Landtagswahl 2021

Die neuen im Landtag in Sachsen-Anhalt?

Bei der Landtagswahl am 6. Juni hoffen mehrere neue Gesichter auf den Einzug ins Magdeburger Parlament. Unter ihnen Ex-Schwimmstar Antje Buschschulte, die erst 18-jährige Schülerin Lea-Charlotte Kus oder Halberstadts Ex-Oberbürgermeister Andreas Henke.

Von Alexander Walter und Christoph Carsten 03.05.2021, 20:28 • Aktualisiert: 4.5.2021, 10:58

Magdburg. Irgendwann, lange bevor Antje Buschschulte als Schwimmerin Karriere machte, verbannte sie als Schülerin bereits Automaten mit Milchreis-Plastikbechern aus ihrer Schule. „Wir taten das damals, um die Umwelt vor der Plastikflut zu retten“, erzählt sie an diesem kühlen Aprilmorgen 2021 vor dem Magdeburger Landtag. „Das Umweltthema hat mich schon als Kind enorm beschäftigt“, sagt die 42-Jährige.

Doch der Sport kam zunächst dazwischen – und wie. 54 Medaillen aus Internationalen Wettkämpfen hängen heute in Buschschultes Schrank, vier Mal hat sie an Olympia teilgenommen. 2003, mit 24 Jahren, holte sie in Barcelona den Weltmeistertitel als Einzelschwimmerin über 100 Meter Rücken. Es war der Höhepunkt von Buschschultes sportlicher Karriere, begleitet von Tränen der Freude bei ihr und ihrem langjährigen Magdeburger Trainer Bernd Henneberg.

Buschschultes politische Karriere indes hat vielleicht gerade erst begonnen: Bei der Landtagswahl am 6. Juni kandidiert sie für die Grünen – über die Landesliste und als Direktkandidatin im Wahlkreis Magdeburg West. Für Buschschulte schließt sich damit auch ein Kreis.

„Es war aber nicht von vornherein mein Plan, in die Politik zu gehen“, erzählt sie. Tatsächlich hätte die extrovertierte Frau wohl so ziemlich jede Richtung einschlagen können.

Nach dem Ausstieg aus dem Profi-Sport promovierte die gebürtige Berlinerin an der Uni Magdeburg in Neurobiologie. Parallel dazu war sie Büroleiterin von Sachsen-Anhalts Staatskanzleichef Rainer Robra (CDU). „Irgendwann hab ich dann über die Klimadebatte aber doch zu meinen grünen Wurzeln zurückgefunden“, sagt sie.

Den Ausschlag zum Einstieg in die Politik gab allerdings die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Thüringer Kurzzeit-Ministerpräsidenten mit Stimmen der AfD. „Da habe ich begriffen, das mit der AfD ist keine Protestwahl mehr“, sagt Buschschulte.

Bei den Grünen kümmert sie sich vor allem um die Digitalisierung. Als Referentin für das Thema in der Staatskanzlei steht Buschschulte im Stoff. Spricht man mit ihr darüber, wird es schnell fachlich: Warum ist Sachsen-Anhalt bei der Versorgung mit 1-Gigabit-Anschlüssen immer noch Letzter im Ländervergleich? „Statt früh auf Glasfaser zu setzen, haben wir das Vectoring mit Kupferkabeln bis auf den letzten Knopf ausgereizt“, sagt sie.

Politiker sind ja beliebt wie Zahnärzte.

Antje Buschschulte, Ex-Profi-Schwimmerin und Kandidatin der Grünen

Das falle dem Land jetzt auf die Füße. Buschschulte will das ändern, und sie denkt dabei groß. „Es geht nicht nur um Infrastruktur“, sagt sie. „Aber sie ist Voraussetzung.“ Es brauche Digitalisierungslösungen, um die Daseinsvorsorge in den ländlichen Regionen zu sichern, digitale Rathäuser etwa oder Telemedizin. Aber auch um die Ausstattung der Schulen geht es ihr. Die Mutter dreier Töchter spricht auch für ihre Kinder. Mit dem Ex-Profischwimmer Helge Meeuw lebt Buschschulte seit Jahren im Magdeburger Osten.

Bringt ihr der Promi-Status einen Bonus im Wahlkampf? „Politiker sind ja beliebt wie Zahnärzte“, sagt Buschschulte und muss ein wenig lachen. „Da hat man als frühere Sportlerin schon einen besseren Zugang vor allem bei älteren Leuten, die mich von früher kennen.“

Welche Rolle spielt das Ost-West-Thema für die 42-Jährige? Die Linke hatte das Thema mit einem Wahlplakat gerade erst in den öffentlichen Fokus zurückgeholt.

„Magdeburg ist definitiv meine Heimat“, sagt Buschschulte, die in West-Berlin geboren wurde und in Lübeck und Hamburg aufwuchs, bevor sie 1996 nach Magdeburg kam. Heimat heißt für sie auch: „Der Sport ist in Magdeburg ganz anders verankert.“ Und: Die Menschen auf der Straße seien meist aufgeschlossen, anders als in Norddeutschland, sagt sie. Mit ihrem Listenplatz 9 hat die Grüne aktuell gute Aussichten, ins Parlament einzuziehen.

Laut jüngster Insa-Umfrage kämen die Partei auf 12 Prozent. „Zehn müssten es wohl werden“, sagt Buschschulte.

Die jüngste Kandidatin

Neu in den Landtag einziehen will auch Lea-Charlotte Kus. Erst vor wenigen Wochen feierte sie ihren 18. Geburtstag. Damit gehört die FDP-Politikerin zu den jüngsten Kandidaten, die sich um einen Sitz im Parlament bewerben. Fast wäre Kus in ihrem Wahlkreis 27 Dessau-Roßlau-Wittenberg sogar gegen Reiner Haseloff (CDU) angetreten. Es wäre eine ungewöhnliche Paarung geworden: Der 67-jährige Polit-Profi und Ministerpräsident Haseloff gegen die Schülerin am Dessauer Liborius-Gymnasium.

Nun tritt Haseloff doch im Wahlkreis 24 Wittenberg an – fast ein bisschen schade, findet Kus: „Das wäre eine lustige Gegenüberstellung geworden.“

Die Abiturientin will nicht auf ihr Alter reduziert werden. „Manche werfen mir vor, dass ich keine politische Erfahrung habe.“ Aber das Alter sei nicht nur ein Nachteil, sagt sie. Es ist wichtig, eine Vielzahl von Perspektiven einzubinden.“

Im Landesparlament sei der Altersdurchschnitt hoch, der Frauenanteil liege bei nur 21 Prozent – „in Sachsen-Anhalt sieht man, wohin das führt“, sagt Kus – und meint vor allem die Überalterung und die Abwanderung der Jüngeren aus dem Land.

„Ich wünsche mir, dass noch mehr junge Politiker in die Parlamente kommen“, betont sie. Die Entscheidung für die Politik – bei Kus fiel sie schon im Alter von 16: Es sei ein Vortrag von Bundestagspräsident Norbert Lammert gewesen, der sie damals beeindruckt habe, erzählt sie. Doch Lammert ist CDU-Mann, warum die FDP?

Ich wünsche mir, dass mehr junge Politiker in die Parlamente kommen.

Lea-Charlotte Kus, FDP-Direktkandidatin und Abiturientin

Ihre Entscheidung begründet die Tochter eines Kaufmanns und einer Zahntechnikerin mit der offenen Diskussionskultur in der Partei. „Die FDP setzt nicht auf Verbote, die häufig gut gemeint sind, aber zum Gegenteil führen. Außerdem gefällt mir der positive Blick auf Wissenschaft und Fortschritt“, sagt sie.

Ihre Themen bringt Lea-Charlotte Kus aus ihrem eigenen Alltag mit. Sie will die Bildung stärken, ein Lernen ermöglichen, das den individuellen Stärken und Schwächen von Schülern gerechter wird. Wie vielen in ihrer Generation liegt Kus auch der Klimaschutz am Herzen. Ein Ziel, das sie anders als andere mit und nicht gegen die Wirtschaft erreichen will. „Ökologie und Ökonomie sind miteinander vereinbar“, betont Kus. Regionalität sei dabei ein wichtiges Stichwort. Kus will mehr Anreize und Fördermöglichkeiten für regionale Wertschöpfungsketten schaffen, Bauern vor Ort stärker unterstützen.

Fühlt sie sich als jüngster und dazu weiblicher Kandidat ernst genommen? Ja, sagt Kus. Ihre Chancen, ohne Listenplatz als Direktkandidatin in den Landtag einzuziehen, schätzt die 18-Jährige dennoch realistisch ein. „Mir ist bewusst, dass die FDP in Sachsen-Anhalt keine Volkspartei ist“, sagt sie. „Wenn es nicht klappt, wäre ich nicht enttäuscht. “ Einen Plan B hat Kus jedenfalls auch: Sie will Medizin studieren, nach den Abiturprüfungen steht Ende Mai der Medizinertest an. Bei einem Notendurchschnitt von 1,0 dürfte sie gute Chancen haben.

Der ehemalige Oberbürgermeister

Mit Andreas Henke (Die Linke) kandidiert schließlich auch ein langjähriger Kommunalpolitiker für den Landtag. Seit mehr als 30 Jahren ist der 58-Jährige politisch aktiv, davon 14 Jahre als Oberbürgermeister von Halberstadt. Henke saß im früheren Halberstädter Kreistag und im Stadtrat. Auch im Kreistag des jetzigen Harzkreises ist er aktiv. „Ich bin tief drin in den Themen, die die Kommunen beschäftigen“, sagt er.

Die Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl gegen CDU-Herausforderer Daniel Szarata im vergangenen Jahr habe ihn geschmerzt, sagt Henke. „Es war enttäuschend, dass es trotz Voranschreitens in der Stadt nicht für eine dritte Amtszeit gereicht hat.“ Eigentlich wollte Henke danach aufhören, sich beruflich neu orientieren. Nachdem die Landtagsfraktion seiner Partei an ihn herangetreten sei, habe er erstmal nachdenken müssen, erzählt er. Nun will er es doch noch einmal wissen.

Der Linkspolitiker verweist auf Erfolge: So habe er es geschafft, die Schuldenlast seiner Heimatstadt um mehr als die Hälfte zu reduzieren. Trotz Unterfinanzierung sei es der Stadt gelungen, wichtige Projekte fortzuführen, so in der Kultur. Bei jahrelanger Haushaltskonsolidierung habe die Stadt etwa ihre Museen offen gehalten und das Nordharzer Städtebundtheater mit Millionenbeträgen unterstützt.

Der wichtigste Punkt im Wahlprogramm seiner Partei ist für Henke dann auch die „Sicherung der Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Kommunen“. Dazu will er sich für eine Reform des Finanzausgleichsgesetzes starkmachen. „Wenn zwei Drittel der Kommunen nicht in der Lage sind, ihren Eigenanteil an Förderprogrammen gegenzufinanzieren, braucht es eine Neuerung“, sagt er. Henke will deshalb mehr Geld im Finanzausgleichstopf für die Kommunen. Zudem sollten die Gemeinden Investitionsgelder verstärkt direkt erhalten, sagt er. Der Bearbeitungsaufwand für viele Förderprogramme sei einfach zu hoch.

Dass Henke schon vor der Wende in der SED politisch aktiv war, daraus macht er keinen Hehl. Im Jahr vor der Wende war er als Parteisekretär im Halberstädter Kraftverkehr tätig, erzählt er. Doch Henke, der an der Polizeihochschule Dresden Hochschulingenieurökonom studierte, betont auch seine innere Distanz zur damaligen Führung: Als die DDR-Bürger im Wendejahr in Massen den Staat über Ungarn oder die Prager Botschaft verließen, habe er sein politisches Schlüsselerlebnis gehabt, sagt Henke. „Als ich – damals als junger Mensch – meine Meinung zum Thema Republikflucht geäußert habe, schlug die Verantwortliche der SED auf den Tisch: ’Jetzt sitzt der Klassenfeind schon hier am Tisch.’“

In den Monaten danach habe er zu jenen gehört, die die vage Hoffnung auf eine reformierte DDR vertraten. Es kam anders und Henke zog es in die Kommunalpolitik. Auf der Landesliste der Linken steht Henke auf Platz 8. Nach den aktuellen Umfragen ist die Wahrscheinlichkeit auf den Einzug ins Landesparlament groß.

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