Mechelen (dpa) l Mechelen, eine beschauliche belgische Stadt auf halber Strecke zwischen Brüssel und Antwerpen. Enge Gassen, Häuser aus Ziegelsteinen, über dem Marktplatz thront der mächtige Turm der St.-Rombouts-Kathedrale. Bekannt ist Mechelen aber nicht für hübsche Fassaden. Die Stadt mit knapp 86.000 Einwohnern, mit 138 Nationalitäten und rund 20 Prozent Muslimen gilt als Modell gelungener Integrationspolitik, und die wird vor allem einem zugute gehalten: Bürgermeister Bart Somers.

Vor einem Jahr wählte ihn die Denkfabrik City Mayors Foundation zum Weltbürgermeister. Wochen später diskutierte Somers bei den Vereinten Nationen in New York über Migration. Nun ist sein Buch „Zusammenleben“ auf deutsch erschienen. Wie ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen in einer Stadt funktioniert, treibt auch deutsche Stadtoberhäupter in Duisburg oder Cottbus um.

Als Somers 2001 Bürgermeister wurde, war Mechelen eine dreckige, unsichere Stadt. Die Kriminalitätsrate war hoch, die Mittelschicht zog weg, rund ein Drittel der Bürger wählte rechts. Und dann? Recht und Ordnung, damit fing es an. Man habe die Stadt sicher und sauber gemacht, vor allem in ärmeren Gegenden. „Mehr Parks und mehr Polizei in den Straßen“, sagt Somers. Heute gibt es in der Stadt verteilt 250 Sicherheitskameras, im Zentrum liegt kaum Müll, die Kriminalitätsrate ist stark gesunken, die Wirtschaft läuft, nur noch acht Prozent haben bei der vergangenen Wahl rechts gewählt.

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Sicherheit ohne Stigma

Am Anfang galt Somers, Mitglied der Flämischen Liberalen und Demokraten (Open VLD), wegen seiner Bemühungen für Polizei und Sicherheit vielen als rechter Hardliner. „Viele definieren so eine Politik als anti-migrantisch“, weiß Somers. Doch Menschen mit Migrationshintergrund in ärmeren Gegenden seien oft die ersten Opfer der Kriminalität. Nur dürften sie sich nicht stigmatisiert fühlen. Alle Menschen in seiner Stadt seien gleichberechtigte Bürger, bekräftigt der Bürgermeister. „Wenn es Probleme mit einem Jungen mit islamischem Hintergrund gibt, dann gehen wir nicht zum Imam.“ Sondern zu ihm, zu seinen Eltern. „Man redet mit ihnen als Bürger.“ Damit lasse sich auch Extremismus verhindern. Aus Mechelen habe sich kein Bürger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen, ganz anders als etwa in der Nachbarstadt Vilvoorde.

Fühlen sich die Bürger wohl und sicher, haben sie auch weniger Angst vor Fremden – so sieht es Somers. „Wenn wir miteinander spielen, Sport treiben, die Schulbank drücken und im Job zusammenarbeiten, werden die Unterschiede verschwinden“, schreibt er. Ganz leicht fällt die Überzeugungsarbeit allerdings auch in Mechelen nicht. So versucht die Stadt, flämische Familien zu bewegen, ihre Kinder auf normale Stadtteilschulen zu schicken, auch wenn dort viele Kinder mit Migrationshintergrund sind. Somers: „Sogar progressive Eltern sagen: „Unser Kind ist kein soziales Experiment.“ 150 bis 200 Familien habe man trotzdem überzeugt.

Irgendwann sei der Punkt gekommen, an dem die Menschen stolz auf ihr „diverses Mechelen“ waren. „Fünf bis zehn Jahre dauert es, um wirklich einen Umbruch zu erreichen“, sagt Somers. Und stellt klar: Mechelen sei kein Paradies, es gebe noch Segregation und Kriminalität.

Somers gilt als "Flowerpower-Politiker"

Inzwischen gilt Somers vielen nicht mehr als Hardliner, sondern als „Flowerpower-Politiker“, der immer von Inklusion und Gleichheit redet. Die Wahrheit liegt vielleicht dazwischen.

Was können deutsche Städte wie Cottbus von Mechelen lernen? Aus Somers‘ Sicht braucht es Anstrengungen von allen Seiten. „Klar ist, wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir nicht wegschauen.“ Migranten müssten die Sprache lernen und auch, wie die Gesellschaft funktioniert, in der sie leben wollen.

Als Mechelen 250 Flüchtlinge freiwillig aufnahm, wurde jedem ein Bürger der Stadt als Pate zur Seite gestellt. Es ging darum, dass die Neuankömmlinge nicht isoliert bleiben. Als das Gespräch auf Werte kommt, wird die Stimme von Bart Somers immer lauter, er gestikuliert, rutscht in seinem Stuhl hin und her. Ohne bestimmte Grundwerte könne eine diverse Gesellschaft nicht funktionieren, stellt er klar. Doch es muss auch Raum für Veränderungen geben. „Wer aus jeder Tradition einen fundamentalen Wert macht, zerstört die Freiheit von unserer Gesellschaft, und damit ihren zentralsten Wert“, ruft Somers aus. In seinem Buch beschreibt er ein Beispiel: Ein Teil des Friedhofs der Stadt wurde für islamische Bestattungen bereitgestellt. Die Debatte davor sei heftig gewesen. Doch „Mecheler Muslime können nun als vollwertige Bürger (...) bestattet werden, sodass auch im Tod ein gemeinsames Wir-Gefühl entsteht“.