Vor 50 Jahren begann erster Prozess und löste öffentliche Debatten aus. Von Bernd-Volker Brahms

Juristen waren mit Auschwitz überfordert

Frankfurt am Main I Als am 20. Dezember 1963 - also vor 50 Jahren - vor dem Landgericht Frankfurt am Main der sogenannte Auschwitz-Prozess unter dem Aktenzeichen "4Ks 2/63" begann, konnte niemand wissen, welche Bedeutung diese juristische Auseinandersetzung für die Bundesrepublik haben würde. In den 1950er Jahren, die als Wirtschaftswunderzeit in die Geschichtsbücher eingegangen ist, fand in der Bundesrepublik und auch in der DDR kaum eine ernsthafte Aufarbeitung der Verbrechen des gerade untergegangenen NS-Staates statt. Vielmehr herrschte in den frühen 1950er Jahren eine "Schlussstrichmentalität" vor, wie es der Historiker Norbert Frei beschreibt.

Eichmann-Prozess 1961 war der Vorläufer

Die Entnazifizierung durch die Alliierten und dann insbesondere die Amnestiegesetze für Kriegsverbrecher während der Adenauer-Zeit beförderten das Verdrängen der Vergangenheit. Zwar hatte es gleich nach dem Krieg ab 1945 die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse gegeben, bei denen einige Nazi-Größen zur Verantwortung gezogen wurden. Jedoch war dies ein Verfahren der Alliierten gewesen, die so unmittelbar nach dem Krieg die Dimension des Völkermordes noch gar nicht erfassen konnten. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 und dann insbesondere mit dem ersten Auschwitz-Prozess, der 20 Monate andauerte, geriet das monströse Verbrechen der Deutschen an den Juden in die Öffentlichkeit.

Die Soziologin Hannah Arendt prägte seinerzeit den Begriff von der "Fabrikation von Leichen". Arendt hatte schon bei dem Prozess gegen Adolf Eichmann von der "Banalität des Bösen" gesprochen und angedeutet, dass der Völkermord an den Juden nicht nur von wenigen Führungspersonen geplant und durchgeführt worden war. Das Schockerlebnis war für viele Menschen die Erkenntnis, dass eben eine breite und häufig auch unscheinbare Masse an den Verbrechen beteiligt war.

Zeitungen druckten Aussagen ab

Durch den Auschwitz-Prozess , der durch den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ab 1958 ins Rollen gebracht wurde, gelangten Details über die Vorgänge im Konzentrationslager Auschwitz erstmals in die Öffentlichkeit. Zeitungen wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" druckten die Zeugenaussagen teilweise wortwörtlich ab. Gerade die Folter-Details wie die sogenannte "Boger-Schaukel" zeigten die Grausamkeit der Verbrechen. Der SS-Oberscharführer Wilhelm Boger (1906-1977) hatte Gefangene, unter anderem kopfüber in den Kniekehlen hängend, an den Armen festgebunden und auf sie mit einem Holzstock eingeschlagen.

Von den ungefähr 2000 SS-Männern, die zwischen 1940 und 1945 in Auschwitz Dienst taten, hatte man 1963 in Frankfurt eine "Hand voll unerträgliche Fälle herausgefischt und des Mordes angeklagt", wie Hannah Arendt es beschrieb. Letztlich wurde durch die "Strafsache gegen Mulka und andere" aber auch die Hilflosigkeit der Justiz angesichts der Unvergleichbarkeit des Verbrechens deutlich. Von den 22 Angeklagten, die weder Einsicht noch Reue zeigten, wurden nach 183 Verhandlungstagen am 20. August 1965 sechs zu lebenslangem Zuchthaus, elf weitere zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und 14 Jahren verurteilt.

Gericht sichtete 16000 Seiten Papier

Drei wurden sogar freigesprochen, zwei schieden wegen Todes beziehungsweise Krankheit aus dem Verfahren aus. Insgesamt wurden 1300 Zeugen gehört, 211 von ihnen waren Lagerüberlebende. Rund 16000 Seiten Papier - Akten, Totenbücher, Bestellscheine für Giftspritzen und das Giftgas Zyklon B wurden von den Richtern durchgearbeitet. Auch ein Vororttermin des Gerichts in Auschwitz stand an, keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass Oswiecim (Auschwitz) sich im sozialistischen Polen befand.

Der Prozess geriet ab 1963 allerdings auch zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Für die DDR-Führung zeigte das Verfahren, dass sich die Bundesrepublik in der Kontinuität des NS-Staates befand und lediglich "kleine Köpfe" rollen ließ. Nicht erst mit dem berüchtigten "Braunbuch" aus dem Jahre 1965 versuchte sich die DDR gegenüber der Bundesrepublik international zu profilieren, in dem sie auf das Vorhandensein von Funktionsträgern des Nationalsozialismus in der Gesellschaft hinwies. Der Historiker Norbert Frei meint unter Hinweis auf neueres Aktenmaterial, dass die DDR seit Mitte der 1950er Jahre mit erheblicher konspirativer Energie versuchte, die Fakten und Probleme der "unbewältigten Vergangenheit" zur Destabilisierung der Bundesrepublik zu nutzen.

Die DDR sandte den Anwalt Friedrich Karl Kaul als Nebenkläger in den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Dieser sollte zu einem "Tribunal gegen den I.G. Farben-Konzern" umfunktioniert werden, was sogar ansatzweise gelang. Wie neuere Unterlagen belegen, war dieser "offensive Antifaschismus" Bestandteil einer größeren politischen Gesamtkonzeption der Partei- und Staatsführung um Walter Ulbricht.

DDR-Anwalt war als Nebenkläger dabei

Die DDR ihrerseits hatte 1966 den KZ-Lagerarzt Horst Fischer zum Tode verurteilt und hingerichtet. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Tätern, die es auch in der DDR gab, verbot sich schon aus dem Gründungsmythos des Staates. Der besagte, dass die DDR aus dem antifaschistischen Widerstand hervorgegangen sei. Eine Nazi-Größe wie beispielsweise General Friedrich Paulus, dessen 6. Armee bei Stalingrad aufgerieben worden war, lebte bis zu seinem Tode 1957 im Wohlstand in Dresden in der Villensiedlung "Weißer Hirsch".

Orte wie etwa das KZ Buchenwald wurden schon in den 1950er Jahren von der DDR-Führung politisch instrumentalisiert und zu volkspädagogischen Stätten gemacht.

Es wurde hier der Sieg des Kommunismus über den Faschismus - insbesondere in den Skulpturen von Fritz Cremers - symbolisiert. "Das Verbrechen an den Juden geriet dabei völlig aus dem Blickwinkel", wie der heutige Leiter der Gedenkstätte, Volkhard Knigge, sagt.

Seit 1986 gab es mehrere Holocaust-Debatten

Ein Prozessbeobachter in Frankfurt war der Schriftsteller Peter Weiss (1916-1982), dessen Theaterstück "Die Ermittlung" bereits zwei Monate nach dem Ende des Prozesses im Oktober 1965 uraufführt wurde. Heute gehört es zur Schullektüre. Das Stück, das er als "Konzentrat" des Auschwitz-Prozesses verstand, wurde an 16 Theatern - unter anderem in Halle/Saale - gleichzeitig gezeigt und löste die einzige gesamtdeutsche Diskussion um den Holocaust aus. Dies blieb bis zur Wende ein Novum.

Erst seit den späten 1970er Jahren findet eine verstärkte, auch wissenschaftliche Aus-einandersetzung mit dem Völkermord an den Juden statt. Der Historikerstreit (1986/87), die Goldhagen-Debatte ("Hitlers willige Vollstrecker" 1996) sowie die umstrittene Friedenspreisrede des Schriftstellers Martin Walser (1998) und auch die Diskussion um das Holocaust-Mahnmal (ab 2000) in Berlin legen Zeugnis ab von dieser intensiven Beschäftigung mit dem Judenmord.

In den Jahren zwischen 1965 und 1981 folgten fünf weitere Auschwitz-Prozesse.

Demjanjuk-Urteil Wendepunkt in der Rechtsprechung

Die Verurteilung des KZ-Aufsehers John Demjanjuk im Mai 2011 gilt als Wendepunkt in der Rechtsprechung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten bei NS-Delikten nur der Nachweis einer Individualschuld zu einer Verurteilung führen können. Das Landgericht München hatte den Ukrainer Demjanjuk dagegen zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28060 Juden im Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen verurteilt, obwohl ihm als Wächter keine Tat individuell zugeschrieben werden konnte. Das Urteil wurde nie rechtskräftig, da Demjanjuk starb, bevor die Revision durchgeführt werden konnte.

Nach diesem Richterspruch nahm die Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen neue Ermittlungen gegen einstige KZ-Aufseher auf. 28 neue Verfahren sind seitdem eingeleitet worden. Auch ein 90-jähriger ehemaliger Professor der Universität Halle (1970 bis 1988) steht im Verdacht, sich als SS-Rottenführer im Nebenlager "Monowitz" des KZ Auschwitz der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.