Magdeburg l Das Frühjahr 1974 hatte es aus Sicht des 1. FC Magdeburg in sich. Mit Siegen bei den größten Konkurrenten FC Carl Zeiss Jena und Dynamo Dresden innerhalb von vier Tagen und dem 3:2 gegen den FC Vorwärts Frankfurt (Oder) am folgenden letzten Saison-Spieltag holten die Blau-Weißen den zweiten Meistertitel, gewannen einen Monat später auch den Europapokal der Pokalsieger.

Jena war zuvor in 76 Heimspielen seit 1968 unbezwungen, ehe Jürgen Pommerenke mit seinen beiden Treffern zum 2:1-Erfolg diese unheimliche Serie brach. In Dresden traf Detlef Raugust vor 38 000 Zuschauern nach Flanke von Martin Hoffmann zum frühen 1:0-Erfolg. Der Weg zur Meisterschaft war geebnet. Da werden Parallelen zum aktuellen Zweitligaaufstieg deutlich, den der Club mit den Siegen beim SV Wehen Wiesbaden (2:1) und dem FC Carl Zeiss Jena (5:1), ebenfalls innerhalb von vier Tagen sowie gegen Fortuna Köln vorzeitig perfekt gemacht hat.

Der Doppeltorschütze von Jena vor 44 Jahren, Jürgen Pommerenke, der vor einem halben Jahr mit seiner Gattin Silvia von Magdeburg zu Tochter Janine nach Nettetal nahe der holländischen Grenze zog, erinnert sich: „Das war schon ein Husarenritt.” Aktuell ist der frühere Mittelfeldregisseur nach der Familienzusammenführung nur noch selten in der MDCC-Arena, sah aber zuletzt die Heimsiege gegen den VfL Osnabrück und Köln live.

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Pommerenke lobt FCM-Kampfgeist

Befragt, was ihm an der Aufstiegsmannschaft besonders gefalle, meinte Pommerenke: „Die taktische Disziplin und der Kampfgeist. Und ein, zwei richtig gute Fußballer sind natürlich auch dabei. Das Ganze ist eine Sternstunde des Magdeburger Fußballs“, so Pommerenke, der sich selbst mit Fahrradfahren fit hält.

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Sein damaliger Mannschaftskollege beim FCM und in der Nationalmannschaft, Martin Hoffmann, verpasst kaum ein Spiel in der MDCC-Arena, erklärte die aktuelle Entwicklung beim Club so: „Die Mannschaft ist insgesamt stabiler als noch vor einem Jahr. Philip Türpitz spielt eine ganz wichtige Rolle, ist schwer auszurechnen, weil sehr quirlig. Auch Tobias Schwede ist wichtig für die Mannschaft, schließt nur zu selten ab. Es wäre schade, wenn er im Sommer gehen würde. Trainer Härtel hat alles richtig gemacht, auch wenn man als Zuschauer nicht immer die Aufstellung sofort nachvollziehen kann. Als Trainer weiß er aber genau, wann was zu welcher Zeit zu tun ist.“

Martin Hoffmann, der den Club in der schwierigen Zeit nach der Wende selbst coachte, ist mittlerweile Rentner, trainiert noch manchmal im Nachwuchsbereich beim VfB Ottersleben oder in Fußballschulen, widmet sich sonst seinem Grundstück in Gommern – und da speziell den Rosen: „Zurzeit muss ich regelmäßig sprühen, denn die Milben sind eher ran als die Blüten.“

Seguin begeistert von Trainer Härtel

Nicht mehr regelmäßig bei FCM-Spielen dabei, aber dennoch ein großer Fan ist Wolfgang Seguin, der zwischen 1964 und 1981 403 Punktspiele, davon 219 am Stück, bestritt und inzwischen in Stendal lebt. „In dieser Saison war ich drei- oder viermal im Stadion. Da ich mit dem Auto kommen muss, ist das schon umständlich, zudem kann ich dann kein Bier trinken.“

Für Rekordspieler „Paule“ Seguin, der immer noch bei den Alten Herren mitkickt, dem aber die Arthrose im Knie zu schaffen macht, ist der Zusammenhalt im Team ein großes Plus. Auch er lobt Härtel: „Der Trainer weiß, wie er die Spieler anpacken muss, mal streicheln, dann wieder in den Arsch treten.“ Stolz ist der 72-Jährige auf seine sportlichen Nachkommen allemal, sagt: „Ich freue mich für Magdeburg, bin und bleibe blau-weiß.“

Das gilt auch für Rekordtorjäger Joachim Streich, der gemeinsam mit Gattin Marita fast kein Spiel in der MDCC-Arena auslässt. Streich, der selbst den FCM sechs Jahre trainierte, lobte vor allem Coach Härtel: „Der findet offensichtlich immer die richtigen Worte, ist sehr akribisch und gibt immer das Letzte. So war er aber schon als Spieler.“ Streich muss es wissen, hatte er doch Mitte der 1990er Jahre Verteidiger Härtel als Trainer beim damaligen Zweitligisten FSV Zwickau unter seinen Fittichen.

Streich hält auf Türpitz und Costly

Nachdem ihn in der Hinrunde vor allem Michel Niemeyer und Schwede begeisterten, ist Streich aktuell ein Fan von Winterneuzugang Marcel Costly: „Der hat sich toll entwickelt und gut integriert.“ Große Stücke hält Streich auf Philip Türpitz: „Der gewinnt mit jedem Tor mehr Selbstvertrauen, hat einen guten Abschluss, auch aus der Distanz. Man sieht, der Ball ist nicht sein Feind, sondern sein Freund.“

Auch FCM-Ikone Jürgen Sparwasser, mittlerweile Ur-Opa und demnächst seinen 70. Geburtstag feiernd, verfolgt in Bad Vilbel nahe Frankfurt/Main das Geschehen beim FCM getreu dem Motto „Einmal blau-weiß, immer blau-weiß“, feiert demnächst im Gasthaus und Hotel „Lindenweiler“ in Magdeburg mit seinen Ex-Kollegen den 44. Jahrestag des Gewinns des Europapokals.

Sparwasser fordert Qualität

„Jahrzehntelang wurde um diesen Aufstieg gekämpft. Jetzt ist er geschafft. Dazu war auch der Zusammenhalt von Wirtschaft, Stadt und Verein, wie er jetzt funktioniert, wichtig. Glückwunsch, dass der lange Weg jetzt von Erfolg gekrönt ist“, so Sparwasser. Geschäftsführer Mario Kallnik habe die Sache im Griff, steuere das Schiff in den richtigen Hafen, erklärt der Wahl-Hesse, um zu ergänzen: „Für die 2. Liga muss die Qualität der Mannschaft aber passen.“

Wolfgang Steinbach, von den Fans einst zum „FCM-Spieler des Jahrhunderts“ geadelt, trainiert inzwischen den Landesligisten BV Essen im Emsland und ist aktuell aufgrund der vielen Nachholspiele im Stress. In den FCM-Fans sieht Steinbach, der ab und zu noch in seiner Geburtsstadt Schönebeck vorbeischaut, einen wichtigen Faktor. „Die sind eine Macht. Was da abgeht, ist unfassbar.“

Seinem Ex-Club hat er die Daumen gedrückt und mitgefiebert, war vor Ort beim Gastspiel des FCM beim SV Meppen: „Christian Neidhart, der in Wilhelmshaven mein Co-Trainer war, hatte mich eingeladen. Das machte Spaß, den Magdeburgern da zuzusehen. Härtel macht einen guten Job. Doch die 2. Liga ist noch einmal eine ganz andere Nummer.“

Zosche ab und zu in MDCC-Arena

Der Kapitän der damaligen FCM-Meistermannschaft, Manfred Zapf, ist seit langem in Berlin zu Hause und Anhänger des aktuellen Oberliga-Dritten SV Lichtenberg 47, wohnt er doch in der Nähe des Hans-Zoschke-Platzes. Natürlich verfolgt er auch die Auftritte der Blau-Weißen, hauptsächlich im Fernsehen, ist aber auch ab und zu in der MDCC-Arena zu Gast.

„Der FCM ist derzeit der ostdeutsche Leuchtturm in der Liga, nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich“, blickte der frühere FCM-Vorsitzende und spätere Geschäftsstellenleiter auf die aktuellen Insolvenzen von Erfurt und Chemnitz, erinnert auch an die des FCM im Jahr 2002: „Vielleicht kam die damals gerade zur rechten Zeit.“

Als ehemaliger Libero schaut Zapf natürlich zuerst auf die Defensivarbeit der heutigen Mannschaft: „Mir gefällt, wie sie von Anfang bis Ende fighten.“ Aber auch der aktuelle Goalgetter Philip Türpitz hat es dem 71-Jährigen angetan: „Der stieg wie Phönix aus der Asche auf, macht spektakuläre Tore. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen. Als er fehlte, fiel das gleich auf.“

Mehr Infos zum 1. FC Magdeburg gibt es hier.