Magdeburg l Gut ein Dutzend Fans wartete am frühen Nachmittag bei eisigen Temperaturen auf dem Parkplatz vor der MDCC-Arena auf die Spieler des 1. FC Magdeburg. Es war Geduld gefragt. Das erste Training im Jahr 2019 war für 14 Uhr angesetzt, verzögerte sich allerdings um knapp eine halbe Stunde. Denn in der Kabine hielten FCM-Geschäftsführer Mario Kallnik, Sportchef Maik Franz und Trainer Michael Oenning noch eine Neujahrsansprache. In dieser ging es vor allem um eines: den Kampf um den Klassenerhalt und die klare Fokussierung auf dieses Ziel.

Mittendrin im Kreis der Mannschaft waren da bereits die beiden Neuzugänge Jan Kirchhoff und Timo Perthel. Gestern Vormittag gab der Club die Verpflichtung beider Spieler bekannt.

Besonders der Wechsel von Kirchhoff überrascht auf den ersten Blick: Zuletzt war es um den 28-Jährigen ruhig geworden. Nach einem halben Jahr bei den Bolton Wanderers in England war Kirchhoff seit dem Sommer ohne Verein. „Ich habe Bolton aus verschiedenen Gründen verlassen, wollte dort nicht mehr spielen“, sagt er. „Danach habe ich mir einige Monate Zeit genommen, um mir klar zu werden, was ich will. Im Hinterkopf war auch, meine Karriere eventuell zu beenden.“

Kirchhoff will sich noch einmal beweisen

Nun hat sich Kirchhoff entschieden. Für das Weitermachen. „Ich will allen noch mal zeigen, was ich kann. Ich will Profifußballer sein und habe noch viel Lust, zu spielen“, betont er. Geld habe bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. „Ich habe einfach hohe Ansprüche an mich selbst und möchte es mir beweisen. Außerdem will ich dem FCM helfen, in der 2. Bundesliga zu bleiben.“ Bei der ersten Einheit, den traditionell ungeliebten Steigerungsläufen, geriet er gestern richtig ins Schwitzen. „Es ist schon hart, direkt nach der Winterpause auf die Laufbahn zu gehen. Aber das ist in Ordnung. Wir müssen hart arbeiten.“

Dass er sich für den Club entschieden hat, hängt sicherlich auch damit zusammen, welche Rolle in Magdeburg für ihn vorgesehen ist. „Jan passt genau in das Profil, das wir gesucht haben“, verrät FCM-Sportchef Maik Franz. Trainer Michael Oenning wollte unbedingt einen großen, kopfballstarken und erfahrenen Strategen, der vorwiegend im defensiven Mittelfeld aufläuft. Das ist Kirchhoff: Er kann auf der Sechs und in der Innenverteidigung spielen. Und er hat mit 1,95 Metern eine Größe, die bei defensiven Mittelfeldspielern extrem selten anzutreffen ist.

In der Vita des Defensiv-Allrounders stehen große Vereine: Bei Mainz 05 machte sich Kirchhoff einen Namen, wechselte 2013 zum FC Bayern. Dort warf ihn allerdings ein Syndesmosebandriss zurück, es folgte eine eineinhalb Jahre lange Leihe zu Schalke 04. Doch auch dort blieb ihm das Verletzungspech treu: Achillessehnenprobleme. So kam er nur auf 80 Bundesliga-Einsätze. In England bei AFC Sunderland war er zunächst Stammspieler in der Premier League, wurde aber Anfang 2017 durch einen Außenmeniskus-Einriss zurückgeworfen. In der englischen Eliteliga stand er 22-mal auf dem Rasen.

Trotz dieser Verletzungshistorie zeigte er bei seinen Stationen immer wieder Qualitäten wie Übersicht, Spielaufbau und Kopfballstärke. „Sicherlich war Jan zuletzt vereinslos. Wir sehen aber sehr viel Potenzial in ihm, wenn er seine Qualitäten bei uns auf den Rasen bringt. Es kann für beide eine Win-win-Situation werden“, sagt Maik Franz. Und: „Jan ist bisher trotz allem einen Weg gegangen, den sich viele Fußballer sicherlich erträumen.“

Sicher dürfte sein: Der FCM hätte von der Verpflichtung eines Jan Kirchhoff in Top-Form wohl nur träumen können. Noch immer liegt dessen Marktwert bei rund zwei Millionen Euro. Das sind mehr als zehn Prozent des FCM-Gesamt-etats. „Wichtig ist, dass Jan Erfahrung mitbringt. Noch wichtiger ist aber, dass er über richtig viel Qualität verfügt“, versichert Franz.

Kirchhoff unterschrieb zunächst einen Vertrag bis Saisonende. Ob darin eine Verlängerungsoption enthalten ist, wollte er nicht verraten. „Ich möchte in diesem halben Jahr erst einmal alles dafür tun, damit wir gemeinsam den Klassenerhalt schaffen. Wenn uns das gelingt, werden wir weitersehen“, sagt Kirchhoff.

Perthel auf links flexibel

Über Qualität verfügt auch der zweite Neue beim FCM, Timo Perthel. Von 2014 bis zu seinem Wechsel nach Magdeburg spielte er beim VfL Bochum. Insgesamt hat er zwölf Bundesliga-, 116 Zweitliga- und 63 Drittligapartien für Bochum, Braunschweig, Duisburg, Rostock und Werder Bremen auf seinem Konto. In der Hinrunde kam er in Bochum auf neun Einsätze. Die vergangene Saison verpasste er allerdings wegen eines Knochenödems im Knie komplett.

Die Verletzungsprobleme hat er zwar mittlerweile hinter sich gelassen, beim VfL kam er aber trotzdem nicht wie gewünscht zum Zuge. „Zuletzt hat es die Mannschaft gut gemacht. Da sich meine Perspektiven für das kommende halbe Jahr nicht verändert hätten, habe ich mich für das Angebot aus Magdeburg entschieden“, sagt der 29-Jährige. Perthel unterschrieb einen Vertrag bis Sommer 2020, der für die 2. und 3. Liga gültig ist. „Timo ist auf der linken Seite flexibel einsetzbar. Er hat ein gutes Tempo, zu seinen Stärken gehören auch Flanken und Standards“, sagt Franz.

Fakt ist: Gerade in diesen beiden Bereichen muss sich der Club deutlich steigern. Das sieht auch der Sportchef so: „Wir haben mit Christian Beck vorne eine Tormaschine, die aber auch mit Flanken gefüttert werden muss. Von Timo erhoffen wir uns deshalb, dass noch mehr Flanken in den Strafraum kommen.“

Soll heißen: Der FCM hat zwar zwei eher defensiv orientierte Leute geholt, erhofft sich von ihnen aber gerade im Spielaufbau Impulse für die Offensive.

Durch die Perthel-Verpflichtung ist auch klar, dass es für Joel Abu Hanna eng wird. Der Sommer-Neuzugang hatte den Anspruch auf mehr Spielzeit geäußert. Jetzt sind die Chancen darauf allerdings sogar eher noch gesunken. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der FCM Abu Hanna in der Rückrunde verleihen wird.

Auch auf der Seite der Neuzugänge könnte sich noch etwas tun. „Wir schauen uns nach einer Verstärkung im Offensivbereich um“, sagt Franz. Meinung

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