Las Vegas/Magdeburg l Es war im März, als Tom Schwarz eine Begegnung mit der Vergangenheit hatte. Eine Begegnung mit seiner Schulzeit, an die er nicht so gute Erinnerungen hat. Der Profi-Boxer war gerade aus dem Ägypten-Urlaub nach Deutschland zurückgekehrt, wollte seine Oma Elli in Naundorf bei Halle besuchen. „Als ich zu ihr fuhr“, erzählt Schwarz, „bin ich mit dem Auto an einem meiner früheren Mitschüler vorbeigefahren, der mich früher in der Schule gemobbt und geschlagen hat. Als ich ihn da mit einem Sechserpack Bier in der Hand und nicht gerade glücklich wirkend auf dem Gehweg sah, dachte ich so für mich: ,Ich habe es geschafft und er wohl eher nicht.‘“

Die Begegnung mit dem früheren Mitschüler musste fast wie ein Zeichen von oben wirken. Denn: „Am nächsten Tag“, erzählt Schwarz, „bestellte mich Ulf Steinforth ins Büro und fragte mich, ob ich mal in Las Vegas boxen möchte.“ Und genau das wird Tom Schwarz nun tun. In der Nacht zu Sonntag steht für den 25-Jährigen der bisher größte Kampf seines Lebens an. Die Chance seines Lebens. Im legendären MGM Grand von Las Vegas, dort, wo schon alle Großen dieser Boxwelt in den Ring kletterten, bekommt es Schwarz mit Tyson Fury zu tun. Jenem exzentrischen Engländer, der einst Wladimir Klitschko vom Thron stieß.

Über seine Schulzeit hat Tom Schwarz oft genug gesprochen. Dass er dort gehänselt und gemobbt wurde, weil er dick war. Dass ihm, wenn er vor die Klasse treten sollte, fast die Stimme versagte.

Bilder

Hätte dieser kleine Tom damals in die Zukunft schauen können und den Tom von heute entdeckt, hätte er seinen Augen wohl kaum getraut. Denn aus einem Pummelchen ist ein 1,97 Meter großer, durchtrainierter Hüne geworden. Einer, der beim öffentlichen Training in dieser Woche zum AC/DC-Klassiker „T.N.T.“ leichtfüßig und selbstbewusst durch den Ring tänzelte. Ein cooler Typ, der sich für die Pressekonferenz im „Cooperfield Theater“ des MGM-Hotels extra neue Sportschuhe zugelegt hatte, um Furys ausgefallenen Anzug mit Porträts früherer Box-Weltmeister kontern zu können. Beim Smalltalk glänzte Schwarz auf Englisch: „Ich bin auch ein Showmann und liebe inzwischen diese Bühne.“

Eine Bühne, auf der es für ihn noch große Stunden geben soll. Wenn Tom Schwarz seine rechte Faust ausfährt, dann ist auf dem Unterarm in großen Buchstaben „Future“ zu lesen. Zukunft. An die zu denken, nach vorn zu schauen – das ist für den Schwergewichtsboxer aus dem Magdeburger SES-Stall oberstes Gebot. Vor allem in der Nacht zum Sonntag.

Tom Schwarz ist optimistisch

„Ich weiß, dass mir von den Experten kaum einer eine echte Chance einräumt. Aber das ist mir total egal. Ich habe gut trainiert, werde nach vorne marschieren und einen großen Fight liefern“, verspricht er.

Bei den Wettanbietern steht die Siegquote für Schwarz bei 15:1. Wer auf ein Punkturteil zugunsten von Schwarz setzt, kann seinen Einsatz sogar verfünfzigfachen. Heißt: Er ist krasser Außenseiter.

Als Amateur hatte es einst nicht für die ganz große Bühne gereicht. Deshalb wechselte Tom Schwarz schon als 19-Jähriger zu den Profis. Inzwischen stehen 24 Kämpfe auf seiner Fightcard. Und obwohl nicht die ganz großen Gegner dabei waren, sind zwei Junioren-Weltmeistertitel und der aktuelle Interconti-Titel der WBO dennoch echte Achtungszeichen. Und dass Schwarz 16 seiner Kämpfe vorzeitig beendete, macht ihn gerade für die boxverrückten Amerikaner mächtig interessant.

Hype um Schwarz

Anfang der Woche schlenderte er mit seiner Verlobten Tessa durch das MGM und war sofort von den Fans umringt. Hier ein Selfie, da ein Autogramm. Sein SES-Stall kommt kaum noch hinterher, alle Interview-Anfragen zu koordinieren. „Wahnsinn, was hier los ist. Das übersteigt sogar noch alles, was ich mir vorgestellt habe.“

Um von diesem ganzen Rummel nicht erdrückt zu werden, hat er sich mit seinem ganzen Team am Rande von Las Vegas ein Haus in einer ruhigen Gegend gemietet. Da steht der Mann mit den harten Fäusten auch schon mal am Grill, gießt den Garten oder wäscht in der Küche das Geschirr ab.

Starallüren legt Tom Schwarz nur zum Schein an den Tag. Rote Teppiche sind nicht sein Ding. Als er einst mit Ex-DSDS-Sternchen Annemarie Eilfeld zusammen war, hat er sich bei all diesen großen Empfängen mit den Stars aus der Musik- und Filmszene nie richtig wohlgefühlt. „Das war mir immer alles zu sehr aufgesetzt“, sagt Schwarz, der trotz ordentlicher Gagen eher bodenständig geblieben ist.

Outlet gegen Rolex

Nur bei der Mode greift er mal in die teuren Regale, steht vor allem auf Versace und trägt Rolex-Uhren. Schwarz: „Da schaue ich aber auch schon, ob ich im Outlet etwas Günstiges bekomme.“

Dass Tom Schwarz an Schicksale und Zufälle im Leben glaubt, darin wird er übrigens durch die Chance gegen Fury mal wieder bestätigt. Schwarz wäre nämlich fast als Filmstar in Hollywood gelandet. Im vergangenen Jahr gehörte er zum Castingkreis für den Boxer-Film „Creed 2“. Den Zuschlag bekam aber ein anderer. Gut so, sonst hätte es für ihn den Kampf morgen Nacht gegen den wohl größten Box-Clown nicht gegeben. Als Börse sollen dafür geschätzte 800  000 Euro winken.

Doch Tom Schwarz geht es im Wüstenparadies nicht vorrangig um das Geld. „Tom hat nichts zu verlieren. Wenn er sich gut verkauft, ist er erst einmal ganz oben auf der Box-Bühne dabei. Egal, wie der Kampf am Ende ausgeht“, ist sich Promoter Ulf Steinforth sicher.

Box-Überraschungen nicht selten

Und Beispiele für Box-Überraschungen im Schwergewicht sind schnell genannt. Axel Schulz wird heute noch für seinen Kampf gegen George Foreman gefeiert. Den verlor der Deutsche 1995 unter geradezu skandalösen Umständen – im MGM in Las Vegas. Fury selbst hatte man vor vier Jahren gegen Klitschko auch nichts zugetraut. Und vor zwei Wochen verprügelte Andy Ruiz trotz ordentlich Speck um die Hüften den Dreifach-Champ Anthony Joshua. Dadurch steht jetzt für Schwarz und Fury sogar ein Duell um den WM-Gürtel der WBO im Raum. Falls es kurzfristig wirklich dazu kommt, würde Schwarz sogar auf den Spuren des legendären Max Schmeling wandeln, bis heute einziger deutscher Schwergewichtsweltmeister im Boxen. Das war 1930.

Fleißig wie noch nie hat sich Schwarz für diese große Chance fast zwei Monate lang im Bayerischen Wald gequält. „Ich weiß, dass ich fit und beweglich sein muss, wenn ich Fury schlagen will. Dafür bin ich die Berge hoch und runter gerannt, habe Gewichte gestemmt, mich strikt an einen Ernährungsplan gehalten.“ Wenn er darüber spricht, dann leuchten seine Augen, als würde ihm Muhammad Ali aus dem Box-Himmel die Hand reichen. „Ich bete auch vor jedem Kampf und gehe in die Kirche“, verrät der Mann mit den harten Fäusten.

Tessa und die Tränen

Dass er auch ganz zärtlich und lieb sein kann, verrät indes seine Freundin Tessa. „Tom ist sehr rücksichtsvoll und aufmerksam. Es gibt kaum eine Woche, in der er mir keine Blumen schenkt“, erzählt sie. Beide sind inzwischen in ein gemeinsames Haus in Heyrothsberge gezogen. Und beide planen nach dem großen Kampf einen Traumurlaub und dabei auch ihre Hochzeit. „Sie ist mein großes Glück“, sagt Tom Schwarz. „Wir passen perfekt zueinander und lachen auch viel.“

Ende März flossen aber auch die Tränen. Tränen des Glücks. Tessa verrät: „Als Tom von diesem Kampf erfuhr, kam er zu mir ins Friseurgeschäft und hat mir alles erzählt. Er war total aufgeregt und musste vor Freude sogar weinen.“ Fast die halbe Nacht schauten sie sich anschließend Videos von Furys Kämpfen an. „Ich habe ihm zugeredet, es zu machen“, erinnert sich Tessa. „Denn er hat ja schon so lange auf diese Chance gewartet. Jetzt kann er ein Zeichen setzen.“

Als die Freudentränen getrocknet und genug Videos geschaut waren, hat Schwarz am nächsten Tag bei Ulf Steinforth zugesagt.

Viele Neider in Deutschland

Dass es nach der offiziellen Bekanntgabe des Kampfes auch viele Kommentare gab, die sich über ihn lustig machten, nimmt Schwarz zwar locker. Ein bisschen ärgert ihn das aber schon. „In Deutschland gibt es leider auch immer viele Neider. Statt zu sagen: Hey, da hat ein Junge von uns eine große Chance und stolz zu sein, dass ein deutscher Boxer überhaupt gegen Fury boxen darf, sind erst mal viele nur skeptisch.“

Zum Sport kam Tom Schwarz übrigens als Neunjähriger. Mama Daniela schickte ihn zum Boxen, damit er von seinen Kilos runterkommt. Klingt fast wie Ironie des Schicksals. Denn morgen Nacht kann er ein echtes Schwergewicht des deutschen Sports werden.