Magdeburg l Neulich hat David Wrobel live aus dem Kraftraum und per Facebook die Übung „Butterfly“ präsentiert. Der Diskuswerfer vom SC Magdeburg lag dabei mit dem Rücken auf einer Bank, streckte die Arme mit schweren Gewichten in den Händen zur Seite aus, schrie dabei „Jaaaaa“, „Jahaahaaa“ und schlussendlich war ein „Scheiße“ zu vernehmen. So quält sich Wrobel seit Monaten, ach was, seit Jahren seinen ersten Olympischen Spielen entgegen. Seit gestern muss er sich noch weiterquälen. Ein ganzes Jahr weiter.

Denn seit gestern finden die Sommerspiele nicht mehr 2020, sondern erst 2021 statt. Darauf haben sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Regierung Japans verständigt. Nur den genauen Termin haben sie noch nicht festgelegt. Es ist zu erwarten, dass es sich dabei um einen Zeitraum im Sommer handeln wird.

Wrobel ist erleichtert

Traurig, enttäuscht, gar frustriert? Nichts dergleichen ist Wrobel. Im Gegenteil: „Endlich herrscht Klarheit“, sagte der 29-Jährige. Das ganze Training der letzten Wochen „hat mir große Probleme bereitet“. Wrobel hat wie alle Athleten ins Leere hineingearbeitet. Nun „wurde eine optimale Entscheidung in den Zeiten von Corona getroffen“.

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Es war ja unklar, wie und wann sich die Athleten für Tokio qualifizieren sollten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hält zwar weiter an seinem Termin für die nationalen Titelkämpfe am ersten Juni-Wochenende in Braunschweig fest. „Aber wir hatten sonst keine Wettbewerbe mehr“, so Wrobel. Keinen Test mit der Konkurrenz, ob der deutschen oder der internationalen. Nun wird sich im SCM-Werferlager die Lage emotional beruhigen. „Ich denke, wir werden die Umfänge etwas runterschrauben“, erklärte Wrobel.

Neuer Plan ist schon gemacht

Werden sie, denn den Plan für den Fall der Verlegung hat Armin Lemme bereits gemacht. Fortan wird es eine Einheit pro Tag geben, sagte der Coach. Denn natürlich wollen die Olympiakader, die per Sondergenehmigung des Landesverwaltungsamtes an den Bundesstützpunkten trainieren dürfen, auch weiterhin ihre Einheiten absolvieren. „Ich weiß, dass die Trainer auf Kontinuität setzen“, erklärte Helmut Kurrat, der Chef des Olympia-Stützpunktes Sachsen-Anhalt.

Kurrat sagte zur Verschiebung: „Eigentlich bin ich erleichtert.“ Aber tatsächlich beginnt nun für ihn der Stress aufs Neue. Wieder muss eine Olympiasaison geplant werden inklusive aller Nebenschauplätze, die den Trainern wichtig sind. „Aber das können wir auch erst machen, wenn ein Ende der Corona-Krise in Sicht ist“, weiß der 60-Jährige.

Oeltze in guter Form

Auch der SCM muss neu planen, erklärte der Vizepräsident für Leistungssport, Eik Ruddat. Für ihn ist die Olympiaverlegung „eine einschneidende Entscheidung, die aber folgerichtig ist, weil die Gesundheit einfach über allem steht“. Aber er fühlt auch mit den Athleten: „Sie sind die Leidtragenden, die viele Jahre auf ihren Traum vom Olympia-Start hingearbeitet haben. Eine Absage ist für sie eine schwere Katastrophe, mit der sie erst einmal umgehen müssen“, betonte der 42-Jährige.

Dazu dürfte auch Yul Oeltze gehören. Der Canadier-Fahrer ist „derzeit in der besten Form des gesamten Olympia-Zyklus“, erklärt dessen Trainer Detlef Hummelt. „Jetzt müssen wir zusehen, dass wir die Form über ein Jahr hinweg kompensieren.“ Und nicht nur das könnte ein Pro-blem sein: „Es kommen natürlich die jungen Wilden, die in diesem Jahr zum erweiterten Kader gehörten, und wittern ihre Chance“, ist sich der 64-Jährige sicher.

Eine solche könnte übrigens auch Philipp Syring bekommen, wenngleich auch im Fall des Ruderers die Kriterien neu festgelegt werden müssten, sagte sein Trainer Roland Oesemann. Syring hatte mit Marc Kammann in diesem Jahr den Ausscheid um einen internationalen Start im Zweier ohne Steuermann verloren. „Jetzt müssen wir abwarten, was passiert“, erklärte Oesemann, der die Verschiebung für richtig hält: „Endlich können wieder alle an die Arbeit gehen.“ Was er meint: Endlich wissen wieder alle, wofür sie überhaupt trainieren.

Berkhahn ist froh

Und endlich kommen alle wieder ein wenig zur Ruhe – oder wie Bernd Berkhahn, der Trainer der SCM-Schwimmer und Bundestrainer zugleich, erklärte: „Mit der Entscheidung wird enorm viel Druck von der Sportwelt genommen. Wir sind froh, dass man sich nun für einen deutlich späteren Zeitpunkt entschieden hat, damit wird auch der Wunsch der Athleten des Deutschen Schwimmverbandes erfüllt.“

Es gibt aber auch das andere Schicksal: das Schicksal des verlegten Abschieds von der großen Bühne. Trainer Lemme zum Beispiel geht am 1. Juli 2021 in Rente, Kollege Hummelt zwei Monate früher. Das war zumindest ihr Plan. Nun müssen sie den Renteneintritt womöglich vertagen. „Ich wollte mit den Spielen eigentlich meinen Abschluss finden“, sagte Lemme. Allerdings in diesem Jahr. Das wollte auch Hummelt. „Jetzt müssen wir darüber reden, ob die Jungs noch ein weiteres Jahr mit mir durchziehen wollen“, erklärte er. Wenn sie es wollen, hängt er die paar Monate gerne dran.

Hentke hängt ein Jahr ran

Das muss nun auch Franziska Hentke. Der „Schmetterling“ vom SCM hatte sich 2016 für vier weitere Jahre im Becken und im Kraftraum entschieden, um zum Abschluss ihrer Karriere bei ihren zweiten Sommerspielen zu starten. Gerade weil sie in Japan stattfinden und weil Hentke Japan mag. „Ich glaube, das werden die besten Spiele überhaupt“, hat sie mal erklärt und dabei auf die Organsiation mit perfektionistischem Anspruch der Japaner verwiesen. Nun geht ihr Kampf zwölf Monate weiter. „Ich werde um ein Jahr verlängern“, bestätigte die 30-Jährige. „Denn ich will die Spiele in Tokio erleben.“