Magdeburg l Ein wenig Halskratzen, etwas Heiserkeit. Nichts, was einen Yul Oeltze umhauen könnte. Aber ausreichend viel, um seinen Körper von der höchsten Belastungsstufe in den Ruhezustand zu versetzen. Während die Athleten des Deutschen Kanuverbandes (DKV) also am Donnerstag zum Lehrgang nach Montemor in Portugal gereist sind, nutzt der Canadier-Fahrer vom SCM die Zeit in Magdeburg, um etwas lockerer zu trainieren. Um dem leichten Infekt erst gar nicht die Chance zu geben, sich zu einer ausgewachsenen Infektion zu entwickeln. „Am Montag gehe ich zur Abschlussuntersuchung und werde noch einmal komplett durchgecheckt“, berichtet Oeltze. „Und dann reise ich nach Portugal nach.“

Oeltze schenkt seinem Körper ja bekanntlich schon länger ein besonderes Gehör, gönnt ihm die Ruhe, die er braucht, wenn er besondere Zeichen setzt. Aber dieses Gehör wird nun auch durch besondere Maßnahmen unterstützt – gerade nach der Analyse der vergangenen Saison in sehr vielen Gesprächen mit seinem C2-Partner Peter Kretschmer, mit den Trainern. „Ich habe meinen eingeschlagenen Weg noch professioneller gestaltet“, erklärt er zur Veränderung in der Olympia-Saison. Es gibt jetzt ein großes Team Oeltze.

Oeltze setzt auf großes Team

Ihm zur Seite stehen auf dem Weg nach Tokio nämlich eine Physiotherapeutin, ein Osteopath, ein Heilpraktiker, die Trainer und Analysten Detlef Hummelt und Guido Meyer, ein Ernährungsberater und eine Yoga-Lehrerin. In dieser Mannschaft hat der Zufall keine Chance. Oder wie Oeltze lachend sagt: „Alles ist darauf abgestimmt, dass ich eine Maschine werde.“ Und er ergänzt wiederum ernst: „Das klappt sehr gut, ich habe deutlich weniger Schmerzen als in den vergangenen Jahren, ich fühle mich fitter, bin auch leichter, aber trotzdem stärker. Und ich habe zwischen September und Dezember mehr trainiert als jemals zuvor in meiner Karriere.“

Jedes Mitglied in diesem Team spielt eine spezielle Rolle. Aber welche Rolle spielt Yoga? Zwei- bis dreimal pro Woche geht er zur Trainingsstunde. „Zu 60 Prozent geht es dabei um den Körper und um die Beweglichkeit“, erklärt Oeltze. „Und zu 40 Prozent geht es um das Bewusstsein, um ein bewusstes Atmen zum Beispiel“, ergänzt er. „Ich habe schnell Fortschritte gemacht, das merke ich schon daran, dass ich jetzt ganz anders Auto fahre.“ Womöglich entspannter, womöglich rücksichtsvoller.

Top-Vier-Platzierung reicht

Entspannt und rücksichtsvoll wird er durch die nächsten Wochen nun nicht paddeln, wenngleich der Canadier-Zweier mit Oeltze und seinem Leipziger Partner natürlich einen Vorteil besitzt. Es reicht, dass sie bei der ersten und zweiten nationalen Rangliste im April in Duisburg auf ihrer jeweiligen Schlagseite unter die Top-Vier fahren. Denn dann sind sie für den ersten Weltcup in Racice (Tschechien/7. bis 10. Mai) gesetzt und kämpfen gegen ein weiteres deutsches Duo um den Olympia-Start. Beruhigende Aussicht? „Ich glaube, das ist nicht mehr und weniger beruhigend als sonst auch. Das wird für uns und die Konkurrenten ein Sprung ins kalte Becken. Allerdings in ein Becken, das unseres ist, in dem wir seit drei Jahren fahren.“ Sehr erfolgreich übrigens: Weltmeister über die olympischen 1000 Meter 2017 und 2018, WM-Vierter 2019.

Oeltze und Kretschmer müssen sich aber zunächst auf ihre Qualitäten im Einer konzentrieren. Das fällt ihnen schon deshalb nicht schwer, weil sie auch Solo zu den Stärksten im DKV zählen. Aber das Duo geht dem Solo vor. Zuletzt im Trainingslager in Indian Harbor Beach in Florida haben sie sich mal in ihr Paradeboot gesetzt. „Es lief auf Anhieb super“, berichtet der 26-jährige Magdeburger. „Wir wissen, was wir können. Es ist unser Spiel, und das beherrschen wir gut.“ Weshalb eben die Priorität klar auf dem C2 liegt. „Alles andere ist Zusatz.“ Wie der Einer.

Vorbereitung hat Priorität

Der DKV hat zwei Startplätze in jener Disziplin in Tokio. Einen wird ein Athlet aus dem C2 besetzen, den anderen dürfte der Potsdamer Sebastian Brendel ziemlich sicher haben. Einen Zweikampf im Zweier gibt es deshalb trotzdem nicht. „Peter und ich pushen uns hoch, wir wollen uns gegenseitig im Training schlagen, aber das auf eine sehr partnerschaftliche Art und Weise. Und genauso werden wir damit umgehen, wenn der Starter feststeht.“

Fest stand für Oeltze zu Beginn der Vorbereitung, dass er die Zahl der Termine für seine Agentur, die ihn als Sportler und Person zugleich vermarktet, reduzieren muss. „Ich sage Termine ab, sobald sie nicht in meinen Trainingsplan passen“, betont er. Für Oeltze ist nur eines wichtig: die Teilnahme an den Olympischen Spielen (24. Juli bis 9. August). Seinen ersten überhaupt. Und Yul Oeltze betont: „Ich werde nichts tun, was meinen Start in Tokio gefährden könnte.“