Magdeburg l Michael Oenning stellte im Dezember eine interessante Rechnung an. „Die Rückrunde beginnt für mich erst im Jahr 2019“, sagte der Trainer des 1. FC Magdeburg vor dem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli. Was rein vom Spielplan her freilich Unsinn war. Diese Partie kurz vor Weihnachten, die der FCM 1:4 verlor, fand am 18. Spieltag statt – und war damit der Rückrundenauftakt. Doch natürlich meinte Oenning etwas ganz anderes: „Ich brauche jetzt die Winter-Vorbereitung“, betonte er damals.

Die vergangenen Wochen machten deutlich, wie recht Oenning hatte. Der FCM ist seit dieser Winter-Vorbereitung das Zweitliga-Team der Stunde. Der Club führt die Jahrestabelle 2019 mit zehn Punkten aus vier Spielen an. Und mehr noch: Denn in seine ganz eigene Bilanz lässt der FCM-Trainer nicht nur diese Pflichtspiele einfließen, auch die Testspiele zählt er dazu: „Wir haben im Jahr 2019 nur einmal verloren, beim 0:1 in Cottbus. Es war wichtig, dass die Jungs gesehen haben, dass sie Spiele gewinnen können.“

Psychologie des Erfolges

Die momentane Erfolgsserie des FCM hat viel mit Psychologie zu tun. Der Trainer rief nach dem Jahreswechsel ganz bewusst einen Neuanfang aus. Das Trainingslager in Spanien sollte sich für die Spieler wie eine Vorbereitung auf eine neue Saison anfühlen. Durch die vier Neuzugänge Jan Kirchhoff, Timo Perthel, Steven Lewerenz und Giorgi Loria wurde zudem die Qualität im Kader und der Konkurrenzkampf erhöht. „Wir haben Anfang des Jahres einen Cut gemacht“, sagt auch FCM-Sportchef Maik Franz.

Die Verantwortlichen wollten die jüngere Vergangenheit hinter sich lassen. Eine Vergangenheit, die aufgrund fehlender Ergebnisse und der Trennung von Ex-Trainer Jens Härtel negativ besetzt war. Im Zuge eines Neuaufbaus sollte kein Platz für Rückblicke sein. Das Team sollte mit Trainer Michael Oenning, der erst Mitte November nach Magdeburg kam, unbelastet starten. Das Trainerteam konnte in der Winter-Vorbereitung gezielt arbeiten.

Richtungsweisender Start

Diesen Neuanfang nahm Oenning auch auf dem Feld vor. Er studierte verschiedene Grundordnungen ein, testete viele Spieler auf verschiedenen Positionen. „Es geht mir um Flexibilität. Ich halte nichts davon, einen Spieler auf eine Position festzulegen und ihn nur dort spielen zu lassen“, so Oenning.

Diese Aufbruchstimmung nahm der FCM aus der Vorbereitung mit in die Rest-Rückrunde. Und dort kam dem Club auch der Spielplan entgegen: Das Team wusste, dass die ersten beiden Partien gegen die direkten Konkurrenten Aue und Ingolstadt richtungsweisend sein würden. Bei Niederlagen hätte fast schon für die 3. Liga geplant werden können, der Club war zuvor bereits seit zehn Partien ohne Sieg.

Das Oenning-Team gewann aber jeweils mit 1:0, tankte Selbstvertrauen. Und dieses Selbstvertrauen half dem FCM auch gegen Kiel und Bielefeld. Der Aufsteiger war in beiden Partien zwar Außenseiter, spielte aber trotzdem mutig – und wurde belohnt.

Türpitz hat enormen Anteil am Aufschwung

Wie gut der FCM gerade drauf ist, wird auch bei einem genaueren Blick auf die Jahrestabelle 2019 klar. Sowohl Bielefeld als auch Ingolstadt haben drei von vier Partien in diesem Jahr gewonnen. Beide unterlagen jeweils nur einmal – gegen die Oenning-Truppe.

Auch Philip Türpitz sieht eine klare Weiterentwicklung: „Die Magdeburger DNA, Kampf und Leidenschaft, ist uns nicht verloren gegangen. Unser Plus ist jetzt noch die spielerische Qualität.“ Der Offensivspieler hat selbst einen enormen Anteil am Aufschwung 2019. Schließlich traf Türpitz in den vergangenen drei Partien jeweils einmal.

Ein weiterer Baustein des Erfolges ist die Stabilität. „In der Defensive werden die Spiele entschieden“, betont Oenning. Was wie ein Widerspruch klingen mag, wenn man den FCM-Trainer sonst über seine Vorliebe für Offensivfußball reden hört, ergibt durchaus Sinn.

Überzeugende Defensive

Die Mannschaft gerät nämlich im Verlauf eines Spiels nicht mehr so oft unter Druck. „Ich hatte gegen Aue nicht das Gefühl, dass wir einen Gegentreffer bekommen“, sagt Winter-Neuzugang Jan Kirchhoff. Dieses Selbstverständnis beeindruckt auch den Gegner.

Oenning wechselte von Dreier- auf Viererkette. Mit Erfolg: In vier Spielen kassierte das Team nur zwei Gegentore. Zuvor waren es im Jahr 2018 in 18 Spielen 35. Ein Verbesserung im Schnitt von knapp zwei Gegentoren pro Spiel auf 0,5. Nur Ingolstadt kann eine vergleichbare Entwicklung vorweisen, stellt 2019 mit dem FCM zusammen mit ebenfalls erst zwei Gegentoren die beste Defensive der Liga.

Die 2. Liga im Jahr 2019 steht auf dem Kopf. Am Sonntag (13.30 Uhr) trifft der FCM auf den SC Paderborn – ein Duell zweier Aufsteiger, in der Jahrestabelle 2019 aber das Spiel Erster gegen Zweiter und beste Abwehr gegen bester Angriff. Für die FCM-Spieler kein Grund, Kopfschmerzen zu bekommen. „Von mir aus kann es bei uns gerne so weitergehen. Ich habe keine Lust mehr darauf, zu verlieren“, sagt Philip Türpitz.

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