Die Doppelherrschaft von Zar und Kirche ist wieder auferstanden

Und übt umgehend finstere Rache an den drei jungen Frauen für die persönliche und gotteslästerliche Schmähung. Wegen Rowdytums aus religiösem Hass sind sie schuldig geprochen worden. Die Musikerinnen werden für zwei Jahre eingespert.

Das politische Signal werden alle Russen verstehen: Die heilige Einigkeit von Obrigkeit und orthodoxer Kirche ist im 21. Jahrhundert endgültig wieder auf den Stand der Zarenzeit zurückgefallen. Wer also gegen einen Teil dieser Macht - oder wie im Fall von Pussy Riot gleich gegen beide - aufmuckt muss sich auf Kerker, Lager oder Verbannung einrichten.

Dass die Aufregung darüber im demokratischen Ausland größer ist als in Russland selbst, zeigt, dass die Kremlführung den über qualvolle Jahrhunderte zementierten Fatalismus des Volkes als feste Größe einplant. Getreu dem alten Sprichwort: Russland ist groß, der Zar ist weit. Und von dessen korrupten und brutalen Knechten hält man sich lieber weit fern und beschränkt sich darauf, sein persönliches Wohl zu finden.

Es gärt zwar auch im Riesenreich - aber nur innerhalb einer großstädtischen, welterfahrenen und weltoffenen Schicht. Wiktor Normalverbraucher hingegen ist wohl froh, wenn er von der Obrigkeit in Ruhe gelassen wird.

Aber auch Putins Truppe muss zur Kenntnis nehmen, dass allein Pressezensur und Justizwillkür wie unter Nikolai II. nicht mehr ausreichen, um Russland dauerhaft ruhigzuhalten. Es gibt da eine Reihe von Störfaktoren, an deren Bekämpfung aber bereits zügig gearbeitet wird. Etwa die Nichtregierungsorganisationen, in den Augen der russischen Führung Agentensyndikate fremder Mächte, denen Grundlagen per Gesetz entzogen werden sollen.

Der Hauptfeind für den KGB-erfahrenen Präsidenten, der seine Gegner gern mal als "Schakale" betitelt, ist jedoch das offene Internet. Da wird sich das System bestimmt noch etwas einfallen lassen. In China ist es üblich, dass regimekritische Internet-Seiten blockiert werden. Es kann gut sein, dass Moskau hier ausnahmsweise mal in Peking abguckt.

Je nach Sichtweise kann man diese unheilvollen Entwicklungen aus westlicher Richtung wütend, hämisch oder bedauernd sehen. Fakt aber ist: Von den europäischen Ländern ist Deutschland am engsten mit Russland verwoben. Vor allem über wirtschaftliche Stränge, rund ein Viertel der deutschen Öl- und Gasimporte kommen aus dem Osten, mit immer noch steigender Tendenz. Russland wiederum ist ein gewaltiger Exportmarkt für technische Güter aller Art.

Beide Länder sind aufeinander angewiesen, was sich bei Lösung der Euro-Krise auf den europäischen Rahmen erweitern lässt. Hinzu kommt, dass Russland auf internationaler Ebene als Partner gebraucht wird. Syrien zeigt, wie notwendig das ist.

Deshalb kann es uns Deutschen nicht egal sein, was zwischen Tula und Omsk passiert - bei aller gebotenen Zurückhaltung angesichts der Millionen Toten, die die Russen durch einen von Nazideutschland angezettelten Weltkrieg zu beklagen haben.

Das derzeit laufende Russland-Jahr in Deutschland und das parallele Deutschland-Jahr in Russland bieten Gelegenheit zu offenem, kritischen Austausch. Was ist Russland zu wünschen? Vorerst das, was die verurteilten Frauen von Pussy Riot vorgebetet haben.