Blankenburg l War das gerade wirklich Tatjana Hüfner am Telefon? Diese vor Selbstbewusstsein strotzende junge Frau, die so optimistisch auf die neue Rennrodel-Saison vorausblickte? Die während des Gesprächs den Paketboten an der Haustür in ihrer Wahlheimat Erfurt empfing? „Der war auch überrascht, ich bin ja so selten da“, sagte sie und lachte dabei so herzlich, dass man mit ihr den Kanon der guten Laune anstimmen musste. Doch, doch, das war sie. Die dunkle Stimme hatte sie verraten. Diese klaren und analytischen Gedanken, die sie äußerte. Tatjana Hüfner ist zurück im Zirkus, und zwar so richtig zurück wie zum Beispiel im Winter 2010, als sie Olympiasiegerin in Vancouver wurde. Und deshalb darf sie von der Konkurrenz gefürchtet werden.

Keine Spur von Schmerz

Es handelt sich übrigens immer noch um jene Tatjana Hüfner, die auch in den vergangenen Jahren um Medaillen bei Weltmeisterschaften und Siege im Weltcup kämpfte, dabei allerdings eine Leidenszeit durchlebte. Sie lachte dann eher seltener, sie wurde von Zweifeln begeitet, ob das Rodeln noch seinen Sinn erfüllte. Von dem Kreuzbandriss oder den Rückenproblemen, wie sie die 33-Jährige heimgesucht hatten, ist allerdings nun nicht die Spur des Schmerzes geblieben, auch wenn sie beim vierten und letzten Rennen zur deutschen Weltcup-Qualifikation in Winterberg aufgrund einer leichten Blockade im Rücken aussetzen musste. „Es ist alles gut, die Reizung ist weg, die Blockade ist raus“, versprach Hüfner. „Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme.“

Ihr Körper reagiert ja inzwischen auf jedes Zeichen. „Aber ich habe wieder ein deutlich besseres Gefühl“, zog sie den Vergleich zu den letzten Wintern. Dafür hat sie gearbeitet – so akribisch, wie man sie kennt. Physiotherapie gehörte dazu. Aber auch Besuche beim Heilpraktiker. Alles in Absprache mit ihrem Trainer Jan Eichhorn. „Alles hat geholfen, ich hatte keine Probleme in der Vorbereitung. Und ich habe ein Körpergefühl, das ich gar nicht mehr kannte“, erklärte sie und klang dabei für einen Moment selbst ein wenig verwundert. „Ich habe so viel Material getestet und bin so viel gerodelt wie noch nie.“

Frau Hüfner und ihr gutes Gefühl haben sich also wiedergefunden, und deshalb wird der Weltcup-Winter am letzten November-Wochenende in Winterberg auch mit der optimistischen Blankenburgerin starten. Die vorolympische Saison „ist eine Saison wie jede andere auch, aber es ist nie Routine“, erklärte sie. „Der Fokus liegt auf der Weltmeisterschaft in Innsbruck“, die am letzten Januar-Wochenende ausgetragen wird. In diesen Tagen in Österreich suchen die Rodler bei ihrer Trainingswoche das richtige Gefühl für den Eiskanal. „Im Prinzip liegt mir die Bahn sehr gut, aber sie wird relativ unterschätzt. Dabei muss alles passen, jeder kleine Fehler wird zusätzlich bestraft“, berichtete Hüfner, die bereits in ihre 14. Weltcup-Saison geht, die bereits einen kompletten Medaillensatz bei Winterspielen gewann, die viermal Einzelweltmeisterin wurde.

Ehrgeiz als Begleiter

Aber nicht nur die WM ist wichtig: Mitte Februar informiert sich Hüfner anhand praktischer Tests über den Stand des Eiskanals in Pyeongchang, wohin sie 2018 zu ihren vierten Olympischen Spielen aufbrechen möchte. Gleichzeitig geht es dann in Südkorea um Weltcup-Punkte. „Der Wettkampf ist sehr wichtig für mich, die ersten Eindrücke, die ersten Fahrten können schon entscheidend sein“, blickte Hüfner voraus. „Ziel ist es, ein gutes Bahngefühl aus Pyeongchang mitzunehmen und entsprechend Materialtests zu unternehmen.“ Denn für die großen Schlitten-Experimente bleibt in der nächsten Saison und vor den Winterspielen kaum noch Zeit.

Noch ein Beweis nötig, dass es sich immer noch um Tatjana Hüfner handelt? Sie hat beim zweiten Rennen zur Weltcup-Qualifikation gewonnen, aber den Bahnrekord, gehalten von Erin Hamlin (USA), um lediglich vier Hundertstelsekunden verpasst. „Das hat mich schon gewurmt“, sagte sie. Ihr Ehrgeiz ist ihr während der Leidenzeit geblieben. Und er wird auch in den 448 Tagen bis Pyeongchang ihr treuer Begleiter bleiben.