Rasdorf/Geisa (dpa) l Geschichtsträchtige Orte, an denen die deutsche Teilung noch immer sichtbar ist, sind 30 Jahre nach dem Mauerfall rar geworden. Selbst in Berlin ist vom damaligen Grenzwall zwischen der DDR und BRD nicht mehr viel zu sehen. Einer der eindrucksvollsten Orte, an denen sich die Konfrontation zwischen den politischen Machtblöcken von Ost und West erleben lässt, ist in Rasdorf in der osthessischen Provinz. Dort befindet sich der frühere und der bedeutendste Beobachtungsposten namens Point Alpha. Heute ist der ehemalige Stützpunkt des US-Militärs eine in dieser Form bundesweit einmalige Grenzgedenkstätte mit musealem Charakter. Sie genießt internationalen Ruf – bis ins noch immer geteilte Korea.

Jedes Jahr strömen Zehntausende Besucher aus dem In- und Ausland in die Gedenkstätte. Sie umfasst auch das "Haus auf der Grenze" mit seiner Ausstellung zum DDR-Grenzregime im benachbarten Geisa (Thüringen). Berthold Dücker (71) kommt oft und gern zu Point Alpha. Der DDR-Flüchtling, Zeitzeuge und langjährige Förderer der Einrichtung, steht vor dem US-Camp an einem verwitterten Grenzpfosten. Der schwarz-rot-goldene Anstrich ist abgeblättert.

Invasion des Ostblocks möglich

Dücker blickt sich um. Er sieht Wachtürme, einen erhaltenen Zaun und die Überreste der Grenzanlagen. "Hier herrschte früher Kalter Krieg. Wir können froh sein, dass daraus kein heißer Krieg wurde. Sonst wäre nicht nur diese Region hier mit Militärschlägen dem Erdboden gleich gemacht worden." Militär-Strategen gingen davon aus, dass eine Invasion des Ostblocks an dieser Stelle erfolgt wäre – mit dem Ziel schnell das strategisch wichtige Rhein-Main-Gebiet und den Frankfurter Flughafen zu erreichen.

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Die Geschichte nahm aber einen anderen Verlauf, es kam zu einer friedlichen Revolution in der DDR, bis am 9. November 1989 die Mauer fiel. Erst in Berlin, dann bröckelte die Grenze überall. US-Soldaten wurden dann auch nicht mehr an der Grenze von Hessen zu Thüringen gebraucht. Sie fingen an, sich im Frühjahr 1990 von Point Alpha zurückzuziehen. Doch was sollte aus dem Militärlager werden? Nachdem es übergangsweise bis 1995 als Asylbewerber-Unterkunft genutzt wurde, sollte die Einrichtung platt gemacht und renaturiert werden.

Förderverein für Gedenkstätte

Dücker war damals Chefredakteur der "Südthüringer Zeitung" und konnte es nicht fassen. "Ich war entsetzt. Natürlich war das Lager damals in einem katastrophalen Zustand, alles kaputt und verrottet. Aber es musste als historischer Ort erhalten bleiben." Dücker gründete einen Förderverein und wandte sich an die Politik. "Es gab Widerstände. Hessen lehnte strikt ab. Hilfe fand ich ausschließlich in Thüringen", erinnert er sich an die schwierigen Gespräche. "Wir Deutsche neigen dazu, Probleme und historische Aufarbeitungen unter den Teppich zu kehren. Aber dann entstehen Falten und man stolpert darüber."

Mit viel Lobbyarbeit und vereinten Kräften gelang es Dücker als Förderverein-Vorsitzendem, den historischen Ort vor dem Verschwinden zu bewahren. Dücker gilt als der Retter von Point Alpha – auch wenn er das mit seiner Zurückhaltung so nicht sagen würde. Für den Mann mit der Glatze, der über sein früh ausgefallenes Haupthaar scherzt, ist die deutsche Teilung und deren Folgen ein Lebensthema.

Bäuchlings durch ein Minenfeld

Als er 16 Jahre alt war, floh er 1964 von Ost nach West. Allein. Der Drang nach Freiheit war noch größer als die Liebe zur Familie. Dücker nahm einen lebensgefährlichen Weg: er robbte bäuchlings durch ein Minenfeld. Ausgestattet mit einer Kneifzange zum Durchtrennen von Stacheldraht stocherte er im Erdreich herum, um den vergrabenen Sprengkörper zu entgehen. Im osthessischen Fulda angekommen wurde er später (Jung-)Journalist.

Erst 1993 kehrte Dücker in seine alte Heimat nach Geisa (Thüringen) zurück. Er arbeitete nebenbei jahrelang als Chef des Fördervereins und später als stellvertretender Stiftungsratsvorsitzender. Schon zu Vereinszeiten gründete er das "Kuratorium Deutsche Einheit". Es vergibt den Point Alpha Preis für Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas. Die erste Ehrung 2005 ging an drei Architekten der Einheit: George Bush senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Auch sie waren schon in Point Alpha, wo sich heute ein einzigartiges Museum unter freiem Himmel befindet.

Ausstellungen in den Baracken

In Point Alpha können Besucher noch Panzer, Militärfahrzeuge und Hubschrauber von damals sehen. In den Baracken befinden sich Ausstellungen. "Hier wird Geschichte begreifbar. Der Ort erzählt mehr als 100 Bücher", sagt Dücker, als er an einem Kartentisch steht. Auf ihm wird strategisch deutlich, dass Point Alpha früher ein Pulverfass war – so viele Waffen und Soldaten waren in der Umgebung stationiert. Das "Fulda Gap" galt als das Waffendepot Europas schlechthin.

Direkt neben dem Kartentisch befindet sich in einem Schaukasten ein Kriegsspiel namens "Fulda Gap – The First Battle of the Next War" (übersetzt: Das Einfallstor von Fulda – Der erste Schlag im nächsten Krieg). Bei dem Brettspiel konnte der Beginn des Dritten Weltkriegs mit vernichtenden Atomwaffen simuliert werden. "Das Spiel zeigt wie brisant die Situation früher hier war", erklärt Dücker. In den USA sei das Spiel früher sogar freiverkäuflich gewesen, berichtet Danny Chahbouni von der Pressestelle der Point Alpha Stiftung. "Dieses Spiel war eine Ausgeburt des Kalten Krieges", sagt Dücker.

Dücker ist froh, dass sein Lebenswerk – der Erhalt von Point Alpha – gelungen ist. Dafür wurde er auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Erhalt sei wichtig mit Blick auf kommende Generationen. "Das Unwissen vieler Schüler über die deutsche Teilung ist eklatant. Viele von ihnen begreifen erst hier, dass es überhaupt eine innerdeutsche Grenze gab. Die Schüler müssen über die jüngsten Kapitel deutscher Geschichte einfach mehr lernen und besser Bescheid wissen als über die Französische Revolution."