Hamburg (dpa) l Der 8. Januar 2009 hat das Leben von Monica Lierhaus in ein „Davor“ und „Danach“ geteilt. Bei einer Hirn-OP kommt es zu Komplikationen – die Prognosen für die Hamburgerin sind verheerend. Wie ein Kleinkind muss die TV-Moderatorin, die zum Team der ARD-„Sportschau“ gehörte, alles neu erlernen. In ihrem heute erscheinenden Buch „Immer noch ich“ beschreibt die 45-Jährige ihren Weg zurück ins Leben.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie über Jahre Buchan­fragen von Verlagen abgelehnt haben. Was hat zum Sinneswandel geführt?

Monica Lierhaus: Zum einen habe ich so unglaublich viele Zuschriften bekommen von Menschen, die auch betroffen waren und die mich gebeten haben, meine Geschichte niederzuschreiben, weil es ihnen helfen würde zu sehen, wie ich mich wieder in das Leben zurück kämpfe. Zum anderen war inzwischen der Zeitpunkt gekommen, die Verarbeitung all dessen anzugehen, auch um mich davon zu befreien.

Welche Therapien stehen für Sie noch auf dem Programm?

Logopädie, Neuropsychologie, Osteopathie, Physiotherapie und – was besonders angenehm ist – Massagen gegen die schmerzhaften Muskelverspannungen. Vor allem aber auch: Hippotherapie. Von diesem therapeutischen Reiten bin ich so begeistert, dass ich es schon gar nicht mehr als Therapie betrachte, sondern als pure Lebensfreude.

Was bereitet Ihnen noch die größten Probleme?

Eindeutig die ganze Feinmotorik. Alleine das Öffnen einer Milchtüte kann so schwierig sein. Ich bin aber schon froh, dass ich wieder Schnürsenkel binden kann. Alles was fummelig ist, dazu gehört unendlich viel Geduld – und die habe ich überhaupt nicht. Früher gingen die Fortschritte rasant schnell, jetzt viel langsamer. Aber früher konnte ich auch gar nichts, jetzt arbeite ich an Feinheiten.

Was von der „alten Monica“ hilft Ihnen heute und was hindert Sie?

Die Zielstrebigkeit hilft mir sehr. Meine Ungeduld steht mir manchmal extrem im Wege. Natürlich habe ich mich gefreut, als ich wieder die ersten ein, zwei Schritte alleine gehen konnte. Aber früher bin ich um die Alster gejoggt!

Als Sie in einem Interview davon sprachen, ohne lebensrettende Hirn-OP wäre Ihnen vieles erspart geblieben, löste das Schlagzeilen wie „Lieber tot als behindert“ und Diskussionen aus. Haben Sie solche Reaktionen erwartet?

Die Reaktionen haben mich erschrocken und verletzt. Die Kritik von einzelnen Behindertenverbänden nach dem Motto „Sei zwangsglücklich“ fand ich teilweise wirklich anmaßend und übergriffig. Ich musste mir anhören, ich sollte mich doch damit abfinden und dankbar sein, denn mir ginge es ja noch vergleichsweise gut. Der Weg, den ich dafür gehen musste, mit inzwischen elf Operationen und vielen Rückschlägen, war brutal und mühsam. Als ob Leid vergleichbar wäre!

Von anderen Betroffenen haben Sie auch Reaktionen darauf erhalten?

Ja, ich habe unzählige Mails von Betroffenen und Angehörigen, aber sogar auch von Therapeuten, Ärzten und Krankenschwestern erhalten, die geradezu erleichtert über meine Worte waren. Sie haben sich bedankt, dass endlich mal jemand ausspricht, was viele sich gar nicht trauen. Weil man eben immer ein Vorzeige-Behinderter sein soll. Jemand, der froh sein sollte, am Leben zu sein und dafür gefälligst dankbar zu sein hat. Der emotionale Druck, über ein Unglück oder eine Erkrankung nicht trauern zu dürfen, ist immens. Dass man auch dunkle Tage hat und verzweifelt ist, gehört doch dazu.

Haben Sie sich beim Schreiben des Buchs schwer damit getan, die Trennung von Ihrem langjährigen Partner zu thematisieren?

Klar ist das schwierig, Privates preiszugeben. Weil ich es nie gemacht habe und eigentlich auch nie machen wollte. Aber ein solch persönliches Buchprojekt über eine so intime und emotionale Zeit hat es nun mal erfordert. Sonst hätte ich es auch gleich lassen können. Nach der Trennung habe ich Rotz und Wasser geheult. War ich froh, dass ich meinen Hund Pauline hatte. Und ich habe eine großartige Familie, zum Glück einen tollen Job und bin – wie meine Schwester immer sagt – ein Stehaufmädchen.