Doha/Magdeburg l Zu nächtlicher Stunde reichte es an der Bar des Marriott-Marquis-Hotels noch für einen Absacker. Mehr als dieser ist in Doha schon deshalb unmöglich, weil allein für ein Bier satte zwölf Euro aufgerufen werden. „Die große Feier müssen wir nachholen“, sagt Martin Wierig.

Feiern will der Diskuswerfer vom SC Magdeburg nämlich seinen achten Platz bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar. Dass dies in der öffentlichen Wahrnehmung eher kein Grund ist, sich zu bejubeln, das weiß auch Wierig. „Der Zuschauer wird sagen: Achter ist fünf Plätze von einer Medaille entfernt.“ Und was sagt Wierig? „Platz acht fühlt sich wie ein kleiner Sieg an.“

Dass bereits der Einzug in sein zweites WM-Finale nach 2013 in Moskau (Platz vier) unter dem öffentlichen Radar stattgefunden hat, ist ihm auch nicht verborgen geblieben. „Es hat mich schon traurig gestimmt, dass die negative Schlagzeile über das WM-Aus von Christoph Harting wichtiger war als die positive über meinen Finaleinzug“, sagt Wierig. Aber er kennt auch die Mechanismen: „Christoph ist Olympiasieger. Und er polarisiert.“

Wierig ist kein Olympiasieger. Er hat weder bei einer WM noch bei einer Europameisterschaft eine Medaille geholt, stattdessen liegt hinter ihm eine sechsjährige Durststrecke. Wierig polarisiert nicht. Wierig ist der freundliche Nachbar, den man gerne sucht, um Frieden im Leben zu finden. Nun sagt er: „Ich denke, dass ich in der öffentlichen Wahrnehmung einen Schritt nach vorn gemacht habe.“

Diese Öffentlichkeit, vorwiegend jene an den TV-Bildschirmen, denn im Khalifa-Stadion saß gefühlt wieder keiner, sah am Montagabend seine beste Weite mit 64,98 Metern. Diesmal hat sie zur Rückkehr in die Weltklasse auf das Radar gereicht, aber sie ist längst nicht „der Ausreißer“, den sich Trainer Armin Lemme von Wierig wünscht. Und der ihn in die Medaillennähe führt. Lemme erklärt: „Das Finale hatte ein starkes Niveau. Daniel Stahl hat nicht einen Wurf richtig getroffen und hat trotzdem gewonnen. Aber er wirft eben in seiner eigenen Welt.“

Jeden Wurf genossen

Der 27-jährige Schwede siegte mit 67,59 Metern. „Alle anderen sind zwischen 64 und 67 Metern kleben geblieben.“ Und dies bei Laborbedingungen, sagt Lemme. Zumindest hing die Windfahne am Boden schlaff am Haken. „Dann zeigt sich eigentlich erst das wahre Leistungsvermögen.“

Martin Wierig hätte gern die 65-Meter-Marke geknackt. Das wäre ihm mehr wert gewesen als der Saisonbestwert von 66,04 Metern aus dem Mai, erzielt auf der „Wurfwiese“ in Schönebeck. Dennoch war er glücklich mit seiner Leistung. Weil er mit dem Finale sein Ziel erreichte. Weil er „vom dritten bis zum sechsten Durchgang jeden Wurf genießen konnte“. Weil sein Ergebnis den gesamten Saisonverlauf bestätigt hat. „Ich habe abgeliefert“, betont der deutsche Meister. Nicht nur in der Weite.

„David Wrobel und Martin haben sich im Kraftbereich weiterentwickelt, haben neue Bestmarken aufgestellt, was für Martins Alter nicht üblich ist“, sagt Lemme. „Sie hatten auch keinen Leistungsabfall wie in den vergangenen Jahren.“ Das wiederum begründet der 63-jährige Coach nicht zuletzt mit der Rückkehr zu einem Training, das er mit Wierig schon in früheren Zeiten absolviert hat. „In den letzten Jahren hat es immer wieder Neuerungen gegeben, diesmal haben wir auf alte Erkenntnisse zurückgegriffen.“ Mit Erfolg. Wrobel, 28, hatte in Doha seine WM-Premiere (16.) gegeben.

Trotzdem hat Wierig im Finale nicht alles richtig gemacht. Vor allem nicht bei seinen drei ungültigen Versuchen. „Ich dachte, ich muss die Welt einreißen. Aber ich habe mich besonnen und im letzten Versuch meinen besten Wurf gezeigt“, freut sich Wierig. Wie so oft bei den Wettkämpfen 2019. Was Lemme verwundert: „Das ist ihm früher nie gelungen.“

Doha hat auch die Motivation des Trainers gestärkt: „Die WM hat mir den Anstoß gegeben, beide Jungs zu den Sommerspielen nach Tokio zu bringen.“ Auf die ganz große öffentliche Bühne.