Magdeburg l Dienstagmorgen um 5 Uhr stand Martin Wierig noch vor seinem Hotel im Disneyland bei Paris. Die personifizierte Müdigkeit. Goofy, Mickey Mouse, Pluto: Alle schliefen noch den gerechten Schlaf ihres Comic-Daseins, bevor sie wieder ins alltägliche Touristenvergnügen eintauchten.

Davon hatte Wierig allerdings nichts mehr. Er wurde mit dem Bus abgeholt. Der brachte ihn zum Flughafen Charles de Gaulles. Wierig stieg in den Flieger. Aber er flog nicht wie ursprünglich geplant weiter nach Stockholm zum nächsten Wettkampf, er kehrte zurück nach Magdeburg.

Wieder der letzte Versuch

So endete die Reise des Diskus-Hünen vom SC Magdeburg zu seinem ersten Diamond-League-Meeting nach fünf Jahren. Ausgetragen worden war dieses am Sonntag aber nicht in Paris, sondern in Rabat in Marokko. Und Wierig wurde Fünfter mit 64,58 Metern. Sein Fazit: „Ich habe das Optimale rausgeholt.“ Übrigens einmal mehr im letzten Versuch. Zum vierten Mal in dieser Saison legte er sein stärkstes Ergebnis ganz zum Schluss vor.

„Ich wusste, dass der letzte Wurf auch der beste sein würde“, meinte er lächelnd zur inzwischen eingekehrten Wettkampf-Routine, die auch die harten Trainingseinheiten im Vorfeld nicht durchbrechen konnten. „Von mir aus kann ich das auch gerne so beibehalten.“

Auch dafür hat sich der Stress also gelohnt. Schon jener bei der Anreise, der am Sonnabendmorgen mit der Nachricht von seiner Managerin Vera Michallek über den freien Startplatz in Rabat begann und mit dem Sprung ins Hotelbett am Sonntagmorgen um 2 Uhr endete. Wierig hatte ja sofort zugesagt. Aus gutem Grund: „Da ich mich im nächsten Jahr über die Weltrangliste des Leichtathletik-Weltverbandes für die Olympischen Spiele qualifizieren muss, ist die Diamond League die beste Chance, dafür Punkte zu sammeln.“ Die 24 besten Werfer werden über diese Liste für Tokio 2020 gesucht. Das Qualifikationsfenster wurde am 1. Mai geöffnet.

Zwei werfen in ihren eigenen Sphären

„Ich habe mich wahnsinnig über meinen Start gefreut“, sagte Wierig. „Es ist einfach ein gutes Gefühl, gemeinsam mit der Weltspitze zu starten.“ Wie mit Fredrick Dacres aus Jamaika, der die Zwei-Kilo-Scheibe nicht nur auf die Siegerweite von 70,78 Metern brachte, sondern sich zugleich an die Weltspitze 2019 schob. Und zudem 1499 Punkte für die Olympia-Qualifikation sammelte. Zweiter wurde Daniel Stahl aus Schweden (69,94). „Beide werfen derzeit in ihren eigenen Sphären, das ist leider so“, musste auch Wierig anerkennen. Er selbst liegt mit seiner Saisonbestleistung von 66,04 Metern derzeit auf Rang zehn in der Welt.

1300 Zähler für Tokio

Wierig kam in Rabat auf 1300 Zähler für Tokio: laut Weitentabelle 1145 für 64,58 Meter, laut Positionstabelle 155 für Platz fünf. So wird nämlich gerechnet: Weite plus Platz gleich Gesamtzahl, wobei die Rangpunkte wiederum von der Kategorie des Wettbewerbs abhängig sind. Bei der Weltmeisterschaft in Doha (Katar/28. September bis 6. Oktober) gibt es die meisten Zähler zu holen, die Diamond League folgt in der zweiten Kategorie.

Noch eine Kategorie tiefer wäre das Meeting in Sollentuna bei Stockholm gewesen. Doch weil sein Flieger aus Rabat am Sonntagabend 45 Minuten zu spät in Paris landete, verpasste Wierig den Anschlussflug. Das Gepäck ließ er am Flughafen, das Hotel in Disneyland erreichte er nach einstündiger Busfahrt. Um Mitternacht lag er im Bett, fünf Stunden später stand er wieder vor der Tür.

„Ich konnte mir nicht mal die Zähne putzen“, berichtete der 32-Jährige. So hätte es selbst Goofy, Mickey Mouse oder Pluto an diesem Tag keinen Spaß mit Martin Wierig gemacht. Und so resümierte er letztlich nüchtern seine Reise: „Haken dran.“