Kassel (dpa) - Eigentlich zog es Sofia Meißner in die Ferne. Den Schulabschluss in der Tasche wollte die 19-Jährige ins Ausland: "Mein Plan war ursprünglich, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Argentinien zu machen."

Dort habe sie die Sprache und etwas über die eigenen familiären Wurzeln lernen wollen. Doch dann kam Corona und vieles wurde anders. Heute arbeitet Meißner als FSJlerin in der Kulturbrücke, einem Projekt des Sozialen Friedensdienstes Kassel (SFD).

Meißner kümmert sich um Kinder und Jugendliche mit kulturell gemischtem Hintergrund. Sie helfe beim Lernen und arbeite in der Verwaltung. Die Corona-Pandemie hat nicht nur Meißners Zukunftspläne durcheinander gewirbelt. Beschränkungen des öffentlichen Lebens und vor allem die stark eingeschränkte Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, wirken sich auf Freiwilligendienste im sozialen Bereich aus.

Die Folgen von Covid-19 für das FSJ sind etwa in der Statistik des Landes Hessen noch nicht zu sehen. Denn aktuelle Zahlen wird es erst im Februar geben. Vor einem Jahr absolvierten landesweit 5854 junge Menschen ein FSJ.

Zu viele Bewerber im Inland

Es deutet sich aber an, dass der Freiwilligendienst von der Corona-Krise profitieren könnte: "Es gab Bewerber, die haben gesagt: Freiwilligendienst jetzt doch nicht", sagt Mike Löchner, Inlandskoordinator des SFD. Im Gegenzug hätten andere aber nicht ins Ausland gekonnt und sich dann für ein FSJ in Deutschland beworben. Das habe unter dem Strich zu einem kleinen Überhang an Bewerbern im Inland geführt.

"Im Moment sieht es so aus, dass wir viele Bewerbungen bekommen", sagt auch Christine Orth-Theis, Sprecherin der Volunta, einer Gesellschaft des Deutschen Roten Kreuzes, die Freiwilligendienste organisiert. So seien Alternativen für junge Leute nach der Schule weggefallen: Auslandsjahre, Work and Travel, Praktikumsplätze. Daher entschieden sich die Freiwilligen für das Soziale Jahr. "Für die ist das FSJ eine Pause, die Sinn macht: Man kann sich orientieren, schnuppert in Berufe rein."

Aufgaben gebe es wieder genug. "Am Anfang der Corona-Pandemie, gab es große Verunsicherung in den Einsatzstellen", erklärt Orth-Theis. Teilweise hätten Freiwillige zu Hause bleiben müssen. Doch dies sei vorbei: Krankenhäuser müssten weiter arbeiten, ebenso Rettungsdienste und Pflegeeinrichtungen, Schulen sowie Kindergärten. 4000 Freiwillige gibt es allein bei Volunta pro Jahr.

Deutlich kleiner ist das Angebot der Sportjugend. "Wir haben 200 Stellen in Hessen, die wir besetzen", erklärt Rainer Seel, Referatsleiter für Freiwilligendienste. Damit sei man ein mittelgroßer Träger. Die Einsatzstellen für Freiwillige seien kleine und große Sportvereine, Sportkreise und Sportfachverbände. "Hauptbetätigungsfeld ist die Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Sport." Da Corona-Beschränkungen das Vereinsleben zeitweise zum Erliegen brachten, musste man reagieren.

Corona-Kompatible Angebote mitentwickelt

"Wir haben es in veränderter Form hinbekommen", sagt Seel. Freiwillige hätten andere Tätigkeiten übernehmen dürfen, sich mit digitalen Angeboten beschäftigt. "Die Freiwilligen sind sehr stark eingebunden worden in die kreative Entwicklung von Angeboten, die auch unter Corona-Bedingungen stattfinden können." Voraussetzung sei allerdings immer die Zustimmung des Freiwilligen.

Sofia Meißner ist nach eigenem Bekunden zufrieden. "Ich bin das mit dem Gedanken angegangen, dass eine Umorientierung immer neue Perspektiven bietet." Sie bekomme einen neuen Bezug zur Heimatstadt. Auch dass die Ausbildung der Freiwilligen nicht wie vor der Pandemie laufe, sei nicht schlimm. "Wir hätten eigentlich ein Präsenzseminar auf Sylt gehabt." Das finde nur online statt, sei aber abwechslungsreich gestaltet.

Einig sind sich die Freiwilligendienste, dass Interessierte auch in Corona-Zeiten keine Scheu haben sollten, sich für ein FSJ zu bewerben. Offene Stellen finde man immer. Mike Löchner rät, auf den richtigen Zeitpunkt zu achten. "Wer jetzt im Moment noch nicht weiß, ob er ins In- oder Ausland will, der kann bis Februar oder März warten." Wer dagegen trotz Corona-Pandemie auf jeden Fall im kommenden Jahr ins Ausland wolle, solle sich beeilen. Sonst seien die Wunsch-Einsatzstellen und -Länder vielleicht schon weg.

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