Schwimmen

Franziska Hentke vom SCM: Der „Schmetterling“ fliegt nicht mehr

Sie hat 14 Titel bei deutschen Meisterschaften auf der langen Bahn und 13 Titel auf der kurzen Bahn gewonnen. Sie war Vize-Weltmeisterin und Europameisterin. Und sie bleibt auch in Zukunft dem Schwimmsport erhalten. Nur wechselt Franziska Hentke vom SC Magdeburg aus dem Becken an den Beckenrand.

07.08.2021, 09:00
Der Jubel groß, die Erleichterung ebenso: Franziska Hentke feiert am 27. Juli 2017 mit WM-Silber in Budapest ihren größten Erfolg.
Der Jubel groß, die Erleichterung ebenso: Franziska Hentke feiert am 27. Juli 2017 mit WM-Silber in Budapest ihren größten Erfolg. Foto: dpa

Magdeburg - Franziska Hentke hat am Montag zu nächtlicher Stunde ihre Wohnung in Magdeburg betreten, hat die ganzen Sachen in die Ecke geworfen, ist ins Bett gegangen – und hat drei Stunden geschlafen. Nein, nicht der Gedanke an ihr eigenes Rennen bei den Sommerspielen hat sie aus den Träumen gerissen, vielmehr war es ein gut getimter Plan: Sie wollte schlichtweg Olympia gucken. Das Programm einer Veranstaltung, mit der sie so gar keinen Frieden gemacht hat. Bislang jedenfalls nicht. „Aber es ist auch schön, mal andere Sportarten zu sehen“, sagt sie. Denn das war nun die Krux der Spiele in Japan: Ein Sportler konnte nichts anderes sehen als das, wofür er tatsächlich akkreditiert gewesen ist. Im Falle Hentke also: Schwimmen und Wasserspringen. Letzteres, erklärt sie, in einer „wirklich trostlosen Atmosphäre“ in Anbetracht fehlender Zuschauer.

Trotzdem hat sich Tokio für Franziska Hentke gelohnt, allein der Menschen wegen im Land des Lächelns. „Ich könnte immer noch jeden Japaner auf der Straße knuddeln“, sagte sie lachend. „Diese Herzlichkeit, mit der man willkommen geheißen wird, als würde man nach Hause kommen.“ Nun aber, in Magdeburg, ist sie wirklich wieder nach Hause gekommen. Und nun geht hier ihr Leben weiter. Es wird ein anderes Leben übrigens. Denn nach 26 Jahren als Schwimmerin fliegt der „Schmetterling“ des SCM nicht mehr. Es warten neue Herausforderungen.

Momentan habe ich das Gefühl, ich hätte Urlaub und danach geht es weiter wie immer.

Franziska Hentke

Wenige Tage nach ihrem 13. Platz in Tokio über 200 Meter Schmetterling sitzt Hentke am Mittwoch dieser Woche in einem Magdeburger Café. Sie muss nun gerade begreifen, dass ihre Zeit als Leistungssportlerin vorbei ist. Nach dem Halbfinale bei den Sommerspielen, nach dem Ausscheiden, hat sie einen solchen Gedanken nicht gepflegt. Dort suchte sie noch nach der Ursache für ihre schwache Leistung. Bernd Berkhahn, seit 2012 ihr Trainer, meinte sodann: „Diesen Abschluss hat sie nicht verdient.“

Im Magdeburger Café stellt sie nun fest: „Momentan habe ich noch das Gefühl, ich hätte jetzt Urlaub und in drei Wochen geht es weiter wie immer.“ Und wenn sie an den letzten Moment denkt, in dem ihre Hand nach der Zielkachel, in dem ihr Blick zur Anzeigetafel geht, „fällt es mir eben auch schwer, ein Gesamtfazit zu ziehen“. Sie muss dieses letzte Rennen noch verarbeiten: „Ich habe eben keine Erklärung für diese Leistung. Ich hatte in der Vorbereitung keine Serie im Training, die in die Hose gegangen ist, und ich war mir deshalb sicher, dass auch in Tokio eine gute Zeit rauskommen würde“, betont Hentke.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie über den Abschluss ihrer Laufbahn nachgedacht hat. Das hat sie nämlich bereits vor fünf Jahren nach den Olympischen Spielen in Rio getan. Als sie mitten in der großartigsten Phase ihrer Karriere nur Elfte wurde, „nachdem ich im Jahr zuvor deutschen Rekord geschwommen war“. Diesen Rekord von 2:05,26 Minuten, aufgestellt in der Hitze einer Essener Halle, der wahrscheinlich in den nächsten 20 Jahren nicht geknackt wird. Und von dem sie in Rio, im Halbfinale 2,41 Sekunden weit entfernt geblieben war, in Tokio waren es sogar 5,63 Sekunden in der Vorschlussrunde. „Ich bin noch nie so krachen gegangen“, blickt die 32-Jährige zurück. „Ich hatte auf den letzten zehn Metern gedacht ich komme nicht an.“

Budapest war mein schönstes Erlebnis.

Franziska Hentke

Genau deshalb ist es für sie der richtige Zeitpunkt, den Badeanzug an den Nagel zu hängen. Weil sie das Gefühl für schnelle Zeiten schon eine Weile nicht mehr gespürt hat. Weil sie festgestellt hat, dass all ihre Disziplin, all ihr Aufwand nicht mehr mit guten Resultaten belohnt wird. Trotzdem sagt sie: „Ich möchte keinen einzigen Moment in den vergangenen fünf Jahren missen.“ Und sie sagt: „Ich habe immer noch Spaß am Schwimmen, das wird sich in Zukunft nicht ändern.“

Sie wird nun vermissen. Vielleicht zuweilen die Sierra Nevada (Spanien), das Höhentrainingslager, das bei mehr als 30 Besuchen irgendwann ihr zweites Wohnzimmer wurde. Ganz sicher aber ihre Trainingsgruppe. „Selbst als wir vor Tokio fünfeinhalb Wochen im Trainingslager waren und jeden Tag aufeinander gehockt haben, gab es nicht einen Streit, das war für mich eben immer meine Sportfamilie“, sagt sie etwas wehmütig.

Diese Wehmut wird auch aufkommen, wenn sie die Türen zu ihrem Medaillenschrank öffnet. Wenn sie ihre erste internationale Medaille, Bronze bei der Kurzbahn-Europameisterschaft in Istanbul 2009, in Augenschein nimmt – die sie direkt nach ihrem Wechsel vom SV Halle zum SCM und unter Trainer Bernd Henneberg gewonnen hatte. Oder ihr erstes Gold, ebenfalls bei einer Kurzbahn-EM im israelischen Netanja geholt vor sechs Jahren. Oder ihre erste Medaille auf der langen Bahn: Gold bei der EM 2016 in London. Aber vor allem wird sie etwas wehmütig sein, wenn sie die Edelplakette aus Silber, zu der sie bei der Weltmeisterschaft 2017 in Budapest „geschmettert“ war, in Händen hält. Der größte Erfolg, nachdem Bernd Berkhahn die Schwimmerin umgekrempelt, eine Atmung von vorn nach links angeordnet, die flachere Wasserlage festgelegt hatte. „Budapest war mein schönstes Erlebnis“, sagt sie. Und sie sagt außerdem: „Ich habe auch viele bittere Niederlagen erlebt, viel Pech gehabt.“ Gerade in ihrer WM-Historie, in der sie auch zwei Kapitel mit Rang vier schreiben musste.

Geschrieben hat sie auch in den vergangenen Tagen an ihrem Abschiedsbrief, den sie gestern Nachmittag durch die sozialen Medien schickte. Sie hat nach den richtigen Worten gesucht, „Time to say Goodbye“ stand lange Zeit als einsamer Titel auf einem leeren Dokument. Es ist nicht leicht, etwas zu erklären, was „ich selbst noch nicht realisiert habe“, wie sie sagt. Und sie wird es wohl erst realisieren, wenn sie irgendwann aus dem Urlaub in Österreich zurückkehrt und niemand ihr einen Wettkampfplan in die Hand drückt. Keine Mail mit den kommenden Terminen im Becken erhält. Dann weiß Hentke, dass sie im neuen Leben angekommen ist. Und ja, Schwimmen steht dann immer noch im Fokus.

Sie hätte sich durchaus vorstellen können, Physiotherapeutin zu werden. Denn das war ihr ursprünglicher Plan. Aber den „habe ich für mich gestrichen“, sagt sie zu der Entscheidung, im Sport zu bleiben. Franziska Hentke wird Trainerin, sie absolviert ein berufsbegleitendes Studium in Köln. Drei Jahre lang. Unter anderem mit dem Ziel, in die Talentsuche zu gehen. „Ich möchte meine Erfahrung in die Nachwuchsarbeit investieren.“ Und das ist viel. Für alle.

Fotoshooting beim SV Halle: Gerade mal 16 war Franziska Hentke, als dieses Bild entstand. 2009 wechselte sie nach Magdeburg.
Fotoshooting beim SV Halle: Gerade mal 16 war Franziska Hentke, als dieses Bild entstand. 2009 wechselte sie nach Magdeburg.
Foto: imago
Enttäuschung in Rio: ?Bittere Niederlagen? gehörten in ihrer Karriere dazu. Wie das Ausscheiden im Halbfinale bei den Sommerspielen.
Enttäuschung in Rio: ?Bittere Niederlagen? gehörten in ihrer Karriere dazu. Wie das Ausscheiden im Halbfinale bei den Sommerspielen.
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