Salzburg (dpa) - "Nun ist Geselligkeit am End", heißt es im "Jedermann", als der Tod den "reichen Mann" beim Festbankett ereilt. In Zeiten der Pandemie wurden diese Worte in makabrer Weise aktuell und hätten um ein Haar auch die 100. Saison der Salzburger Festspiele vereitelt.

Doch das weltgrößte Musik- und Theaterfestival konnte stattfinden, wenn auch stark zusammengestutzt und unter strengen Hygienevorgaben.

Bis kurz vor Ende der modifizierten Jubiläumsfestspiele am Sonntag (30.8.) - wegen der mehrtägigen Inkubationszeit sollte man vor einer abschließenden Bilanz ehrlicherweise noch ein paar Tage dazu zählen - gab es keinen Corona-Ausbruch in Salzburg. Mit ein wenig Vorsicht kann man das riesige Feldexperiment als bemerkenswerten Erfolg betrachten, der von Kulturinstitutionen in aller Welt aufmerksam beobachtet wird.

"Kultur ist systemrelevant" - diesen Satz hämmerte die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler immer wieder den Politikern ein, zuletzt bei der Festaufführung des Festspiel-Dauerbrenners "Jedermann", bei der die Bundespräsidenten von Deutschland und Österreich, Frank-Walter Steinmeier und Alexander van der Bellen, im Publikum saßen. Wenn nach der Sommerpause auch in Deutschland die Theater wieder öffnen, können Intendanten und Konzertmanager möglicherweise auf das Salzburger Experiment verweisen und die Frage stellen, warum beispielsweise in der Bayerischen Staatsoper in München weiterhin nur 200 Karten verkauft werden dürfen, während im Großen Festspielhaus mit seinen 2.400 Plätzen schon bis zu 1000 Gäste die Ränge bevölkerten.

Auch künstlerisch kann sich die Bilanz dieser ungewöhnlichen Festspielsaison sehen lassen. Die beiden einzigen Opernpremieren, "Elektra" von Richard Strauss und "Così fan tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart, wurden sparsam, aber wirkungsvoll inszeniert und ebenso bravourös musiziert wie gesungen. Besonderen Eindruck machte Joana Mallwitz. Die Generalmusikdirektorin der Nürnberger Oper ist die erste Frau, die einen großen Premierenzyklus bei den Salzburger Festspielen dirigierte.

Die mit Spannung erwartete Uraufführung des neuen Stücks "Zdenek Adamec" von Literaturnobelpreisträger Peter Handke machte weniger Wirbel als erwartet, was an dem etwas spröden Text über den jungen Tschechen gelegen haben, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz aus "Protest gegen den Kapitalismus" selbst verbrannt hatte. Auch Milo Raus "Everywoman", ein ruhiger Gegenentwurf zu Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", in dem eine (reale) krebskranke Frau von ihren Leiden und dem nahen Ende erzählt, taugte nicht zum Skandal, wenn man vom "Skandal der eigenen Endlichkeit", von dem beide Stücke handeln, einmal absieht.

Natürlich huldigte man in Salzburg nicht nur der eigenen Geschichte, sondern auch dem infolge der Pandemie arg gerupften Beethovenjahr. Zum 250. Geburtstag des Meisters gab Maestro Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern eine, gelinde gesagt, konservativ musizierte "Neunte" mit ihrer weltumarmenden "Ode an die Freude", während der noch recht junge Pianist Igor Levit mit viel Körpereinsatz den Mount Everest sämtlicher Beethovenscher Klaviersonaten erstürmte.

Weil in dieser Festspielsaison aus Gründen des Infektionsschutzes nur Programme ohne Pause geboten wurden, fiel das sonst in Salzburg übliche "Sehen und gesehen werden" diesmal unspektakulär aus. Nur der Prominentenauflauf bei der Festaufführung des "Jedermann" und bei Anna Netrebkos Galakonzert erinnerten an die Zeiten vor der "neuen Normalität". In der Festspielsaison 2021 sollen all jene Werke präsentiert werden, die in diesem Jahr der Pandemie zum Opfer fielen. Ob es dann auch eine Neuauflage der heiß begehrten Festspielmasken geben wird, muss sich zeigen.

© dpa-infocom, dpa:200827-99-326306/2

Festspiele