Arbeitnehmer

Pendler: Flucht vor niedrigen Löhnen

Hunderttausende Menschen pendeln in Deutschland zur Arbeit. Wo am wenigsten verdient wird, ist der Drang zum Pendeln am größten - im Osten.

Nürnberg/Berlin (dpa) l Unmittelbar nach der Wende stiegen in den Ortschaften des Thüringer Waldes mitten in der Nacht die Menschen in Busse. Über schlechte Bergstraßen machten sie sich auf den Weg in den Großraum Nürnberg, um für kleines Geld bei großen Firmen zu arbeiten. Am Nachmittag ging es dann wieder zurück – und nach dem beschwerlichen Tag und stundenlangen Busreisen meist direkt ins Bett.

Diese Art von Berufspendlertum – hart an der Grenze zur Ausbeutung – ist vorüber. Doch gependelt wird in Deutschland munter weiter – wie eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt. "Der Druck, im Beruf mobil zu sein und weite Wege zum Arbeitsplatz zurück zu legen, hat in den letzten Jahren unvermindert angehalten", sagt die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (Linke). Belastungen für Gesundheit, Familie und Umwelt inklusive.

"Noch immer pendeln wesentlich mehr Beschäftigte aus Ostdeutschland zum Arbeiten in die westlichen Bundesländer als in umgekehrter Richtung", sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete, die die BA-Statistik ausgewertet hat. "Mitte 2020 pendelten 407.927 ostdeutsche sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den Westen. Umgekehrt kamen aus Westdeutschland im Jahr 2020 nur 177.601 Beschäftigte zum Arbeiten in die neuen Bundesländer", sagt Zimmermann unter Berufung auf die Zahlen der Nürnberger Statistiker.

Es ist nach wie vor der Lockruf des Euros, der die Menschen aus den neuen Bundesländern zum Arbeiten in den Westen treibt. Vollzeitbeschäftigte ostdeutsche Pendler erhielten an ihrem Arbeitsort in Westdeutschland (Stand: Ende 2019) im Mittel ein Bruttoeinkommen von 3588 Euro im Monat. In Ostdeutschland als Arbeitsort lag das Medianentgelt lediglich bei 2 827 Euro. Mecklenburg-Vorpommern liegt mit 2659 Euro brutto ganz am Ende der Skala, Spitzenreiter Baden-Württemberg rangiert mit 3755 Euro brutto um mehr als 1000 Euro weiter oben.

Ostdeutsche vollzeitbeschäftigte Pendler in Richtung Westen verdienten somit im Schnitt 761 Euro oder 26,91 Prozent mehr als die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die im Osten arbeiten. "Der hohe Pendlerüberschuss von Ost nach West ist immer noch Ausdruck der Flucht vor Niedriglöhnen in den neuen Bundesländern. Der ostdeutsche Arbeitsmarkt wird dadurch noch immer wesentlich entlastet, die Probleme überdeckt", sagt Zimmermann.

Der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, sieht es nicht ganz so dramatisch. "Das Ost-West-Schema, das es mal gegeben hat, gibt es so nicht mehr", sagt Scheele der Deutschen Presse-Agentur. Schon seit 2017 gebe es Hinweise auf eine Umkehr der einstigen Wanderungsbewegung von Arbeitskräften von Ost nach West. Allerdings sieht Scheele auch weiter Unterschiede, etwa bei Wirtschaftsstruktur, Einkommen und der demografischen Entwicklung.

Aus Thüringen etwa treibt es noch immer mehr als 85.000 der knapp 800.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Menschen in den Westen zur Arbeit – knapp 33.000 davon ins benachbarte Bayern, wie die Statistik zeigt. Das sind mehr als in den anderen ostdeutschen Flächenländern, obwohl Thüringen das zweitkleinste der neuen Länder ist. Aber: Auch rund 9400 der fünf Million bayerischen Beschäftigten pendeln nach Thüringen.