Taichung l Der Ingenieur Heng Shan-Lin ist in diesen stürmischen Tagen oft an der Küste westlich der Stadt Taichung unterwegs. Schon seit einigen Jahren findet hier das wohl bedeutendste Freiluft-Experiment Taiwans statt. Fast 170 Windkraftanlagen hat das staatliche Energieversorgungsunternehmen Taiwan Power Company an dem Küstenstreifen aufgebaut. Fünf unterschiedliche Hersteller lieferten die Technik für die Versuchsreihe, darunter das deutsche Unternehmen Enercon, das auch in Magdeburg produziert.

Seit den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr hat Taiwan der Atomkraft abgeschworen, forciert den Ausbau der erneuerbaren Energien und will so weltweit in der ersten Liga beim Klimaschutz mitspielen. In Taipeh hofft die Regierung darauf, mit dem neuen Kurs endlich den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: internationale Anerkennung.

Auch wenn Taiwan das Klimaabkommen von Paris nicht offiziell unterzeichnen darf, möchte sein Land einen Beitrag leisten, um die Erderwärmung zu stoppen, erklärt der Minister für Umweltschutz, Lee Ying-Yuan. „Als Bewohner der Erde wollen wir alles unternehmen, um den Planten zu retten“, sagt er.

Schwierige Bedingungen

Die Arbeit von Menschen wie Heng Shan-Lin hat deswegen auch eine politische Bedeutung. Dass der Ausbau der erneuerbaren Energien aber kein Selbstläufer wird, zeigen seine Erfahrungen: Nahe Taichung weht fast immer ein starker Wind. Von Oktober bis März drohen zudem tropische Wirbelstürme. Manchmal lässt der Ingenieur die Geräte lieber abschalten, bevor ein starker Sturm größere Schäden verursachen kann. Dann produzieren die Windräder allerdings auch keinen Strom.

Bislang ist das nicht weiter schlimm. Denn der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung in Taiwan beträgt derzeit nur etwa zwei Prozent. Doch bis 2025 sollen mindestens 20 Prozent des Stroms in Taiwan von Wind-, Solar- und Biomasse-Kraftwerken produziert werden. Gleichzeitig werden die drei derzeit noch laufenden Atomkraftwerke abgeschaltet.

Der Regierung geht es jetzt vor allem darum, die richtige Balance zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum zu finden. Mehrere Milliarden Euro will Taiwan in den kommenden Jahren in seine Vision investieren. Wissenschaftler im Industrial Technology Research Institute (ITRI), dem größten Forschungszentrum Taiwans, arbeiten an Lösungen, die das Stromnetz stabilisieren und auch das Speichern von Energie aus Wind, Sonnen und Biomasse ermöglichen sollen.

Ob all das gelingt, ist auch den Forschern nicht klar. Als sicher gilt, dass der Strompreis in Taiwan deutlich steigen wird.