Lissabon (dpa) - Geheimtraining im Portugal-Camp und mutige Töne Richtung Paris Saint-Germain: Julian Nagelsmann hat nach einer kurzen Zeit des Müßiggangs am Pool und Strand von Estoril den Countdown für das Kräftemessen mit Neymar, Kylian Mbappé und seinem Entdecker Thomas Tuchel gestartet.

"Wir werden alles dafür tun, dass wir ins Finale einziehen. Das ist das ganz klare Ziel. Ich glaube, dass in dem Spiel alles möglich ist, dass wir alles geben werden und mit aller Macht das Finale erreichen wollen", formulierte RB Leipzigs Sportdirektor Markus Krösche die selbstbewusste Zielsetzung des Fußball-Bundesligisten.

Mit dem Einzug ins Halbfinale beim Blitzturnier der Königsklasse ist Leipzig im Schnellverfahren unter das internationale Brennglas geraten. Fußball-Europa staunt über das globale Projekt mit Hauptsitz in Sachsen und die für Trainer Nagelsmann "großartige Reise" soll am Dienstagabend (21.00 Uhr Sky und DAZN) im Estádio da Luz von Lissabon auf keinen Fall schon beendet sein. "Das ist ein einmaliges Erlebnis für uns. Wir haben Bock drauf", sagte Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer vor der nächsten Etappe der ausgerufenen "Missão Final".

Nagelsmann hatte seinen Spielern noch einen Tag Wellness am Strand oder Pool gegönnt, bevor er am Sonntag seinen kompletten Kader wieder zu einer intensiven Taktikschulung auf den Trainingsplatz in Oeiras westlich von Lissabon bat. Dort probt sonst Europameister Portugal um Superstar Ronaldo für Länderspiele. Den Geist des beim Champions-League-Turnier nach dem Aus von Juventus Turin fehlenden Superstars habe er "nicht gespürt", merkte Krösche mit einem Schmunzeln an, "aber die Bedingungen waren sehr gut."

Die Akkus sollten nach der kurzen Auszeit im Palacio Estoril Hotel Golf & Spa wieder aufgeladen sein. Auch Nationalspieler Marcel Halstenberg konnte nach seinem Cut am Kopf aus dem Spiel gegen Atlético Madrid wieder mitüben.

Nagelsmann weiß, dass er nun mehr als je zuvor in seiner jungen Karriere gefordert sein wird. "Die Gefahr ist in solchen Spielen, dass man die Welt einreißen will", sagte der 33-Jährige. Auf einen Überrumpelungseffekt wie im Viertelfinale gegen Atlético kann Nagelsmann jedenfalls nicht mehr hoffen.

Sein Konkurrent Tuchel kennt ihn noch als Fünftliga-Spieler bei der Reserve des FC Augsburg vor 13 Jahren. Damals machte Nagelsmann als 20-Jähriger seine ersten Erfahrungen mit Hilfsaufgaben bei der Gegnerbeobachtung für seinen Coach Tuchel. Der heutige PSG-Trainer erkannte früh das Analysetalent Nagelsmann. Nun studieren sich beide auf dem höchstmöglichen Fußball-Level gegenseitig. Sabitzer erklärte das deutsche Duell zum Aufeinandertreffen der Detailverrückten.

"Thomas Tuchel hat einfach immer eine Idee vom Fußball und kann die seiner Mannschaft vermitteln", berichtete Nagelsmann. Tempofußball der Extraklasse erwartet er von PSG. "Es wird sehr spannend, wie wir diesen Speed wegkriegen und den Gegner so bearbeiten, dass wir selber Torchancen erspielen."

Das Image des Underdogs muss RB nicht mehr pflegen, es würde ihnen nicht mehr abgenommen werden. "Es wird sicher eine spannende Aufgabe. Ich traue mich trotzdem zu sagen, wenn wir einen richtig guten Tag erwischen wie gegen Atlético, mit ein bisschen Glück, dann können wir das Spiel gewinnen", sagte Sabitzer. "Aber dass PSG natürlich Favorit ist, ist selbsterklärend", fügte der 26-jährige Österreicher an.

Die öffentliche Wahrnehmung der Leipziger ist eine andere, sie hat sich durch das reife Spiel gegen Atlético gewandelt. "Jung und rotzfrech", nannte die spanische Zeitung "Sport" das Nagelsmann-Team. Beachtung findet nun auch jenseits der oft kritischen deutschen Wahrnehmung das Red-Bull-Projekt als Alternativmodell zum Sponsoring aus Katar, das PSG enorme finanzielle Mittel ermöglicht. "Es ist schon so, dass wir noch mal eine andere Präsenz haben", sagte Krösche.

Nagelsmann sieht die Kooperation und Vernetzung mit den anderen von Red Bull gegründeten und gesponserten Clubs in den USA, Brasilien und natürlich auch mit dem wegen der UEFA-Regularien formal abgekoppelten Red Bull Salzburg als Grundstein für den wachsenden Erfolg. "Das ist sehr wichtig. Wir schauen immer nach talentierten Jungs. Wir haben Clubs, die ihre Talente in der ähnlichen Weise entwickeln, wie wir es tun. Es ist leichter für die Spieler, in den Kader zu kommen und gut zu spielen", sagte er. In der Startelf gegen Atlético standen fünf Profis, die zuvor auch bei Salzburg spielten. Siegtorschütze Tyler Adams wurde bei New York Red Bulls im Fußball sozialisiert.

Für Nagelsmann ist ein Ende der Entwicklung nicht in Sicht. "Es ist ein großes Ziel für die Zukunft, das weiter so zu machen, dass wir uns entwickeln können in der gleichen Geschwindigkeit wie in den letzten sieben Jahren. Das wäre großartig für die Zukunft", sagte er.

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