Genthin l Dass Birgit Raquet und Rosel Lucker aus Genthin nicht für sich allein das Schicksal tragen müssen, mit der Diagnose Brustkrebs zu leben, ist für sie Trost und Hilfe zugleich. Immerhin ist Brustkrebs in Deutschland laut Informationen der Internetseite gesundbund.de – initiiert vom Bundesgesundheitsministerium – die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Auch die Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs" unter dem Dach des „Aufbruch" e. V., die Birgit Raquet in Genthin leitet, bekommt deshalb immer wieder neuen Zulauf.

Und auch wenn so manche der Frauen im Laufe der Zeit leider immer noch an ihrem Brustkrebs versterben – auf diese Schicksalsgemeinschaft  können und wollen Birgit Raquet und Rosel Lucker nie und nimmer mehr verzichten.

Selbsthilfegruppe sehr wichtig

Rosel Lucker sagt der Volksstimme: „Die Treffen mit den anderen Frauen in der Selbsthilfegruppe sind für mich so wertvoll wie ein wirksames Medikament." Deshalb hat der Coronavirus doppelt in ihr Leben eingeschlagen. Nicht nur muss sie, wie auch die anderen Frauen, als besonders Betroffene einer Risikogruppe persönliche Begegnungen vermeiden und peinlich genau auch alle anderen Hygieneregeln beachten, sie kommt  auch schon seit Monaten nicht an ihr gefühlt wichtigstes Medikament, die Treffen und die Gemeinschaft mit den anderen in der Selbsthilfegruppe, heran.

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Denn auch wenn Nichtbetroffene es für naheliegend halten könnten –  die Krankheit selbst stehe, so Rosel Lucker, in dieser Selbsthilfegruppe gar nicht so sehr im Mittelpunkt. „Ich fühle mich  dort", so die 88-Jährige, „wie in einer großen Familie". Die gleichgesinnten Frauen würden all die Themen miteinander besprechen, die in einer Familie halt so besprochen werden (müssen). Vor allem aber: „Wir lachen sehr viel miteinander."  Auch mal über sich selbst lachen, das sei, so Rosel Lucker, eine der Überlebensstrategien der betroffenen Frauen. Geburtstage feiern die Frauen  der Gruppe gemeinsam. Und zwar nicht jeden einzelnen, sondern alle zusammengefasst in einer großen Feier im Sommer. Grillfest, Weihnachtsfeier – alles das fiel bereits im vergangenen Jahr dem Coronavirus zum Opfer. Ob und wenn ja, wann in diesem Jahr die Treffen wieder möglich werden, wisse momentan keiner.

Rosel Lucker, die schon acht Urenkel zu ihrer Familie zählt, lässt ihr Leben Revue passieren. Mit 15, erzählt sie, musste sie bereits hart im Krankenhaus arbeiten. 14-Stunden-Arbeitstage waren damals die Norm, nicht die Ausnahme. Die Flure geschrubbt haben zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit die Krankenschwestern selbst. Das bis heute ungeklärte Schicksal ihres Vaters, der, als sie Kind war, „von einem Kommissar" abgeholt worden war und nicht wieder gesehen wurde, lässt sie nicht los. In jedem Heimkehrer habe sie nach dem Krieg damals ihren Vater gesehen.

Nicht unterkriegen lassen

Sie hat einen Sohn verloren, Hörstürze gehabt, sich aber „trotzdem nicht unterkriegen lassen". Erstaunt registriert sie, über was ein guter Schutzengel in ihrem Leben bisher alles die Hand gehalten hat. Und: „Der da oben will mich offenbar noch nicht haben."

Also versuche sie, die sich medizinisch bei ihren Ärzten gut aufgehoben fühlt, einsamen Stunden so gut es geht mit Telefonaten mit Enkel, Urenkel und sehr guten Freunden  zu überbrücken. Sie könne sich –gottseidank – selber versorgen, habe eine schöne Wohnung und freue sich an Blumen und überhaupt an der schönen Natur immer wieder.

Birgit Raquet, die ihren Brustkrebs trotz regelmäßiger Untersuchungen beim Gynäkologen und Mammografie alle zwei Jahre vor zehn Jahren einst selbst ertastet hat, hat damals mit Operation, Chemotherapie und Bestrahlung alles mitgenommen, was bei ihrem Krebs an Therapien möglich war. Da war sie 60. Heute mit 70 finden die Ärzte Metastasen (Absiedlung von Tumorzellen vom Ursprungsherd der Krankheit entfernt) in ihren Knochen. „Ich habe mein Testament gemacht", sagt sie. Aber ansonsten „muss der Himmel noch ein wenig auf mich warten. Ich gebe nicht auf. Für meine Familie werfe ich die Flinte nicht so schnell ins Korn. So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen".

Viele hadern mit ihrer Erkrankung

„Warum ich?", meint sie, frage sich wohl jeder Krebskranke. Manche hadern so sehr damit, dass sie in Depression verfallen würden. Was derzeit noch schneller passieren könne, weil den Betroffenen in Coronazeiten daheim die Decke auf den Kopf falle. Sie selbst, die zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder hat, ziehe ihre Lebenskraft daraus, dass sie ihren Haushalt immer noch selbst schaffe und für die Familie kochen könne. Und eben nicht zuletzt aus der Gemeinschaft in der Selbsthilfegruppe.