Tel Aviv/Gaza (dpa) l Nach dem blutigsten Tag in dem Palästinensergebiet seit dem Krieg 2014 begraben die Menschen ihre Toten. Mindestens 60 Palästinenser sind bei Massenprotesten an Israels Grenze von israelischen Soldaten getötet worden, darunter mehrere Minderjährige – während Israel und die USA in Jerusalem die Eröffnung der US-Botschaft feierten. Der Blutzoll erscheint unfassbar hoch: An einem Tag allein kamen mehr Menschen ums Leben als in den ganzen sechs Wochen seit Beginn des „Marsches der Rückkehr“.

Tausende Palästinenser nahmen am Dienstag an Begräbniszügen teil. Sie trugen Särge auf den Schultern, die in die grüne Fahne der im Gazastreifen herrschenden Hamas gewickelt waren. „Tod Israel!“ rufen wütende Teilnehmer. Zehn der 60 Toten waren nach Angaben aus dem Gazastreifen Hamas-Mitglieder.

„Die Juden sind Verbrecher, und sie verstehen nur die Sprache der Gewalt“, rief der 25-jährige Chaled. „Früher oder später werden wir uns rächen.“

Zorn der Palästinenser

Vordergründig protestierten die Gaza-Einwohner gegen den Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Der umstrittene Schritt von US-Präsident Donald Trump facht den Zorn der Palästinenser an, die am Tag der Nakba (Katastrophe) auch der Flucht und Vertreibung von rund 700.000 Palästinensern im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948 gedenken.

Viele Experten verweisen jedoch auf tiefer liegende Gründe, nach mehr als einem Jahrzehnt der Blockade durch Israel und Ägypten und dem Scheitern einer innerpalästinensischen Versöhnung. „Die Palästinenser laufen nicht wegen der Botschaft oder wegen der Hamas in ihren Tod“, sagt Jariv Oppenheimer von der Organisation Peace Now. „Die Palästinenser laufen in ihren Tod, weil sie hungrig, arbeitslos, ohne Trinkwasser und Strom sind, weil ihr Leben nichts wert ist.“

Demonstrationen in der zweiten Reihe

Der „Marsch der Rückkehr“ sollte nach Willen der zivilen Organisatoren ein friedlicher Protest sein. Doch die Hamas nutzt die Proteste für ihre eigenen Ziele, hat sozusagen „aufgesattelt“. Während die Demonstrationen in der zweiten Reihe eher Volksfestcharakter haben, nähern sich Gewalttäter der Grenze und greifen Soldaten mit Steinen, Brandflaschen und Sprengsätzen an. Israel will sie mit allen Mitteln daran hindern, die Grenze zu durchbrechen, weil es Anschläge auf grenznahe israelische Ortschaften befürchtet.

Die Hamas setze auf die Proteste, weil sie ihre strategische Waffe gegen Israel verloren habe, schreibt ein Kommentator der Zeitung „Maariv“ – die Angriffstunnel, in die die Organisation Hunderte Millionen Dollar investiert habe. Israel hat seit Oktober neun davon zerstört. Die Hamas habe nun „die Macht der Volksproteste entdeckt“.

Massensturm über die Grenze

Ihr erklärtes Ziel, einen Massensturm über die Grenze auf israelisches Gebiet, hat die Hamas nicht erreicht. Die Armee hat an der Grenze positionierte israelische Scharfschützen nach eigenen Angaben angewiesen, nur nach Warnungen zu schießen – und dann nur auf die Beine.

Israel zahlt jedoch einen hohen politischen Preis für das Blutvergießen, das international schärfste Kritik ausgelöst hat. Die Türkei und Südafrika haben ihre Botschafter für Konsultationen abgezogen, in Irland wurde der israelische Botschafter einbestellt.

Raketenangriffe auf Israel

Kommt es jetzt zum vierten Krieg zwischen Israel und der Hamas binnen zehn Jahren? Wenn die Zahl der Toten weiter steigt, könnte die Hamas wieder Raketenangriffe auf Israel erlauben, erwarten Kommentatoren. Dann werde Israel wiederum noch härter reagieren.

„Gaza ist in der Krise, Gaza braucht eine Lösung“, sagt auch der palästinensische Politikexperte Omer Schaban. „Wenn der Krieg nicht morgen ausbricht, dann kann es in einem Monat passieren. Gaza ist nicht mehr zu retten, die internationale Gemeinschaft muss grundlegend eingreifen. Gaza ist nicht mehr bewohnbar, es braucht eine Intervention, um zu überleben.“