Magdeburg l Im ersten Bild, das von ihr übermittelt wurde, schlägt Finnia Wunram die Hände vors Gesicht – die Augen zusammengekniffen, gezeichnet von den Anstrengungen der letzten zwei Stunden. Im zweiten Bild liegt sie in den Armen ihres Trainers Bernd Berkhahn, der seinen Schützling liebevoll drückt. Und im dritten Bild, knapp eine Stunde nach dem Zielanschlag gesendet vom Coach höchstpersönlich, strahlt die Schwimmerin vom SCM in die Kamera.

Denn nach einem harten Kampf und nach vielen Minuten des Zitterns durfte Wunram endlich jubeln. Mit einem achten Platz bei der Weltmeisterschaft in Südkorea hat sie sich nämlich das Ticket für ihre ersten Olympischen Spiele gesichert.

Als erste Angabe auf der Anzeigetafel am Sonntag um drei Uhr mitteleuropäischer Zeit fand die Magdeburgerin hinter ihrem Namen allerdings kein Resultat, sondern das unbeliebte Wort „Photofinish“. So eng war es im Zielkorridor im Ocean Park von Yeosu nach zehn Kilometern zugegangen, so viele Hände waren beinahe synchron zum Zielbrett gesprungen. „Ich wusste nicht direkt nach dem Anschlag, ob es gereicht hat“, sagte Wunram der Volksstimme. „Wir sind alle gleichzeitig ins Ziel gekommen. Das war alles sehr knapp.“

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Medaille um 0,8 Sekunden verpasst

Minuten vergingen, ehe sie Gewissheit hatte: Nach 1:54:50,7 Stunden hatte Wunram angeschlagen – und sich damit ihren Traum von Olympia erfüllt. Nur die ersten zehn Damen sicherten sich die Fahrkarte zu den Sommerspielen in Tokio. Dorthin wird Wunram auch von der zweiten Deutschen begleitet: Beim Sieg von Xin Xin (China/1:54:47,2) belegte die Würzburgerin Leonie Beck den neunten Platz mit 0,3 Sekunden Rückstand auf Wunram, die wiederum selbst eine Medaille nur um 0,8 Sekunden verpasste. Zweite wurde Haley Anderson (USA), Bronze ging an Rachele Bruni aus Italien.

Wunram war taktisch großartig geschwommen, obwohl die Verpflegung suboptimal verlief: Nur in den ersten beiden der fünf Stopps konnte sie Energie auftanken. Dennoch agierte sie permanent in der Spitzengruppe, leistete zwischenzeitlich Führungsarbeit, wenngleich die Titelverteidigerin Aurelie Muller (Frankreich )zumeist das Tempo bestimmte, am Ende aber nur Elfte wurde.

23 Grad Luft- und 21 Grad Wassertemperatur sowie ein ruhiger Ocean Park waren ganz nach Wunrams Geschmack. „Es war von Anfang an kein leichtes Rennen, aber ich habe mich sehr wohl gefühlt“, berichtete sie. Und nicht nur das: „Ich habe versucht, mich aus allem rauszuhalten, was auch ganz gut geklappt hat.“

Wunram schwimmt sich frei

Keine harten Zweikämpfe, keine Schläge von fremden Armen und Beinen. Wunram fand selbst im Pulk eine Lücke, um frei schwimmen zu können. Oder sie bahnte sich auf Außen ihren Weg. Bis kurz vor dem Ziel: „Da wurde sie geblockt“, resümierte Berkhahn, „und hatte keine Chance mehr, noch ranzukommen.“

Die bessere Position hatte Xin Xin gefunden. Mit zwei, drei kräftigen Zügen peitschte sie sich an die Spitze und zum Sieg. Trotzdem erklärte Wunram glücklich: „Ich bin einfach froh, dass meine Taktik aufgegangen ist und es fürs Olympia-Ticket gereicht hat.“

Zwei Wettbewerbe stehen für sie noch an: fünf Kilometer am Mittwoch, 25 Kilometer am Freitag. Doch zuvor wird sie Florian Wellbrock und Rob Muffels die Daumen drücken. Die Magdeburger können am Dienstag (1 Uhr/MESZ) das Tokio-Quartett des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) komplettieren. Und den eigenen sowie den Traum von Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz und SCM-Coach Berkhahn erfüllen. „Das hat noch keine Nation geschafft“, erklärte Berk- hahn. Die Bilder würden sich jedenfalls sehen lassen.