Taipeh l Als der chinesische Präsident Xi Jinpeng Mitte Oktober auf dem Parteikongress eine Rede hielt, hat Chiu Chui-Cheng ganz genau zugehört. Dreieinhalb Stunden habe Xi Jinpeng gesprochen und dabei rund 320.000 Worte verwendet, sagt der Vize-Minister für China-Angelegenheiten der Regierung Taiwans einige Tage später in einem Konferenzraum seines Ministeriums. Über den kleinen Insel-Staat in Südostasien habe er dabei nur 800 Worte verloren. Jetzt lächelt Chiu Chiu-Cheng. Für den mächtigsten Mann Chinas habe es wohl wichtigere Themen gegeben als das kleine Taiwan mit seinen rund 23 Millionen Einwohnern.

Das Verhältnis zwischen China und Taiwan ist seit Jahrzehnten eine Gratwanderung. Die mächtige Volksrepublik betrachtet das Eiland vor seiner Küste als Teil seines Territoriums und verfolgt nach wie vor das Ziel der Wiedervereinigung. Das hat historische Gründe: Nach dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs flüchteten die unterlegenen Kuomintang 1949 nach Taiwan und führten dort die Republik weiter. Die Kommunisten riefen in Peking hingegen die Volksrepublik aus.

Ein-China-Politik

International hat das aufstrebende China das demokratische Taiwan bereits seit Jahrzehnten in die diplomatische Bedeutungslosigkeit verbannt: Der wirtschaftliche Riese diktiert seinen Partnern die Bedingungen, und will keine Beziehungen zu Ländern, die Taiwan offiziell anerkennen. „Ein-China-Politik“, heißt diese Maßgabe. Und Peking ließ in der Vergangenheit keinen Zweifel daran, wer dieses eine China ist.

In der Eingangshalle des Außenministeriums in Taipeh stehen 20 Fahnen. Es sind die Flaggen der Länder, die in diplomatischen Beziehungen mit Taiwan stehen. In Europa ist das nur der Vatikanstaat, in Südamerika Paraguay. Ansonsten halten vor allem kleine Staaten den offiziellen Kontakt zu dem Inselstaat. Das gilt so lange, bis die Chinesen mit viel Geld locken: Erst um Juni mussten die Mitarbeiter eine Flagge aus der Galerie entfernen. Panama brach die Beziehungen nach Taipeh ab. Am Ende siegten wirtschaftliche Interessen über diplomatische Loyalität.

Nie richtig dabei

Im Schatten der Großmacht bekommt Taiwan keinen offiziellen Fuß auf internationales Parkett. Mehrere Versuche, als eigenständiges Mitglied in die Uno aufgenommen zu werden, sind gescheitert. Bei Treffen der Welt-Gemeinschaft sitzt das Land zwar ab und an als Beobachter am Tisch, ist aber nie richtig dabei.

Rhine Huang steht im zweiten Stock des National Museums in Taipeh vor einer Vase aus der Ching-Dynastie. Etwa um 1740 verzierte sie der Künstler mit aufwendigen Malereien. Rund 700 000 Stücke wie diese hat das staatliche Museum in seinem Besitz, nur etwa die Hälfte kann es in einer Dauerausstellung präsentieren. China beansprucht rund 90 Prozent der Kulturschätze für sich, erzählt Huang. Ein Konflikt mit der Volksrepublik besteht auch im Südchinesischen Meer, wo China seit einigen Jahren aggressiv um Land kämpft. Taipeh besetzt und beansprucht die Taiping-Insel für sich. Der Ton ist noch schärfer geworden, nachdem bekanntwurde, dass unter dem Eiland wahrscheinlich große Ölvorkommen lagern. Taiwan setze weiter auf eine Politik ohne Provokationen und ohne Überraschungen, beteuert Vize-Minister Chiu Chui-Cheng.

Schwerer Schlag

Das Verhältnis zwischen China und Taiwan wird aber schwierig bleiben. Auch, weil es die neue Präsidentin Tsai Ing-Wen verpasst hat, rechtzeitig für Entspannung zu sorgen. In ihrer ersten Rede hatte sie sich von Peking distanziert. Wenig später limitierte die Volksrepublik die Zahl chinesischer Touristen, die jedes Jahr nach Taiwan reisen dürfen – und versetzte der Hotel- und Gastronomie-Branche auf der Insel einen schweren Schlag.

Taipeh kann sich vielleicht trösten. In Asien nimmt das Land seit Jahren Spitzenpositionen ein. Der Insel-Staat gehört zu den stärksten Exportnationen. Jeder Einwohner ist krankenversichert. Bald könnte das Land weiter enteilen: Das Verfassungsgericht sprach sich kürzlich für die „Ehe für alle“ aus.