Berlin (dpa) - Die Eltern trennen sich, mit der Angebeteten will es nicht klappen, die meisten Lehrer erweisen sich als ziemlich schräge Vertreter ihrer Zunft und dann auch noch die Sache mit Bogi: Mortens bester Kumpel kommt plötzlich in die Klinik. Der Junge hat Krebs. Morten ist zutiefst deprimiert.

Spätestens seit J.D. Salinger seinen jugendlichen Antihelden Holden Caulfield ("Der Fänger im Roggen", 1951) bei der Suche nach der eigenen Identität durch New York geschickt hat, wissen wir, dass es Teenager, selbst wenn sie keine materielle Not leiden müssen, nicht immer leicht haben. Das gilt zumindest für den 15-jährigen Morten, den Matthias Brandt (57) Ende der 70er Jahre durch eine Pubertät irgendwo in Westdeutschland stolpern lässt.

Der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt, im Hauptberuf Schauspieler, hat sich in seinem ersten Roman tief in die Psyche eines Heranwachsenden versetzt, der sich in dieser nicht unproblematischen Phase seines jungen Lebens ziemlich alleingelassen fühlt. "Blackbird" gehört damit ins Regal der Coming-of-Age-Geschichten, das in jüngster Zeit immer breiter zu werden scheint.

Erwachsenwerden ist keine leichte Aufgabe. Morten jedenfalls tut sich schwer damit, kämpft mit seiner Angst, seiner Wut, seiner Traurigkeit, seiner Unsicherheit in einer von ihm als verlogen empfundenen Welt. Er verfängt sich vollkommen im Chaos seiner Gefühle. Er beobachtet genau, macht sich Gedanken, aber versteht nicht viel. "Keine Ahnung" oder "Was weiß ich", kommentiert er gern.

Trost bieten da höchstens Popsongs. Die Talking Heads und David Bowie zum Beispiel findet der introvertierte Jugendliche richtig gut. Angelo Branduardi und Herman van Veen gehen seiner Meinung nach gar nicht, die Band Chicago, von der sich Bogi eine Platte kaufen will, auch nicht. Da gibt es richtig Krach zwischen den beiden besten Freunden. Auf die Beatles können sie sich aber einigen.

"Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt", hat Matthias Brandt seinem mit viel Aufmerksamkeit bedachten literarischen Debüt "Raumpatrouille" (2016) vorausgeschickt. Er erzählt darin von dem Kind einer Politikerfamilie, das in Bonn aufwächst und mit Leuten wie etwa dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke Kakao trinkt.

Auch bei "Blackbird" könnte Brandt autofiktional gearbeitet haben. Wie viel von ihm tatsächlich in seinem Protagonisten steckt, ist allerdings unbekannt. Sicher ist indes, dass der lakonische Stil des Autors die Leser bei aller Tragik, die seinem Ich-Erzähler widerfährt, immer wieder schmunzeln lässt und sicher bis ans Ende des Buchs trägt. Brandt legt Morton Sätze in den Mund wie beispielsweise: "Das mit den Lungenzügen hatte ich in der letzten Zeit geübt, aber ich hatte es, wie gesagt, noch nicht geschafft, Raucher zu werden. Auch weil ich es immer wieder vergaß."

Leise kommt die Story als ein einziger langer Monolog daher, an manchen Stellen vielleicht sogar etwas zu leise. Sie dürfte aber auch fast 40 Jahre nach Mortens seelischer Odyssee kaum etwas an ihrer Relevanz verloren haben.

- Matthias Brandt: Blackbird, Kiepenheuer & Witsch, 276 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-34620-5313-5.

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