Magdeburg l Die hübsche Verlobte von Robin Krasniqi hielt es in der letzten Runde nicht mehr auf ihrem Sitz. Fast zitternd stand Heidi beim SES-Boxabend in der Stadthalle am Ring. Sie zuckte zusammen, wenn ihr Robin im Duell mit Stefan Härtel einen Schlag kassierte, jubelte und schrie, wenn ihr Liebster selbst austeilte. Und als der letzte Gong kam, klatschte sie hoffnungsvoll in die Hände. Aber die Hoffnung wurde ihr durch die Gesten aus dem Ring schnell genommen.

Klares Punkturteil gegen Krasniqi

Krasniqi hatte zu viele Treffer kassiert und zu oft nur in die Deckung seines starken Gegners geschlagen. So hieß es am Ende 117:112, 116:112 und 115:113 für Härtel, der damit neuer Europameister im Supermittelgewicht ist.

Ulli Wegner begeistert

Es war ein Duell, das nicht nur Heidi vom Sitz riss. „Was für ein toller Kampf. Eine Werbung für das Boxen. Und dieser Fight zeigte auch deutlich, dass das deutsche Boxen lebt“, schwärmte Trainerlegende Ulli Wegner. Der hatte Härtel einst zu Beginn von dessen Profikarriere betreut und war erstaunt: „So einen starken Stefan Härtel habe ich noch nie gesehen. Er hat schlau geboxt und endlich auch mal den richtigen Willen gezeigt.“

Größter Erfolg für Härtel

Genau das war vor dem Kampf die große Frage. Kann der Berliner neben seiner boxerischen Klasse auch mental bis ans Limit gehen? Oder bleibt er ein ewiges Talent? „Ich war so heiß wie noch nie auf einen Kampf“, verriet Härtel, der seine Kritiker überraschte und den größten Erfolg seiner Karriere feiern durfte. Zuvor hatte er als Amateur bei Olympia 2012 und der WM 2014 nur knapp eine Medaille verpasst. Und vor einem Jahr musste der 31-Jährige sich als Profi im Kampf um den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht Adam Deines geschlagen geben. „Bei einer klaren Niederlage hätte ich aufgehört. Aber jetzt will ich auch Weltmeister werden und nicht nur gegen ein paar Taxifahrer ständig den EM-Gürtel verteidigen“, meinte Härtel, der durch den Sieg seinen Trainer Stephan Kühne ab sofort duzen darf.

Cut behinderte Krasniqi

Während Härtel weit nach Mitternacht auch noch stolz erzählte, wie er vor dem Kampf mit seinem Töchterchen geskypt hat, saß Krasniqi niedergeschlagen in seiner Kabine. Der 32-Jährige hatte sich nach vielen Anläufen im letzten Juni den EM-Gürtel geschnappt und ist ihn bei der zweiten Titelverteidigung nun wieder los. Um das mental zu verarbeiten, braucht es einige Wochen. Sein Cut über dem rechten Auge wird sicher eher verheilt sein.

Schon in Runde zwei tat sich nach einem Schlag von Härtel dort eine klaffende Wunde auf, die in den restlichen zehn Runden das Blut fast bis in die Zuschauerränge spritzen ließ. Krasniqi: „Das hat mich schon ziemlich behindert, weil ich dadurch mit dem rechten Auge kaum richtig sehen konnte.“

Ehrung für Promoter Steinforth

Das blutverschmierte Gesicht war für Krasniqi aber auch zusätzliche Motivation, am Ende des Kampfes noch mal auf einen K.o.-Sieg zu gehen. Kühne: „Wir wussten ja, dass Robin wahrscheinlich die stärkere Physis hat. In der neunten Runde war es noch mal richtig eng. Da hat Robin mächtig Druck gemacht, Stefan hat in der Pause auch richtig gepumpt. Aber nach der zehnten Runde war alles wieder gut.“

Weil es von der ersten bis zur letzten Runde mit Tempo zur Sache ging, hat die EBU bereits angekündigt, diesen Fight als „Kampf des Jahres“ zu nominieren. Was auch SES-Macher Ulf Steinforth, der vom Bund Deutscher Berufsboxer als Promoter des Jahrzehnts geehrt wurde, bestätigt: „Viele haben mich belächelt, als ich einen großen Kampf angekündigt habe. Aber jetzt wissen alle, warum.“