Berlin (dpa) l Nach dem Duell ist vor dem Duell. An diesem Dienstag werden sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel in der offiziell letzten Sitzung des Parlaments vor der Bundestagswahl am 24. September einen weiteren Schlagabtausch liefern. Es geht um die "Situation in Deutschland".

Die Reden im Bundestag sind vor dem Hintergrund des TV-Duells zwischen Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz zu sehen. Die wichtigsten Erkenntnisse vom Sonntagabend:

Eigentlich gibt es zwei Gewinner:
Eine einfache Antwort auf die Frage, wer das Duell für sich entschieden hat, gibt es nicht. Im Fernsehstudio gab es direkt nach dem Duell am Sonntagabend Jubel bei den Unterstützern von Schulz und ziemlich gedrückte Stimmung in der Merkel-Ecke. Aber war das nur die Expertensicht? Als repräsentativ eingestufte Umfragen von ARD und ZDF unter Zuschauern zeichnen ein teils anderes Bild.

Eine ARD-Blitzumfrage von infratest dimap vom Sonntagabend sieht die Kanzlerin bei der Frage, wen die Zuschauer überzeugender fanden, mit 55 Prozent klar vor dem Herausforderer mit 35 Prozent. Noch nie habe sie in ihrer Amtszeit so weit vor einem Herausforderer gelegen. Auch bei den Sachthemen siegt sie demnach. Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF schlägt sich Merkel für 32 Prozent der Zuschauer insgesamt besser, für 29 Prozent der SPD-Chef. Die Forschungsgruppe spricht allerdings auch von einem Patt und einem positiv überraschenden Schulz.

Schulz hat seine Anhänger nicht enttäuscht:
Viele hielten das Duell für die letzte Chance von Schulz, den Umfragetrend noch zu drehen. Eine Mobilisierung der eigenen Leute dürfte Schulz jedenfalls gelungen sein. Das ist schon bei seinem Auftritt auf dem Gillamoos-Volksfest am Montag in Bayern zu spüren, wo seine Anhänger Schulz wie gewohnt feiern. Justizminister Heiko Maas (SPD) meint: "Martin Schulz und der gesamten SPD wird das Duell Rückenwind geben." Ob es für eine Aufholjagd reicht, ist allerdings fraglich. Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim, sagt: "Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz." Die SPD liegt in den Umfragen zwischen 13 und 18 Prozentpunkten hinter der Union.

Kann Merkel sich jetzt zurücklehnen?
Nein. Schon vor dem Duell hatte Merkel angesichts des monatelangen Umfragevorsprungs der Union davor gewarnt, zu siegessicher zu sein. Ihre Sorge: Viele Anhänger könnten am 24. September Zuhause bleiben, weil sie denken, die Wahl sei schon entschieden. In der CDU zeigt man sich am Montag mit dem Verlauf des Duells zufrieden: Niemandem sei damit gedient, wenn im Wahlkampf mit abgedroschenen Schablonen übereinander hergefallen werde, heißt es.

Merkel räumt doch Fehler in der Flüchtlingspolitik ein:
Den Schulz-Vorwurf, sie habe sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 zu wenig mit den anderen EU-Staaten abgestimmt, weist Merkel zurück. Stattdessen räumt sie einen anderen Fehler ein: Die Bundesregierung habe sich lange zu wenig um die Flüchtlingslager für Syrer in der Türkei, in Jordanien und im Libanon gekümmert. Dass die Vereinten Nationen damals nicht genügend Geld erhielten, um die Flüchtlinge in den Anrainerstaaten Syriens zu versorgen, ist zwar richtig. Das war jedoch nicht der wesentliche Grund dafür, dass sich die Syrer auf den Weg machten.

Denn jene, die damals in Zelten lebten und auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen waren, also die Ärmsten der Armen, sitzen größtenteils bis heute noch in den Flüchtlingslagern. Viele Syrer, die nach Deutschland kamen, kamen entweder direkt aus Syrien oder hatten sich zuletzt mit ihren Ersparnissen oder Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Ein wesentlicher Push-Faktor war der Kriegseintritt Russlands. Dadurch schwand bei vielen Flüchtlingen die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat.

Die AfD spielt zumindest indirekt eine Rolle:
Die Moderatoren fragen die Kontrahenten nicht ausdrücklich nach ihrer Haltung zur AfD. Dass Merkel von sich aus den Namen der Rechtspartei in den Mund nimmt, ist vielleicht eher ein taktischer Schachzug. Denn mit ihrer Abgrenzung nach links und rechts will sie Schulz wohl zwingen, Farbe zu bekennen: Schließt er eine Koalition mit der Linkspartei aus oder nicht? Doch der SPD-Chef lässt sich nicht festlegen. Schulz will auch nicht ausdrücklich ausschließen, dass die SPD erneut als Juniorpartner in eine große Koalition mit der Union gehen könnte. Auf Nachfrage sagt er lediglich, er strebe die Kanzlerschaft in der Bundesrepublik an.