Magdeburg l Der Deutsche Schwimmverband steht mit neuem Personal vor alten Herausforderungen: Nach dem überraschenden Rücktritt von Chefbundestrainer Henning Lambertz vor Jahresfrist hat ein neues Trainer-Team Tokio die sportliche Verantwortung übernommen. Zu diesem Team gehört auch der Magdeburger Coach Bernd Berkhahn. Im spricht der 47-Jährige über Aufgaben, Veränderungen und Zuversicht mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

Bernd Berkhahn, neues Jahr, neues Glück. Auch beim Deutschen Schwimmverband. Ein Trainer-Team bereitet nun die Athleten auf die Olympischen Spiele 2020 vor. Sie gehören dazu. Was sind die Aufgaben?
Bernd Berkhahn:
Wir versuchen, viele Dinge auf mehrere Schultern zu verteilen, damit auch in allen Bereichen mehr Kompetenz reinkommt. Wir wollen uns zudem mit neuen Trainern, neuen Persönlichkeiten verstärken und das Schwimmen weiter professionalisieren. Ohne konkret auf Details einzugehen: Da gibt es sehr viel für uns zu tun.

Hat Sie der Rücktritt von Lambertz überrascht?
Es hatte sich zumindest angedeutet, dass sich etwas verändern wird und muss. Mich hat dann nur der Ablauf, wie zügig es also ging, überrascht.

Lambertz selbst hatte von einer Entmachtung gesprochen. Heißt das, das Trainer-Team hat einen Machtkampf gewonnen?
Nein, denn von einem Machtkampf konnte nicht die Rede sein. Die Maßgabe und Idee des neuen Sportdirektors Thomas Kurschilgen war es, mehr Leute zu integrieren, mehr Meinungen einzuholen, mehr Kompetenzen zu bündeln. Dadurch hat Henning Lambertz natürlich auch an Macht verloren. Und ich denke, deshalb empfindet er es so aus seiner Perspektive.

Lambertz hatte in der vergangenen Saison das Staffelprojekt so sehr in den Vordergrund gerückt, weshalb es schien, er hätte den Glauben an eine Medaille 2020 in einer Einzeldisziplin verloren. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass die Beckenschwimmer des DSV erstmals seit Peking 2008 wieder Edelmetall aus dem Becken in Tokio ziehen werden?
Wir versuchen einfach, die Arbeit zu optimieren und den Trainern nicht mehr wie bisher zu viel aufzubürden. Wir wollen die Rolle als Unterstützer übernehmen und die Bedingungen für Übungsleiter und Athleten verbessern. Damit wird auch ein positives Ergebnis wahrscheinlicher. Die Staffeln sind aber auch für uns ein wichtiges Thema, deshalb werden wir auch ein entsprechendes Projekt nach unseren Ideen und Konzepten führen.

Bedeutet das neue Trainer-Team auch das Ende der angedachten Zentralisierung und des umstrittenen Kraftkonzeptes, das vor zwei Jahren für alle gleichermaßen eingeführt wurde?
Wir werden den Verbleib von Kader-Athleten an kleineren Stützpunkten oder in größeren Vereinen akzeptieren und unterstützen. Wir sind aber auch daran interessiert, dass die besten Sportler unter den besten Bedingungen trainieren. Deshalb versuchen wir, die Arbeit und das Umfeld an den Stützpunkten so zu gestalten, dass sie auch attraktiv genug sind für die Athleten, die wechseln möchten. Aber wir zielen nicht darauf ab, jemanden zum Wechsel zu zwingen.

Für das Kraftkonzept gibt es einen Rahmen-Trainingsplan, der bestehen bleibt. Es gibt bei den Sportlern verschiedene Entwicklungsphasen, die wir unterstützen wollen und müssen. Allerdings nicht, in- dem große Reize aus späteren Phasen vorgezogen werden, die letztlich nur dafür sorgen, dass andere Entwicklungsschritte nicht mehr gegangen werden.

Gibt es bereits Medaillenziele für die WM im Juli in Gwangju (Südkorea)?
Die wird es nicht geben. Wir haben auch keine Glaskugel, mit der wir in die Zukunft schauen. Es geht darum, dass jeder seine beste Leistung für das beste Ergebnis abruft. Jeder kann einen Blick auf die Weltrangliste in den einzelnen Disziplinen werfen. Und jeder sieht, was man von einem Athleten erwarten kann. Unser Anspruch ist es, die Sportler optimal zu entwickeln und auf den Saisonhöhepunkt vorzubereiten.

Noch stehen auch die Nominierungsrichtlinien für die WM nicht fest. Bislang orientierten sie sich zeitlich an den achten Platz bei den letzten Olympischen Spielen. Werden Sie daran was ändern?
Ja. Die Normen werden etwas gelockert. Aber sie werden sich auch in den vom Weltverband Fina vorgegebenen Zeiten bewegen. Wir streichen außerdem die bisherige Vor- laufnorm, es wird bei uns auch keine U-23-Norm mehr geben.

Trotzdem wollen wir natürlich auch junge Sportler im Blick behalten. Und wenn wir sehen, dass ihre Entwicklungstendenz bereits positiv mit Blick auf die Sommerspiele 2024 verläuft, dann nehmen wir sie auch zum aktuellen Saisonhöhepunkt mit, für den sie die Norm vielleicht nicht ganz geschafft haben. Wir wollen einfach unabhängig von Normen beweglich bleiben. Jede Disziplin und jede Leistung wird dabei differenziert betrachtet.

Sie sind seit 1. Januar leitender Bundesstützpunkt-Trainer in Magdeburg. Sie sind außerdem Coach der SCM-Schwimmer. Und nun auch Mitglied des Trainer-Teams beim DSV. Wie wollen Sie all diese Aufgaben unter einen Hut bekommen?
Mein Schwerpunkt ist weiterhin die Entwicklung der Sportler in Magdeburg. Das ist mein Arbeitsauftrag. Wir haben uns zudem mit dem erfahrenen Coach Norbert Warnatzsch verstärkt. Und ich merke, dass ich dadurch mehr Luft habe. Wir sind im ständigen Austausch über Ideen für Sportler, um sie weiterzuentwickeln. Unsere Zusammenarbeit ist schon jetzt sehr produktiv. Ich brauche aber die Unterstützung aller Kollegen hier in Magdeburg, um auch alle anderen Ansprüche abdecken zu können.

Spüren Sie in Ihrer neuen Aufgabe im Trainer-Team nicht auch ein wenig Anspannung oder sogar einen Erwartungsdruck? Oder können Sie tatsächlich einfach den Fokus auf die Entwicklung der Sportler legen?
Für mich ist es die Möglichkeit, meine Ideen auch in den DSV einzubringen. Das belastet mich nicht, das macht mir Spaß. Wir haben in Magdeburg ein System entwickelt, mit dem wir Erfolge aufweisen können. Das versuche ich in den Verband zu transportieren. Aber auch die anderen Kollegen bringen ihre Ideen mit ein. Deshalb habe ich keine Sorge, sondern verspüre einfach Vorfreude.