Sommerspiele in Tokio

Sarah Köhler: Der Traum schwimmt mit

Seit drei Jahren ist Sarah Köhler ein fester und wichtiger Teil der Trainingsgruppe des SC Magdeburg. In dieser Zeit hat sie sich nicht nur als Athletin, sondern auch als Persönlichkeit entwickelt.

Von Daniel Hübner
Sarah Köhler hatte viele Gründe zur Freude in den vergangenen Jahren. Sportlich wie privat. Auch in Tokio möchte sie lächeln.
Sarah Köhler hatte viele Gründe zur Freude in den vergangenen Jahren. Sportlich wie privat. Auch in Tokio möchte sie lächeln. Foto: dpa

Tokio/Magdeburg - Vor einigen Wochen bei der spanischen Meisterschaft in Banyoles hat Sarah Köhler ihre Position im Freiwasser gesucht. Sie ist gegen die Olympiasiegerin und Niederländerin Sharon van Rouwendaal geschwommen, sie ist gegen die Brasilianerin Ana Cunha angetreten – und gegen Finnia Wunram aus ihrer Trainingsgruppe beim SC Magdeburg außerdem. Und sie ist Dritte geworden über die zehn Kilometer. „Für die Beckenwettbewerbe in Tokio“, sagt Sarah Köhler, „war das ein besseres Training.“ Aber für ihre Zukunft im Freiwasser, und die wird sie haben in den nächsten zwei, drei Jahren, berichtet sie, „war es gut zu schauen, wo ich mich einsortieren kann“. Ihr Fazit: „Ich habe meine Lehren daraus gezogen.“ Welche das sind, das will sie nicht erklären. „Dann würde ich ja meine Taktik verraten“, meint Köhler lachend.

Um Taktik geht es auch in Tokio, bei den Olympischen Spielen, die für Köhler am 26. Juli mit dem Vorlauf über 1500 Meter Freistil beginnen, die jüngste Disziplin im olympischen Schwimm-Programm übrigens. Neben den 800 Metern für die Männer. Beide Strecken feiern in Japan ihre Premiere. Köhler startet auch über die 800 Meter – wie schon vor fünf Jahren in Rio de Janeiro, als sie den achten Platz belegte. Aber seither hat sich viel verändert für sie, und das betrifft nicht nur ihr Gefühl vor ihren zweiten Sommerspielen. „Das ist komplett ein anderes“, bestätigt die 27-Jährige. „Es ist nicht weniger gut, es ist eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude.“ Nach wie vor. „Ich war damals in Rio auch kein Kind mehr, aber ich gehe nun mit einer völlig anderen Erwartung, mit einem völlig anderen Ziel an den Start.“

Aber nicht nur als Athletin, die bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Gwangju (Südkorea) Silber über 1500 Meter gewann und den vierten Platz über die 800 Meter erzielte, hat sie Zeichen gesetzt. Auch als gereifte und starke Persönlichkeit, als die sie in den ersten Monaten auch neben dem Becken überzeugte. Sarah Köhler studiert bekanntlich Jura, allein ihr Gefühl für Recht und Gerechtigkeit war in dieser Zeit als Athletensprecherin gefordert. Als nämlich der Deutsche Schwimmverband (DSV) sich in die eigene Ohnmacht katapultierte – erst mit der Freistellung des Freiwasser-Bundestrainers wegen Verdacht auf sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener, dann die Freistellung des Leistungssportdirektors, weil er angeblich nicht frühzeitig eingegriffen hatte. Erst hat sie sich sofort für die Rechte der Athleten und Athletinnen stark gemacht, dann hat sie den DSV kritisiert.

Für sie eine Selbstverständlichkeit. „Es ist meine Aufgabe, solche Dinge von den Athleten und Athletinnen fernzuhalten, deshalb bin ich von ihnen gewählt worden.“ Aber ja, „es hat mich Kraft gekostet. Und irgendwann, nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte, habe ich entschieden, ich brauche diese Energie zu 110 Prozent für die Vorbereitung auf die Spiele.“

Natürlich ist es ein Kindheitstraum, eine olympische Medaille zu gewinnen.

Sarah Köhler

Zurück ins Becken. In jenem der Elbehalle schwimmt Köhler seit Sommer 2018. Nach der damaligen Europameisterschaft in Glasgow war sie zum Stützpunkt nach Magdeburg gewechselt, zu Trainer Bernd Berkhahn. Seither, berichtet sie, „ist meine Ausdauer besser geworden, die Geschwindigkeit höher, die Technik besser“. Auch an Kraft hat sie zugelegt. „Ich habe eigentlich in allen Bereichen Fortschritte gemacht.“

Und Köhler, verlobt mit Doppelweltmeister Florian Wellbrock vom SCM, hat natürlich nichts davon in der zuletzt dreimonatigen Wettkampfpause seit der Olympia-Qualifikation in Berlin verloren. „Wir haben trainingsgruppeninterne Wettkämpfe absolviert, und ich habe dort eine starke Konkurrenz mit Isabel Gose und Sharon van Rouwendaal, das ist für uns alle ein Gewinn.“

Inzwischen hält sie sechs deutsche Rekorde und den Kurzbahn-Weltrekord über 1500 Meter. Köhler, die für die SG Frankfurt startet, weiß natürlich, was die internationale Konkurrenz in Tokio in dieser Saison bereits angeboten hat: die Damen Katie Ledecky (USA), Simona Quadarella (Italien) oder die starken Australierinnen. Sie ist Siebte der Welt über die längste Distanz, sie ist Zwölfte der Welt über die 800 Meter, wenngleich nicht alle aus diesem Ranking auch in Tokio am Start sein werden.

Köhler blickt einerseits voraus: „Wir haben so hart und lange darauf hingearbeitet, dass ich unbeschwert in die Rennen gehen kann. Natürlich ist es ein Kindheitstraum, eine olympische Medaille zu gewinnen.“ Andererseits: „Ich kann eine mega Bestzeit schwimmen und trotzdem Vierte werden. Dann wäre ich im ersten Moment enttäuscht. Aber ich könnte mir nichts vorwerfen.“ Und das ist das wichtigste Gefühl.