Sommerspiele in Tokio

Sarah Köhler: Der Jubel ihres Lebens

Sarah Köhler hat mit ihrem Bronzegewinn über 1500 Meter Freistil den Bann gebrochen: 13 Jahre nach Britta Steffen gewann die 27-Jährige die erste Medaille für die deutschen Beckenschwimmer bei Olympischen Spielen.

Von Daniel Hübner
So sieht Befreiung aus: Sarah Köhler hat sich selbst ihren Traum erfüllt und den Bann im deutschen Schwimmen gebrochen.
So sieht Befreiung aus: Sarah Köhler hat sich selbst ihren Traum erfüllt und den Bann im deutschen Schwimmen gebrochen. Foto: dpa

Tokio/Magdeburg - Sie schlug die Hände kurz vors Gesicht, verharrte in ihrer Bahn, schaute zur Anzeigetafel im Tokyo Aquatics Center – bis sie die endgültige Gewissheit darüber hatte, was ihr Herz längst höher schlagen ließ. Bronzemedaille und deutscher Rekord über 1500 Meter Freistil. Sarah Köhler peitschte sodann mit dem rechten Arm durchs Wasser. Einmal, zweimal, dreimal. Sie ließ sich in die Wand fallen, die Lippen begannen zu zittern, die Tränen drangen in die Augen. „Ich würde sagen, bis hierher war es das Rennen meines Lebens“, erklärte sie später. In dem sie den Deutschen Schwimmverband (DSV) aus seinem 13-jährigen Medaillenschlaf der Beckenathleten bei Olympischen Spielen wachgeküsst hatte.

Florian Wellbrock hatte sich das Rennen ihres Leben in seinem Zimmer im Olympischen Dorf angeschaut. Der Zeitplan am Tag vor seinem Finale über 800 Meter Freistil ließ einen Besuch in der Halle nicht zu. „So leid mir das tut“, hatte der 23-Jährige vom SC Magdeburg im Vorfeld erklärt. „Da hat mein Rennen nun einmal Priorität.“ Aber er hatte seiner Lebensgefährtin auch noch einen Tipp mitgegeben: „Sie muss ihr Ding machen, sie muss sich optimal vorbereiten.“

Köhler hat ihr Ding gemacht. Sehr schnell sogar und sehr clever. Nach 15:42,91 Minuten schlug sie auf der jüngsten olympischen Distanz an. Ihre eigene nationale Bestmarke hatte sie damit um sechs Sekunden unterboten. Und die 27-Jährige nutzte jede schwache Sekunde ihrer Kontrahentinnen. Nur der starken Katie Ledecky (USA), die in 15:37,34 Minuten ihre sechstes Olympiagold gewann, und Erica Sullivan (15:41,41) musste Köhler den Vortritt lassen. „Sarah hat nicht nur eine super Bestzeit aufgestellt, sie hat das auch taktisch sehr gut gemacht“, freute sich Trainer Bernd Berkhahn, der Köhler nach der Siegerehrung lange in seine Arme schloss. Der 50-Jährige verwies dabei auf den Vorlauf, in dem sein Schützling „deutlich weniger Aufwand betrieben hatte als alle anderen“.

Nächste Medaillenchance über 800 Meter Freistil

Vor drei Jahren hatte sich Sarah Köhler von Heidelberg nach Magdeburg aufgemacht, um sich unter Coach Berkhahn ihren Kindheitstraum zu erfüllen. Doch gerade das Corona-Jahr inklusive der Verschiebung ihrer zweiten Sommerspiele auf 2021 hatte es ihr und ihrer Motivation nicht immer leicht gemacht. Umso wichtiger war das private Glück: Köhler und Wellbrock begrüßten erst die französische Bulldogge „Kojak“ in ihrer kleinen Familie, dann ließ der Doppelweltmeister im vergangenen Dezember den Heiratsantrag folgen. Und nun hat sie ihre Olympia-Medaille. Die erste seit dem Doppelgold von Britta Steffen bei den Sommerspielen in Peking 2008. Die nun in der Medaillenvitrine ihren Platz findet, die sie und Florian Wellbrock sich nach der WM 2019 zugelegt hatten. Als sie damals Silber über die 1500 Meter gewann, als er mit zwei Titeln aus Gwangju (Südkorea) zurückkehrte.

Die mittlerweile 37-jährige Steffen berät Köhler, die Damen pflegen ein freundschaftliches Verhältnis. Und sie jubelte mit ihr: „Ich bin stolz wie eine ältere Schwester auf ihre jüngere. Sie hat das fantastisch gemeistert. Ich bin sehr glücklich, dass sie endlich den Bann vom Team genommen hat“, sagte Steffen der Deutschen Presse-Agentur. Dass ausgerechnet Köhler die erste nach Steffen ist, die wieder Edelmetall gewonnen hat, „ist für mich was ganz Besonderes“, sagte sie im ZDF. Köhler: „Und ich freue mich, dass ich für den Verband die erste Medaille hier holen konnte.“ Und es war nicht ihre letzte Chance. Heute startet sie wie Isabel Gose im Vorlauf über die 800 Meter Freistil.

Da ist es tatsächlich eine gute Nachricht, dass Sarah Köhler in ihrem Bronze-Rennen erst nach 900 Metern alles wehtat. Das aber richtig. „Und dann kommt ab einem gewissen Punkt der Kampf gegen den eigenen Schweinehund.“ Den hat sie stärker geführt als Simona Quardarella (Italien), die Weltmeisterin. Und als die Chinesin Jianjiahe Wang, bei der Köhler merkte, „dass sie ihre Leistung aus dem Vorlauf nicht wiederholen und ich vorbeigehen kann. Da habe ich meine Chance genutzt.“

Und nicht nur das Rennen, sondern auch den Jubel ihres Lebens gezeigt. Und es störte sie nicht im Geringsten, dass ihr Lebensgefährte diesen nicht live gesehen hat, erklärte Köhler: „Ich habe ihn nach dem Rennen angerufen, da war er gerade auf dem Weg in den Mittagsschlaf. Er war sehr gefasst, er hat sich aber auch sehr gefreut.“

Präsentiert stolz ihre Medaille: Sarah Köhler.
Präsentiert stolz ihre Medaille: Sarah Köhler.
Foto: dpa