Magdeburg l Lina war erstaunt oder wie ihr Vater sagte: „Voll geschockt.“ Womöglich hatte sie bis dato nie so viele Tränen beim Papa gesehen. Aber die hatten am vergangenen Sonntag ihren Weg aus den Augen von Paul Krenz direkt in die Öffentlichkeit gefunden. „Wir wussten eine Woche vor dem Wettkampf noch nicht einmal, mit welchem Material wir fahren. Wir hatten mit dem Team nur acht Starts in dieser Saison absolviert“, erklärte der Anschieber vom Mitteldeutschen Sportclub (MSC): „Das muss man alles bedenken.“ Wenn man nämlich seine Bronzemedaille im Vierer bei der Bob-Weltmeisterschaft in Altenberg analysiert.

Zwei Tage später hatte sich die Gemütslage wieder beruhigt. Gerade das Gemüt wurde zum WM-Finale auf eine harte Probe gestellt. Erst Edelmetall, zu dem Krenz mit Joshua Bluhm und Eric Franke den Piloten Nico Walther angeschoben hatte. Dann der Rücktritt von Walther vom Leistungssport, der selbst fürs Team überraschend kam.

Der Weg nach Peking endet vorzeitig

Walther hatte sich beim Trainingssturz im vergangenen Oktober einen Halswirbel angebrochen und war lange ausgefallen. Zudem war die Gefahr einer Querschnittslähmung plötzlich allgegenwärtig – zumindest in seinem Kopf. Walther ist nicht mehr bereit, das Risiko seines Sports mitzutragen. Das erklärte er nach dem letzten Wertungslauf auch allen Fans in Altenberg: „Es war eine spezielle WM, denn es war die letzte.“

Krenz hatte dieser Auftritt betrübt. „Wir sind wirklich gute Freunde geworden in dieser wahnsinnig tollen Zeit, die wir hatten“, sagte der Anschieber, der mit Walther bei der WM 2019 ebenfalls Bronze gewonnen hatte – damals im Zweier. „Deshalb hat mich seine Entscheidung schon sehr mitgenommen.“

Kontakt zu anderen Teams aufgenommen

Natürlich war im Walther-Team über die Möglichkeit eines Rückzugs des 29-jährigen Piloten gesprochen worden. „Aber ich dachte, nach der Bronzemedaille geht es weiter. Ich hätte nicht erwartet, dass unser gemeinsamer Weg zu den Olympischen Winterspielen 2022 nach Peking so schnell endet“, sagte Krenz.

Das stellt den MSC-Athleten natürlich vor eine neue Herausforderung, die er bereits angegangen ist. „Ich habe erste Gespräche geführt“, erklärte er zur Kontaktaufnahme mit anderen Teams. Das Problem ist nämlich: Piloten stellen sich ihre Mannschaften für eine Saison selbst zusammen, Trainer und Bundestrainer geben allenfalls Empfehlungen. „Ich möchte im nächsten Winter als bester Anschieber in Deutschland nicht am Rand stehen“, betonte Krenz. Aber er er ist sich sicher: „Die Entscheidung, die ich treffe, wird auch die richtige sein.“

Das Beste rausgeholt

Er hatte auch die Entscheidung getroffen, selbst mit der Fraktur im linken Fuß, die er sich im Januar beim Sturz beim Weltcup in Innsbruck zugezogen hatte, den Vierer anzuschieben. „Das waren harte letzte Wochen für mich“, berichtete er über seinen Kampf um den Start in Altenberg. Aber die hatten sich gelohnt. Auch deshalb hat er der Öffentlichkeit seine Tränen gezeigt. Zudem: „Wir hatten uns vor der Saison gesagt im Team, dass wir in jedem Fall bei der WM mit einer Medaille abschließen wollen“, so Krenz. „Jetzt sind wir Dritter bei der Europameisterschaft und bei der WM geworden. „Letztlich haben wir das Beste herausgeholt.“ Aus einer Saison voller Rückschläge.

Jetzt kümmert sich der 28-Jährige zunächst um seinen linken Fuß. „Es hält ja alles, es muss nur noch richtig zusammenwachsen.“ Vielleicht reichen Krenz dafür die nächsten drei, vier Wochen Entspannung, die er auch in Ägypten sucht. Eine Zeit ohne Training, in der sein Körper neue Kraft tanken darf. Damit Lina wieder staunen kann.