Stuttgart (dpa) - Ungeachtet der Kritik von Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen gehen die deutschen Turn-Teams mit großen Ambitionen und voller Vorfreude in die Heim-Weltmeisterschaften in Stuttgart.

"Es ist jetzt schon ein tolles WM-Gefühl. Man merkt, dass es eine Heim-WM ist, man steht jetzt schon viel mehr im Fokus und die Leute schauen was wir machen", sagte Deutschlands beste und erfolgreichste Kunstturnerin Elisabeth Seitz mit Blick auf ihren ersten Wettkampf in ihrer Wahlheimat.

Cheftrainerin Ulla Koch ist froh, wenn ihre Schützlinge nach der langen Vorbereitung endlich zeigen können, was sie drauf haben. "Wir werden am Freitag auf jeden Fall bereit sein", versprach die 64-Jährige aus Bergisch Gladbach. Bereits am frühen Nachmittag um 13.30 Uhr müssen Seitz, Kim Bui, Sophie Scheder, Emelie Petz und die deutsche Mehrkampfmeisterin Sarah Voss in der Hanns-Martin-Schleyer an die Geräte. Dass sie in der Team-Qualifikation mit ihrem Paradegerät Stufenbarren starten, könnte ein Vorteil sein und Sicherheit geben. Ziel ist das Finale der besten acht Teams am Dienstag. Damit wäre die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in jedem Fall gesichert. Womöglich genügt dafür aber auch schon der zwölfte Platz in der Qualifikation.

Jeweils zwölf Teams bei Männern und Frauen starten 2020 in Tokio. Bereits seit der vorigen WM 2017 in Doha qualifiziert sind jeweils drei Mannschaften bei den Frauen (USA, Russland, China) und bei den Männern (China, Russland, Japan). Je neun Tickets werden nun bei der 8,5 Millionen Euro teuren Veranstaltung in der Schwaben-Metropole vom 4. bis 13. Oktober vergeben. "Andere Nationen sitzen uns im Nacken", sagte Koch, gleichwohl ist die 64-Jährige zuversichtlich: "Ich habe vollstes Vertrauen in unser Team."

Schwieriger dürfte es bei den Männern werden, vor allem weil der neben Andreas Toba beste Mehrkämpfer Marcel Nguyen wegen seiner Schulterverletzung ausfällt. Nach seinem "zerplatzen WM-Traum" drückt der 32-Jährige den Teamkollegen Toba, Lukas Dauser, Karim Rida, Nick Klessing und dem für ihn ins Quintett gerutschten Philipp Herder die Daumen. "Philipp wird mich gut ersetzen", sagte der zweimalige Silbermedaillen-Gewinner der Sommerspiele von London 2012. "Ich bin auf jeden Fall da und unterstütze sie."

Wolfgang Willam hofft auf eine "Trotzreaktion" der Männer-Riege. "Wir wollen mit beiden Teams zu Olympia 2020", betonte der DTB-Sportdirektor. "Der Druck ist natürlich da", erklärte Chefcoach Andreas Hirsch, der aber gewohnt ist, damit umzugehen. "Es war immer stressig, und ist auch jetzt stressig." Wie bei seinen Turnern steigt bei ihm die Anspannung von Tag zu Tag. "Wenn das anders wäre, würde ich nicht zu meinen Jungs gehören." Für die deutschen Männer wird es nach der Generalprobe am Mittwochabend beim Podium-Training in der Schleyer-Halle erst am Sonntag (19.30 Uhr) richtig ernst.

Zur Unzeit kam für den DTB, der nach dem Willen von Wolfgang Drexler, Präsident des Schwäbischen Turner-Bundes (STB), die "beste WM aller Zeiten" ausrichten will, die öffentliche Kritik von Fabian Hambüchen. Der Reck-Olympiasieger von 2016, der 2007 an seinem Paradegerät als bisher letzter Deutscher WM-Gold gewann, monierte fehlende Trainer, eine schlechte Vermarktung und mangelnde Nachwuchsförderung. Der DTB habe sich zulange auf den zurückliegenden Erfolgen ausgeruht, sagte der 31 Jahre alte WM-Botschafter in mehreren Interviews.