Workaholics

Wenn die Arbeit zur Sucht wird

In Sachsen-Anhalt schieben Erwerbstätige pro Jahr hunderttausende Überstunden. Entweder, weil sie es müssen oder nicht anders können. Bei einigen artet das Ganze sogar in krankhafte Arbeitssucht aus.

Von Christian Bark 07.07.2015, 17:36

Magdeburg l Manfred Hippeli ist Gastwirt in Havelberg. Täglich ist er zwischen 9 und 23.30 Uhr für seinen Betrieb auf den Beinen. "Während der Bundesgartenschau haben wir jeden Tag von 11 bis 22 Uhr geöffnet", sagt er. Doch damit sei die Arbeit noch lange nicht getan, es müsse noch Papierkram erledigt und eingekauft werden. Zusätzlich engagiert sich Hippeli im Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Sachsen-Anhalt.

"Du musst als kleiner Gastronom ein Workaholic sein", stellt er klar. Die Gäste freuen sich, persönlich vom Chef begrüßt zu werden und strafen es ab, wenn der Service nicht astrein ist, begründet Hippeli seine Motivation, mehr zu arbeiten. Auch im Krankheitsfall von Angestellten müsse der Wirt zumeist selbst die "Lücke" schließen. "Das geht manchmal an die Substanz, aber die Arbeit muss gemacht werden", sagt Hippeli.

"Bei Workaholism handelt es sich um eine Krankheit, mit der nicht zu spaßen ist", informiert Antje Orgass, Sprecherin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) in Leipzig. Die Leistung im Beruf bestimme das Privatleben mit. Für Betroffene werde die Arbeit zur Sucht, bis hin zur völligen Erschöpfung. "Die Überlastung kann psychosomatische Folgen nach sich ziehen", erklärt sie. Nicht selten seien Rücken- oder Gliederschmerzen Folgen einer psychischen Erkrankung.

Gerade bei Männern, die bis zum Umfallen arbeiten, werde lieber vom Burnout-Syndrom, also von Ausgebranntheit, gesprochen, als von einer Depression. "Dabei ist auch dieses Syndrom Teil einer depressiven Phase und kein einmaliges Ereignis nach harter Arbeit", sagt die Sprecherin. Wer davon betroffen sei, egal ob durch freiwillige oder aufgezwungene Mehrarbeit, sollte sich schleunigst professionelle Hilfe suchen, empfiehl Orgass. Arbeitssucht könne langfristig auch zu schweren körperlichen Problemen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen.

Mehr als 500.000 Überstunden

Wie dem Gastronom aus Havelberg geht es vielen Erwerbstätigen in Sachsen-Anhalt, sagt Antje Orgass. Sowohl Selbstständige als auch Angestellte seien von Depressionen, die unter anderem auf Mehrarbeit zurückgeführt werden können, betroffen. Zahlen des Statistischen Landesamtes in Halle zufolge, leistete 2014 jeder der mehr als 56.000 abhängigen Erwerbstätigen in Sachsen-Anhalt im Schnitt 8,2 Überstunden pro Jahr. Insgesamt kämen so allein dort rund 500.000 Überstunden zusammen.

Im Gastgewerbe haben die 16.000 Angestellten überdurchschnittlich länger gearbeitet, nämlich 9,1 Stunden. Schätzungen über die Dunkelziffer, beispielsweise für Selbstständige wie Manfred Hippeli, könne das Landesamt nicht abgeben, heißt es aus Halle.

Selbsthilfegruppe unterstützt

Lösungen für Workaholism sollen in der Selbsthilfegruppe der Anonymen Arbeitssüchtigen (AaS) gefunden werden. Sachsen-Anhalt am nächsten gelegen ist die Gruppe in Berlin. Am Austausch können Betroffene auch aus der Distanz via Telefon oder Skype teilnehmen, informiert der Organisator der Gruppe, Jonas Zimmermann (Name von der Redaktion geändert). Er selbst ist von Arbeitssucht betroffen. Jeden Dienstagabend gibt es ein Treffen in Berlin, zu dem im Schnitt zehn Workaholics kommen würden. "Von der Hausfrau bis zum Manager, die Gruppe ist bunt gemischt", sagt Zimmermann.

Jonas Zimmermann ist als Selbstständiger in Berlin tätig. Schon in der Schule habe er immer mehr gemacht als die Anderen. Dabei sei es ihm um Anerkennung der Eltern und Lehrer gegangen. "Mir persönlich helfen die Gesprächsrunden", sagt er. Gruppenteilnehmer würden beispielsweise untereinander auf sich Acht geben, sich warnen, wenn die Arbeitswut mal wieder ausartet. Hilfreich sei für Betroffene auch die Hinwendung zum Spiritualismus. Momente der Besinnung könnten manchmal Wunder bewirken.