Magdeburg l Neben dem Sandbett steht jetzt ein überaus imposantes Stahlgerüst, nicht nur groß und schwarz, sondern auch klar strukturiert, gebaut für das Training mit dem eigenen Körper. Lea Jasmin Riecke hat dabei keine Lieblingsübung. Sie freut sich über alle Einheiten, in denen sie „hängen und liegen kann“, sagt sie lachend. In der Corona-Krise hat sie an dem Cross-Fit-Tower, wie der monströse Turm heißt, oft gehangen. Und sie hat sich nicht zuletzt mit Vater und Trainer Hans-Ulrich Riecke dort rund um das Sandbett handwerklich betätigt, um aus einer Sprunganlage ein Trainingszentrum zu basteln – in der Leichtathletikhalle am Magdeburger Olympiastützpunkt.

Außer dem Schwung mit dem Pinsel, dem Seufzen nach harter Arbeit, ihrem eigenen Atmen nach absolviertem Sprinttraining und nach Sprüngen in den Sand hat sie ansonsten nicht viel gehört in den vergangenen Wochen, in denen der Zugang zur Halle nur für Olympia- und Perspektivkader wie die 20-Jährige vom Mitteldeutschen Sportclub gestattet war. „Es ist so schön still hier“, hat sie stattdessen freudig zur Kenntnis genommen. Was sich nach weiteren Lockerungen natürlich ändern wird. Aber Lea Riecke hat diese Zeit genossen.

In sechs Wochen bereit für den Wettkampf

Auch an Motivation hat es der Weitspringerin ganz und gar nicht gemangelt, wenngleich „Lea ja ein Wettkampftyp ist“, sagt Trainer Riecke. Und als dieser kam bei der Tochter zumindest einmal erhöhte Sehnsucht auf, als sie Anfang Mai der Terminkalender auf ihre Teilnahme in Hannover-Garbsen, ihrem ganz persönlichen und traditionellen Saisonstart also, aufmerksam machte. Der natürlich wie alles in dieser Zeit abgesagt wurde.

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Auch Hans-Ulrich Riecke hätte in Garbsen die bisherigen Fortschritte seines Schützlings gerne gesehen. „Wir steigen immer früher als andere in die Saison ein, um die Wettkampf-Stabilität zu fördern.“ Die Saison ist eben nur keine, wenngleich die deutschen Meisterschaften in der U 23 im August noch nicht abgesagt wurden. Wenngleich die deutschen Meisterschaften der Elite auf einen bislang unbestimmten Termin in den Spätsommer verschoben wurden. In sechs Wochen, so der Stand am Donnerstag vergangener Woche, soll Lea Riecke bereit für den Wettkampf sein. Das ist der Plan.

Abbruch nach dem Indoor-Istaf

Hinter diesem Plan hätte man auch im Februar und damit vor Corona bereits ein kleines Fragezeichen setzen können. Nach dem Indoor-Istaf hat Lea Riecke zum ersten Mal in ihrer noch jungen Laufbahn selbst erklärt: „Es macht keinen Sinn mehr.“ Nicht, nachdem sie sich eine Entzündung am Ansatz der Achillessehne im linken Sprungbein und einen Fersensporn zugezogen hatte.

Passiert ist das bei einem „Trainingssprung, der sehr unsauber war“, berichtet Vater Riecke. Verstärkt hatte sich der Schmerz bei einem Lehrgang des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) in der ersten Januarwoche auf Lanzarote, weil „die Bahn dort ziemlich hart war“, berichtet die Athletin. Ergebnis beim Istaf: 5,98 Meter. „Ich war verletzt und bin auch mit der gesamten Anlage nicht zurechtgekommen“, erinnert sie sich.

Verlegung mit Vorteilen

Womöglich kam die Zwangspause zur rechten Zeit. Die Corona-Krise hat ihrem Neuaufbau auch nicht geschadet. Und die Verlegung der Olympischen Spiele in das Jahr 2021 bringt für Riecke ebenfalls Vorteile mit. „Mir kommt sie zugute, weil ich meinen Anlauf festigen kann“, bestätigt sie. Denn den hat sie umgestellt.

Nicht etwa wieder mal. Sondern jetzt erst recht, um ihre Weiterentwicklung voranzutreiben, sagt Hans-Ulrich Riecke. „Wir haben ja erst nach ihrem WM-Titel in der U 20 vor zwei Jahren intensiv mit dem Weitsprungtraining begonnen“, beginnt er sein Resümee der ziemlich kurzen Zeit als Spezialistin im Sand. Und dann ging es neben dem Anlauf zunächst um den letzten Schritt zum Balken, der zu Beginn recht lang war und auch Schmerzen verursachte. Dann wurde er kürzer, „damit sie einfach gesund bleibt“, sagt Riecke. „Sie ist auch immer auf der Suche nach ihrem eigenen Stil gewesen.“

Nicht mehr in Weiten denken

Jetzt wird sie ihn womöglich finden, mit dem neuen Anlauf und mit zwei stabilen letzten Schritten zum Absprung, um „einen besseren Rhythmus und ein besseres Gefühl aufzubauen“. Und mit einer neuen Einstellung: „Lea soll bei einem Wettkampf nicht mehr in Weiten denken, sondern einfach Spaß haben.“ Ersteres hat sie in der Vergangenheit auch mal verkrampfen lassen.

Es ist also möglich, dass sie in diesem Jahr noch ihre Chance bekommen wird, sich zumindest mit der nationalen Konkurrenz zu messen. 6,51 Meter stehen seit dem WM-Titel in ihrem Rekordbuch. Und nach jenem Titel ist sie neben dem Gold auch um ein weiteres Schmuckstück reicher geworden. Ihre Eltern hatten ihr eine Silberkette mit den olympischen Ringen als Anhänger geschenkt, die sie auch im Training trägt. So springt der Traum von Olympia jeden Tag mit. Und manchmal hängt und liegt er auch mit ihr am monströsen Turm.