Los Angeles (dpa) - Jedes Kind kennt Michael Jordan. Womöglich gilt diese Aussage über den wohl besten Basketballspieler der Geschichte inzwischen schon nicht mehr.

Oder eben so wie bei Muhammad Ali. Den haben die heute unter 25-Jährigen auch nicht live boxen gesehen. Jordan und die Chicago Bulls holten ihre sechs Meisterschaften in der NBA in den 90ern zu einer Zeit, als nicht einer der aktuellen aktiven Basketballer in deutschen Jugend-Teams schon geboren war - und die Qualität der verfügbaren Clips auf Youtube ist auch eher überschaubar.

Aber: Jedes Kind kennt Netflix. Und der Streaming-Anbieter hat ab Montag eine zehnteilige Doku-Serie über Michael "Air" Jordan und die Bulls im Programm, die jeden Zuschauer die Größe und das unfassbare sportliche Können des inzwischen 57-Jährigen Amerikaners wieder erleben und verstehen lässt. Dazu liefert "The Last Dance" einen faszinierenden Einblick in die Perspektive des Mannes, der weit über seine aktive Zeit hinaus den Ruf eines manisch vom Erfolg besessenen Menschen hatte - und wohl bei vielen älteren Menschen noch immer hat.

Im Zentrum der Doku steht die Saison 1997/1998. Die Bulls sind zu diesem Zeitpunkt binnen sieben Jahren fünf Mal NBA-Champion geworden, nach dem Titel-Hattrick von 1991 bis 1993 haben sie auch 1996 und 1997 den Pokal in der stärksten Basketball-Liga der Welt geholt. Seit Olympia 1992 und der Goldmedaille des US-Dream-Teams ist Basketball weit über die USA hinaus eine gefeierte Sportart. Die Bulls mit Jordan, Scottie Pippen und dem tätowierten und gepiercten Dennis Rodman sind das weltweit bekannteste Team, in ihrer Popularität vergleichbar mit Real Madrid im Fußball.

Doch die Bulls dieser Saison haben Probleme. Verletzungen, große Egos, einen Streit zwischen Trainer Phil Jackson und Manager Jerry Krause, der auch die Mannschaft nicht kalt lässt und dazu: Das Alter der Stars. Wie die Chicago Bulls es trotzdem schaffen, ein zweites Mal den NBA-Titel-Hattrick zu holen ist das vordergründige Thema der Doku-Serie. Ein Filmteam durfte damals das ganze Jahr beim Team sein und drehen, viele der Aufnahmen sind nach Angaben der beiden Hauptproduzenten ESPN und Netflix in der Öffentlichkeit bislang nicht gezeigt worden.

Ebenso sehr wie um diese eine Saison geht es aber auch um die Charaktere. Den in jeglicher Hinsicht unfassbar dominanten Jordan natürlich, aber eben auch Pippen, Rodman oder Steve Kerr, inzwischen Cheftrainer des dominierenden NBA-Teams der vergangenen Jahre, den Golden State Warriors. Der scheinbar verrückte Rodman mit seinen wilden Frisuren und den noch heute andauernden Eskapaden wird zu einem greifbaren Menschen. Und Jordan zu einem Mann, der den Tränen nah ist, als er sinngemäß gefragt wird, ob es das wert gewesen ist: Der Erfolg im Tausch gegen den Ruf eines vom Ehrgeiz zerfressenen Psychos, der seine Mitspieler schikaniert. Den aber zumindest die ganze Welt kannte. Vielleicht ja doch noch immer.

"The Athletic"-Artikel über den Regisseur und die Entstehung von "The last dance" (englisch)

Sports Illustrated über die Entstehung der Doku-Serie (englisch)

Trailer zu "The Last Dance"