Frankfurt/Main (dpa) - Als Nino Haratischwili vor vier Jahren ein fast 1300 Seiten langes Familienepos vorlegte, wurde "Das achte Leben (Für Brilka)" zu einem literarischen Ereignis.

In ihrem Roman hat sie über mehrere Generationen hinweg das Schicksal einer georgischen Familie aus dem Bürgertum nachverfolgt - und verwebt es virtuos mit der gesamten Geschichte der Sowjetunion. Die Autorin, die als Studentin von Tiflis nach Hamburg kam, schreibt dabei auf Deutsch.

Vor der Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast Georgien dieses Jahr ist, hat die 35-jährige Haratischwili erneut ausgeholt. "Die Katze und der General" ist zwar rund 500 Seiten kürzer, aber fast genauso ambitioniert. Dieses Mal geht es weniger um die Opfer von Krieg und Grausamkeiten wie im "achten Leben", sondern um die Täter.

Ausgangspunkt ist der erste Tschetschenien-Krieg von 1994 mit all seinen Gräueltaten. Daran hat auch ein inzwischen in Berlin lebender russischer Oligarch namens Alexander Orlow teilgenommen, der eigentlich in seiner Jugendzeit den Militärdienst hasste. Jetzt will der "General", wie der schwerreiche Immobilienzar genannt wird, ein Verbrechen sühnen, das er mit Kameraden in Tschetschenien begangen hat.

Es geht um die 17 Jahre alte Nura, die von einem besseren Leben fernab der engen Welt Tschetscheniens träumt. Sie wird jedoch von den russischen Besatzern, an die sie Hühner verkauft, vergewaltigt und ermordet. Um sich zu rächen, versucht der reuige Orlow, mit Hilfe eines deutschen Journalisten eine junge Georgierin anzuwerben, die Nura aufs Haar gleicht. Mit ihrer Familie ist sie nach Deutschland geflüchtet.

Die ebenfalls in Berlin lebende Schauspielerin - sie wird wegen ihrer Kletterfähigkeiten als Kind "die Katze" genannt - soll ein Video drehen. Dies soll Orlows einstige Kumpane nach Tschetschenien locken, um ihnen den Prozess zu machen. Orlow handelt auch im Sinne seiner Tochter Ada, die ihn nicht für einen Kriegsverbrecher halten will.

Das klingt wie der Plot eines Thrillers, wie er im Kino laufen könnte. Dort wäre er vielleicht auch einfacher umzusetzen gewesen. Denn in der literarischen Umsetzung wirkt das Buch doch sehr konstruiert. Die Charaktere sind zum Teil ziemlich holzschnittartig angelegt.

Haratischwili ist gelernte Theaterautorin. Sie weiß also, wie man ständig neue dramaturgische Einfälle produziert. Das tut sie auch gekonnt in ihrem Roman. Auch ihre große Fabulierlust hat sie nicht verloren. Doch das ständige Verschieben der Kulissen, um die Spannung zu halten, geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit der gesamten Geschichte. Das große Thema von Schuld und Sühne eines Kriegsverbrechens wird damit literarisch letztlich nicht befriedigend bewältigt.

- Nino Haratischwili, Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2018, 763 Seiten, 30 Euro, ISBN: 978-3-627002541.