volksstimme:
Und wie sehen konkret die Ziele für das neue Jahr 2014 aus?

Martin Emmrich: Es versteht sich von selbst, dass ich Ende Januar gerne beim Davis-Cup dabei wäre. Und dann möchte ich an der Doppel-WM in London teilnehmen, wo immer die weltbesten neun Paare eingeladen werden. André und ich sind derzeit die Nummer 17. Uns fehlen noch rund 1000 Punkte. Aber das ist aufzuholen.

   

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