Magdeburg l Der 13. August 2016 war der Tag, der Martin Wierig verändert hat. Während bei den Sommerspielen in Rio Christoph Harting Gold gewann, Daniel Jasinski Bronze holte und Robert Harting mit Hexenschuss auf der Tribüne saß, „habe ich vor dem Fernseher gehockt. Da habe ich mich gefragt, ob dieser Sport für mich alles ist, was das Leben bedeutet“, erinnert sich Wierig. Diese Frage hat er alsbald mit dem Mentaltrainer Frank Schoppe aus Minden, zugleich Spielerberater im Handball, beantwortet: und zwar mit Nein. Aber tatsächlich hat gerade das den Diskuswerfer Wierig vom SC Magdeburg stärker gemacht. Und diese Stärke will er zunächst auf dem Weg zur Europameisterschaft in Berlin (7. bis 12. August) nutzen.

Wierig hat in den vergangenen beiden Jahren viel über Einstellung oder Atemtechnik gelernt, er hat sich zudem „von dem Zwang gelöst, nur an den Sport zu denken, denn mit dem Zwang besteht auch die Gefahr, schnell zu verkrampfen“, betont er. Aber er investiert nach wie vor viel Zeit in seine Disziplin. Und seit Jahresbeginn auch Zeit für andere Sportler. Er ist Markenbotschafter im Sportlernetzwerk „Samforcity“ von Ex-FCM-Kapitän Marius Sowislo, er bewirbt dort das neue Projekt „Fancard“, er steht anderen Sportler mit Rat und Tat zur Seite. „Das macht mir wahnsinnig viel Spaß“, sagt Wierig. Und es sorgt für Abwechslung in seinem Tagesprogramm.

Andere Dinge kann aber selbst Wierig nicht ändern. Zum Beispiel das Leid jedes Leichtathleten, nur an einer großen Meisterschaft gemessen zu werden. „Du kannst eine Saison lang durchgehend gute Leistungen bringen, aber wenn du beim einzigen Höhepunkt verreißt, sprechen alle von einer schlechten Saison“, weiß der Olympia-Sechste von 2012.

Er hat im Rio-Jahr eine sehr gute Saison absolviert, warf die Zwei-Kilo-Scheibe auf 67,60 Meter – die zweitbeste Leistung seiner Karriere (Bestwert: 68,33). Dennoch verpasste er die Spiele an der Copacabana. Er hat sich im vergangenen Jahr für die Weltmeisterschaft qualifiziert und schied dann in London nach drei Fehlversuchen aus. „Das war aber kein mentales Problem“, betont er. Basierend auf Rückenschmerzen schlich sich ein technischer Fehler ein, „den ich im Wettkampf nicht mehr korrigieren konnte“. Und 2018? „Wenn ich umsetzen kann, was ich mir antrainiert habe, dann werde ich auch bei der EM dabei sein. Ich bin bereit für den Kampf“, sagt Wierig.

„Ich habe eine gute Ausgangsposition“

Martin Wierig

Und er ist ohne Verletzungen durch die Saison gekommen. „Ich hab natürlich meine Baustellen Rücken und Knie, wo es manchmal ein bisschen zwickt. Aber dann wissen wir, wie wir darauf reagieren müssen. Das passt.“ Er konnte mit seinem Trainer Armin Lemme sogar die Qualität des Trainings anheben, neue, härtere Übungen einbauen. Das Ergebnis: Viermal hat er seit Saisonstart bereits die EM-Norm (64,00) überboten. Und „mit 66,98 Metern bin ich Zweiter der deutschen Rangliste, damit habe ich eine gute Ausgangsposition“, erklärt der 2,02-Meter-Hüne.

Die Liste wird angeführt von Christoph Harting (Berlin) mit 67,59 Metern, Dritter ist Jasinski (Wattenscheid) mit 66,59 Metern. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat sich in diesem Jahr die Möglichkeit eingeräumt, zwei Diskuswerfer bereits für die EM zu nominieren, bevor der eigentliche Kampf um die drei Plätze für Berlin am 21./22. Juli bei den nationalen Titelkämpfen in Nürnberg über die Bühne geht. Aber in Anbetracht der Leistungsdichte in dieser Disziplin (hinter dem Spitzentrio lauern SCM-Gefährte David Wrobel/65,98 und Robert Harting/65,13) könnte der DLV auf diese Chance auch verzichten. „Deshalb beschäftige ich mich gar nicht damit, sondern ich will in jedem Wettkampf einfach so weit wie möglich werfen“, erklärt Wierig. Auch an diesem Sonnabend beim European Meeting in Marseille (Frankreich), wo er gemeinsam mit Wrobel startet.

Und eben gerne auch bei der EM. Zumindest hat Wierig zu seinem 31. Geburtstag am letzten Sonntag vom Organisationskomitee bereits einen großen, bunten Blumenstrauß bekommen. Das hat zusätzlich Lust auf Berlin gemacht.