Berlin l Joschka Fischer lässt sein Thema nicht los: der Zusammenhalt in Europa in Zeiten der Krise. Der grüne Übervater Fischer, der heute 70 Jahre alt wird, sorgt sich um die Zukunft der EU, sein neues Buch heißt: „Der Abstieg des Westens: Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts“. Er wünscht sich eine einflussreichere Rolle für das von ihm sieben Jahre lang geführte Auswärtige Amt mit seinem exzellenten Apparat. Nationalismus, Donald Trump, ein aggressives Russland Wladimir Putins, das den Westen herausfordert; der Brexit.

Was zu Zeiten des Außenministers Joschka Fischer die Balkan- und Nahostkrise war, sind heute noch mehr Krisen, fundamentale Zäsuren und Unsicherheit. Losgelassen hat der erste grüne Außenminister der Bundesrepublik (1998-2005) hingegen schon lange von der aktiven Politik. Während etwa Angela Merkel und Horst Seehofer heute um den richtigen Abschied ringen, hat er 2005 nach der Abwahl von Rot-Grün einen Strich gezogen.

Die physische Präsenz des Leitbullen

Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte der aus Gerabronn im Landkreis Schwäbisch-Hall stammende Fischer vor seinem Geburtstag in einem bemerkenswert offenen Interview, was ihn beim richtigen Zeitpunkt für das Loslassen besonders geprägt habe. Er wurde 1999 Zeuge eines Auftritts von Helmut Kohl, nun nur noch Abgeordneter, im Bundestag während der CDU-Parteispenden-Affäre. „Kohl hatte als Kanzler im Plenarsaal ja die physische Präsenz des Leitbullen einer Elefantenherde. Kaum einer traute sich, ihn ernsthaft zu attackieren“, erzählte Fischer. „Aber damals war er nicht mehr Kanzler, da hatten fast alle den Respekt vor ihm verloren.“ Außenminister Fischer saß auf der Regierungsbank, Kohl fing an sich im Plenum zu rechtfertigen. „Er war extrem geschwächt und wurde mit Zwischenrufen angegriffen, jede Furcht vor ihm war weg“, so Fischer, der sich fragte: „Warum sitzt er als sein eigenes Denkmal im Bundestag herum, statt nach Oggersheim zurückzugehen?“

Fischer war seit dem Ende der politischen Karriere nie wieder auf einem Grünen-Bundesparteitag. „Ich hatte nie den Ruf, ein besonders begeisterter Parteisoldat zu sein. Und mein Verhältnis zu Grünen-Bundesparteitagen war immer ein schwieriges“, sagte er. Unvergessen der Parteitag 1999 in Bielefeld, als aus Protest gegen den von Fischer mitgetragenen Nato-Einsatz im Kosovo ein roter Farbbeutel Joschka Fischer an den Kopf geschleudert wurde und dort zerplatzte. Der grüne Übervater ist aber voll des Lobes für die Neuaufstellung mit einer frischen Spitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck. Leid tut es ihm, dass Cem Özdemir wegen der gescheiterten Jamaika-Verhandlungen von Union, FDP und Grünen nicht der zweite grüne Außenminister geworden ist. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt war Fischer das erste Mal länger im Ausland, ein Jahr lehrte er an der US-Eliteuni Princeton, vermisste aber stark das deutsche Essen.

Im Nahkampf mit Polizisten

Sowieso das Essen, mal dünn, mal dick, viele Läufe zu sich selbst, Straßenkämpfer, Taxifahrer, Vizekanzler. Joschka Fischer, das sind viele Leben in einem, eine deutsche Biografie. Jeder hat Bilder zu ihm im Kopf. Der Randale-Fischer zu Frankfurter Studentenzeiten, vermummt mit einem Motorradhelm, im Nahkampf mit einem Polizisten. Der Turnschuh-Fischer, bei der Vereidigung als erster Landesumweltminister der Grünen 1985 in Hessen. Der Staatsmann Fischer im Nadelstreifenanzug auf internationalem Parkett.

Der große Erfolg der 68er-Bewegung ist aus seiner Sicht, dass die Gesellschaft gelüftet und liberaler wurde. Er war als Politiker nie Vorsitzender der Grünen, wurde aber zum führenden Kopf, nachdem der Partei 1983 der Einzug in den Bundestag gelang. Zum historischen Inventar der Bundesrepublik gehört sein Zwischenruf 1984 an Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen: „Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch.“

Kabinettslisten auf dem Bierdeckel

In der Bonner Kneipe „Provinz“ heckte er damals lange vor Rot-Grün mit dem späteren Kanzler Gerhard Schröder Regierungspläne aus, mit Kabinettslisten auf dem Bierdeckel. Fischer hat Schröder voraus, dass er mit der Filmproduzentin Minu Barati schon in seiner fünften Ehe lebt.

„Deutschland ist in dieser Zeit ein anderes Land geworden“, sagte er über die rot-grünen Jahre. Nein zum Irak-Krieg, Atomausstieg, Umweltschutz, Eingetragene Lebenspartnerschaft für Homosexuelle, Agenda 2010. Nach dem Ende von Rot-Grün sagte er in seiner typischen, selbstgefälligen Art: „Ich war einer der letzten Live-Rock‘n‘Roller der deutschen Politik.“