Deutsche Studenten leben meist in der WG

Dem europaweiten „Eurostudent Report“ zufolge, den das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in diesem Jahr veröffentlicht hat, leben 35 Prozent der deutschen Studenten in einer Wohngemeinschaft. Zum Vergleich, in Italien sind es nur 16, in Frankreich sogar nur 15 Prozent. Dafür leben 75 Prozent der Studenten in Italien noch bei ihren Eltern, in Deutschland sind das nur 25 Prozent.

Nach einer Erhebung des Statistischen Landesamtes in Halle sind in Sachsen-Anhalt die 2er-WGs, oft mit dem Freund oder der Freundin, besonders beliebt. Fast 21 000 Haushalte gibt es in diesem Format. Im Landkreis Stendal sind es knapp 1050, in der Stadt Stendal 444. Als 3er-WGs gibt es landesweit immerhin fast 1700 Haushalte, Im Landkreis Stendal 102 und in der Stadt 66. Übrigens sind der Statistik zufolge die beiden hier vorgestellten 4er-WGs zwei von dreien, die es in der Hansestadt Stendal gibt und von landesweit 360. (br)

Ihr habt Lust aufs WG-Leben? Hier erfahrt ihr, was ihr über das gemeinsame Wohnen wissen müsst: ratgeber.wohngemeinschaft.de

Stendal l Sie studieren, lernen oder stehen bereits mit beiden Beinen im Berufsleben. Aus Stendal kommt ursprünglich keiner von ihnen, sondern aus Berlin, Bremen oder aus Klötze. Trotzdem ist ihnen die Hansestadt, zumindest für eine Weile, zur Heimat geworden. In dieser Heimat lässt es sich am besten gemeinsam in einer Wohngemeinschaft leben, finden acht junge Leute, die das Schicksal vor wenigen Monaten in dieser Konstellation zusammengebracht hat.

Wesentlich länger, nämlich fast drei Jahre, lebt Carolin Lucke schon in der 122 Quadratmeter großen Altbauwohnung in der Frommhagenstraße. Die 22-Jährige hat WG-Partner kommen und gehen sehen. Zuletzt waren die neuen Mitbewohner zu Beginn des Wintersemesters im Oktober dazugekommen. Ähnlich ist es bei Mike Kahnert, der seit über einem Jahr in einer gleichgroßen Wohnung nebenan wohnt. Doch bislang hatten die beiden Studenten immer Glück mit ihren Mitbewohnern, wie sie sagen. „Bei den Besichtigungsterminen kamen die Leute gleich sympathisch rüber“, erinnert sich Mike. Das sei eine gute Basis für die neue WG gewesen.

Gedichtvortrag beim Bewerbungsgespräch

Auf die WG-Zimmer gestoßen sind die neuen Mitbewohner über gängige Inserate auf Onlineplattformen wie wg-gesucht.de. „In Berlin musste eine Freundin extra ein Gedicht vortragen, um das Zimmer zu bekommen“, schildert Leonie Goebel-Künnecke die Verhältnisse in der Bundeshauptstadt, woher sie ursprünglich stammt. So verrückt sei es in Stendal nicht gewesen. Seit September lebt die Studentin in der 4er-WG von Carolin Lucke.

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Vorher hatte sie in einem Durchgangszimmer in einer anderen WG gewohnt. Ihre Erinnerungen an die zwar günstige, aber sehr anstrengende Unterkunft sind wenig positiv. „Ich hatte Pfeiffersches Drüsenfieber und die haben Party gemacht“, sagt die 22-Jährige. Probleme hatte auch eine Kommilitonin von ihr, die in der Innenstadt wohnt. Während sie im Sommer für eine Prüfung lernen musste, sei sie von den Klängen der Straßenmusikanten permanent abgelenkt worden. Das Fenster hätte sie aufgrund der Hitze nicht schließen können. „Da habe ich es mit meinen Mädels viel besser“, lobt sie ihre WG. Neben ihr leben noch zwei weitere Studentinnen in der Vierraum-Wohnung, Carolin Moser und Maria Busch.

Gutes Verhältnis zur Nachbar-WG

Mit der Nachbar-WG in der Nebenwohnung verstehen sich die vier hervorragend. Dort wohnen neben Mike noch Paul Osterburg, Marlies Kracke und Marie-Sophie Dobberkau. Marie-Sophie ist mit 18 Jahren sozusagen das Küken der WG. Sie kommt gebürtig aus Klötze und lernt Gestaltungstechnische Assistentin an der BBS in Stendal. „Alleine wohnen ist doch langweilig, darum habe ich mir gezielt eine WG gesucht.“

Bereut habe sie es bislang nicht, auch, wenn ihr Zimmer bei einer der vergangenen WG-Parties zum „Dancefloor“ geworden ist. Da habe sie extra ihr Klavier in die sichere Ecke stellen müssen. Wenn sie spielt, stört sie damit übrigens keinen der Mitbewohner, weil sie Kopfhörer in das elektrische Instrument stecken kann. Für den 24-jährigen Paul ist die WG ein Segen. Irgendwer sei immer da, mit irgendwem könne er immer mal in der Küche quatschen. „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, allein zu wohnen“, sagt der Student. Sein Kommilitone Mike pflichtet ihm bei. Als Mitglied des Fachschaftsrates der Hochschule tausche er sich öfter mal mit Carolin Lucke vom Studierendenverein aus.

Mit dem Studentenleben hat Marlies nichts mehr zu tun. Nach ihrem Studium arbeitet die gebürtige Bremerin nun bei den Milchwerken Mittelelbe. „Wenn ich zur Schicht fahre, geht Mike manchmal erst ins Bett“, sagt sie. „Aber nur in den Ferien“, wirft Mike ein. Wenn sie dann von der Arbeit komme, könne sie sich oft an den gedeckten Tisch setzen. „Irgendwer kocht immer“, sagt die 27-Jährige. Sie esse öfter warm und gesund, als wenn sie allein leben würde.

Und den Abwasch? „Erledigt meist der Geschirrspüler“, sagt Marlies. Der werde spontan eingeräumt. Für alles andere gebe es in beiden WGs einen Monatsplan, an den sich im Großen und Ganzen alle hielten. Natürlich ist die WG für die jungen Leute auch eine Möglichkeit, günstig unterzukommen. Mike hat, wie er sagt, drei Nebenjobs, um die Miete zahlen zu können. Trotzdem sehen sich die acht nicht als reine Zweck-WG. „In einer Zweck-WG teilt man sich das Geschirr, mehr nicht“, sagt Leonie. Bei ihnen sei das sehr viel familiärer.