Frankfurt/Main (dpa) - Die Orte: Eine Boxschule, ein Schwimmbad, eine Feuerwache, eine Großküche und 14 weitere Locations, die nicht gerade dafür bekannt sind, dass dort häufig klassische Musik aufgeführt wird.

Das Großprojekt One Day in Life hat gute Chancen, eines der spektakulärsten Kulturereignisse des neuen Jahres zu werden. Nicht weniger ungewöhnlich ist, wer sich die Konzertreihe ausgedacht hat: ein Architekt.

Daniel Libeskind, Schöpfer des Jüdischen Museums in Berlin, ein in Polen geborener US-Amerikaner, war Berufsmusiker, bevor er Architekt wurde. Er galt als Wunderkind am Akkordeon, studierte Musik, trat auf, gewann Preise. Eigentlich habe er die Musik nie aufgegeben, sagt er im dpa-Interview. Ich habe den Eindruck, dass ich die Musik nie aufgegeben habe - ich spiele jetzt nur ein anderes Instrument.

Am 21. und 22. Mai 2016 bespielt er nun eine ganze Stadt: Frankfurt am Main - eine Stadt, von der zu viele Menschen denken, dass sie hässlich ist, wie Libeskind sagt. Ich mag, dass es keine nostalgische Stadt ist, sondern ihre Geschichte akzeptiert hat und sich vorwärtsbewegt. Das ist einzigartig.

Die Idee zu One Day in Life hatte der Intendant der Alten Oper, Stephan Pauly. Libeskind sei nicht nur ein bedeutender Architekt, sondern auch ein leidenschaftlicher Musikmensch, sagte Pauly bei der Präsentation des Projekts im November. Die Idee sei gewesen, einen Nicht-Musiker einen Außenblick auf die Kunstform Konzert werfen zu lassen.

Libeskind suchte sich 18 Orte aus, von denen viele nicht öffentlich zugänglich sind. Er habe einen imaginären Stadtplan von Frankfurt entworfen - eine Art Traum-Topographie, berichtet er. Ich habe versucht, den Geist dieser Stadt einfangen. Die 75 Aufführungen an diesen ungewöhnlichen Konzertorten finden binnen 24 Stunden statt. Besucher, so will es die Alte Oper, müssen mindestens drei Konzerte besuchen. Maximal möglich für die ganz Hartgesottenen sind zehn.

Dann aber ist man am Samstag von 16 bis 24 Uhr und am Sonntag von 10 bis 18 Uhr durchgehend auf den Beinen. Nicht mal in der Nacht ist Pause: Nach dem letzten Livekonzert kann man per Livestream im Internet Werke von Eric Satie hören.

Um die Logistik in Griff zu bekommen hat die Alte Oper ein eigenes Online-Buchungssystem entwickelt, in dem man sich seine persönliche Tour zurechtbasteln kann. Zum Beispiel fünf Konzerte für 62 Euro: 16 Uhr OP-Saal, 18 Uhr Küche im Römer, 20 Uhr Lesesaal Nationalbibliothek, 22 Uhr Bunker, 24 Uhr Rebstockbad - und danach kann man schwimmen gehen, sagt Pauly.

Jeder Ort stehe für eine Grunddimension des menschlichen Daseins, erklärte der Architekt, etwa Bewegung (eine fahrende Straßenbahn) oder Geheimnis (das Wohnhaus von Juden-Retter Oskar Schindler). Jedes Konzert dauert 40 Minuten, dazwischen ist eine gute Stunde Zeit, um den Ort zu wechseln. 200 Musiker werden für das Mammutprojekt im Einsatz sein, darunter sind auch bekannte Namen wie der Pianist Pierre-Laurent Aimard oder die Geigerin Carolin Widmann.

Dass Libeskind von Musik nichts versteht, kann nun niemand mehr behaupten: Seine Auswahl ist originell und vielseitig. Klar, ein paar populäre Gassenhauer und naheliegende Ort-Musik-Analogien sind dabei: Wassermusik im Schwimmbad, Tafelmusik in der Küche. Aber auf dem Programm stehen auch Geheimtipps und Raritäten: Karlheinz Stockhausens Gesang der Jünglinge im Feuerofen bei der Feuerwehr oder Marin Marais' Darstellung einer Blasenoperation für Viola da Gamba und Stimme in einem Operationssaal.

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One Day in Life