Hamm (dpa) l Viele Schulen klagen über schlechte Ausstattung, Enge und über zusätzliche Aufgaben, die Zuwanderung und Inklusion mit sich bringen. Die Gebrüder-Grimm-Schule in einem sozial benachteiligten Stadtteil von Hamm tickt anders. Man sehe es als "großes Glück", eine "arme" Schule zu sein, schreibt das Lehrerteam in der Bewerbung um den deutschen Schulpreis 2019. "Das, was uns bezüglich aller Qualitätsentwicklung vorangebracht hat, waren echte Herausforderungen und Nöte." Am Mittwoch rückt die Brennpunktschule im Ruhrgebiet als beste Schule Deutschlands ins Rampenlicht.

Was ist das Erfolgsrezept? "Probleme nicht als Probleme, sondern fröhlich als Herausforderung sehen", sagt Schulleiter Frank Wagner der Deutschen Presse-Agentur zum grundsätzlichen Ansatz. "Lachend Leistung lieben lernen", lautet das Motto. Es gibt acht Klassen mit 225 Grundschulkindern – und für sie ein ausgeklügeltes und ungewöhnliches Lernkonzept.

Mit wenigen Ressourcen und in räumlicher Enge habe die Einrichtung innerhalb von zehn Jahren "eine Umgebung geschaffen, in der Lernen hervorragend gelingt", betont Jury-Sprecher Michael Schratz. Ein "exzellentes Vorbild für innovative Schulentwicklung", befinden die Preisstifter – Robert Bosch Stiftung und Heidehof Stiftung.

Die Offene Ganztagsschule leitet zu Eigenverantwortung an. Die Kinder lernen möglichst selbstbestimmt, aber innerhalb eines klar gesetzten Rahmens, mit festen Ritualen und Arbeitsabläufen. Die rund 30 Lehrer und pädagogischen Mitarbeiter achten auf eine Balance zwischen individuellem und gemeinschaftlichem Lernen.

Konkret sieht der Alltag so aus: Im Schuljahr wiederholen sich drei je mehrwöchige "Epochen": In "Projekt-Epochen" arbeiten die Schüler in jahrgangsübergreifenden Projekten stark in Eigenregie. Das diene der Talentförderung, komme auch besonders begabten Schülern entgegen. In "Kurs-Epochen" werden vor allem Basiskompetenzen wie Rechnen, Lesen, Handschrift trainiert. In "Klassen-Epochen" steht das Lernen im Klassenverband im Mittelpunkt.

Lerninseln für Kinder

Kinderlehrpläne sind das A und O, roter Faden und Orientierung. Es gibt sogenannte Lerninseln. Da können Schüler – ausgehend von ihren Lehrplänen – eigenständig agieren. Ihr Leistungsstand wird regelmäßig erhoben und mit den Kindern besprochen. Fast die Hälfte der Jungen und Mädchen kommt aus benachteiligten Familien, erhält Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Gut 100 Schüler haben nach Angaben der Preisstifter einen Migrationshintergrund, jeder zehnte sonderpädagogischen Förderbedarf. Keine privilegierte Schülerschaft also.

Die Gebrüder-Grimm-Schule weiß, das Leben halte auch für Schüler "immer wieder Zitronen bereit" – und hat dafür noch ein Rezept parat: "Mach' Limonade draus." Frei nach der US-amerikanischen Jugendromanautorin Virginia Euwer Wolff. "Man schaut auf das Positive, die Talente", erläutert Schulleiter Wagner. Bei den letzten Lernstanderhebungen hätten die Ergebnisse den Landesdurchschnitt übertroffen.

Es gibt weitere Besonderheiten in der "Märchenschule": Einen täglichen Morgentanz ab 0745 Uhr in der Aula. Den Schulhund Merlin. Oder auch einen Nutzgarten mit Obst und Gemüse, eine Grillecke für Feste mit Familien, einen Bereich mit Meerschweinchen, Kaninchen, Hühnern. Jeder Quadratmeter wird multifunktional genutzt.

Ein langer Wunschzettel

Wertschätzung und Anerkennung regieren in der Schulgemeinde, sagt Wagner. Lobbriefe werden feierlich verliehen. Es gebe extrem selten Gewalt oder Mobbing, betont die Schule. Eltern können sich zeigen lassen, wie sie Zuhause am besten mit dem Nachwuchs üben. Man habe mit wenig Geld viel erreichen können, meint der Schulleiter. Aber was mit dem Preisgeld von 100.000 Euro angeschafft werden soll, weiß er auch schon: Mikroskope, Kletterwand, mehr Monitore für die Lerninseln - die Wunschliste ist lang.