Berlin (dpa) l Behutsam träufelt Nico Schack mit einer Pipette etwas Öl in den Kaffee. Der Preis der Tasse hat sich damit gerade fast verdoppelt. Im „Café Canna“ in Berlin-Prenzlauer Berg kann man sich sein Heißgetränk für 1,80 Euro Aufpreis mit einem ebenso gehypten wie umstrittenen Wirkstoff aus – legalem – Nutzhanf versetzen lassen. Es geht um Cannabidiol, kurz CBD. High werde man davon nicht, versichert der Betreiber. Ausgleichend und eher beruhigend solle der Kaffee-Zusatz wirken. Schmeckt am Ende etwas bitterer als normal.

Noch dürfte wohl eher eine der anderen Wirksubstanzen von Cannabis bekannter sein: Tetrahydrocannabinol (THC) ist für den Rauscheffekt der Droge verantwortlich. Der Psychiater Kurosch Yazdi, Leiter der Suchtabteilung am Kepler Uni-Klinikum im österreichischen Linz, beschreibt CBD „ein Stück weit als Gegenteil von THC“: Es habe kein Suchtpotenzial und beeinträchtige das Fahrvermögen nicht. Gewonnen wird CBD in Europa aus Sorten, die maximal 0,2 Prozent THC enthalten dürfen.

Verkauf vor allem im Internet

Warum CBD auch ohne Rauschwirkung gefragt ist? Ein Grund sind die angeblichen Wirkungen gegen diverse Leiden, über die auch Promis wie US-Star Kim Kardashian und Influencer berichten. Gegen Stress, Ängste und Regelschmerzen oder zum schnelleren Einschlafen. Auf manchen Internetseiten wird mit CBD angereichertes Öl wie eine Wunderarznei angepriesen: „Hilft gegen Diabetes (Typ 2)“. Solche Werbeaussagen für Nahrungsergänzung sind verboten. „Ein- bis zweimal täglich 1-2 Tropfen für 25 Sekunden unter die Zunge geben“, heißt es weiter. Zehn Milliliter eines solchen Öls können um die 80 Euro kosten.

Noch 2018 ging CBD-Kaffee zum Entspannen als New Yorker Trend durch die Medien. Seit einer Weile verzeichnen Experten einen Boom auch in Deutschland: Öle, Kapseln, Gummibärchen, Kaugummi oder Kosmetik – alle möglichen Waren werden mit dem Zusatz beworben. Nach Beobachtung der Verbraucherzentralen ist das Internet der Hauptumschlagplatz, aber auch immer mehr Läden schießen aus dem Boden, wie Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen erklärt.

Dabei ist die rechtliche Lage unsicher. „Es gibt keine vernünftige Regulierung“, sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband. Es handele sich um einen „grauen bis schwarzen Markt“. Eine der Fragen ist, ob CBD-Produkte ohne Zulassung der Europäischen Kommission als neuartiges Lebensmittel verkehrsfähig sind – bisher wurden zu CBD erst zwei solche Anträge gestellt. Behörden und auch Verbraucherzentralen meinen: Nein, ungeprüft kein Verkauf. Hersteller berufen sich hingegen etwa auf die lange Tradition der Hanfnutzung. Die unterschiedlichen Rechtsauffassungen beschäftigen Gerichte.

Auch wenn manchmal Artikel wieder aus Regalen verschwinden: Das Angebot ist noch immer breit. Für die Überwachung zuständig sind Lebensmittelkontrolleure in den Kommunen. „Wir schaffen aber sowieso schon kaum die Kontrollen“, heißt es aus einem Berliner Bezirksamt hinter vorgehaltener Hand. Personalmangel und immer neue Internet-Shops, man komme da nicht hinterher. Nicht nur in der Hauptstadt laufe es so, bestätigen Experten.

CBD als Ersatz für den Joint

Zum Schutz vor Ärger nutzen manche Anbieter inzwischen Schlupflöcher: Auf CBD-Blüten, wie sie bei Razzien in Berliner Spätis schon beschlagnahmt wurden, steht „Räucherware“. Gefragt sind sie etwa bei Ex-Kiffern, die den Rausch nicht mehr wollen – als Joint-Ersatz. CBD-Öl wird als Aromaöl deklariert, zum Beispiel fürs Kopfkissen.

Der Wildwuchs geht noch weiter: Untersuchungen haben gezeigt, dass die angegebene CBD-Dosierung nicht immer den Tatsachen entspricht – teils war weniger drin, mal mehr. Auch zu hohe THC-Gehalte wurden laut Verbraucherzentralen schon gefunden. Teils werde auch simples Hanf-Speiseöl aus Hanfsamen so teuer angeboten, dass es für CBD-Öl gehalten werden könne, erzählt Café-Betreiber Schack.

Der neue Branchenverband Cannabiswirtschaft ist sich des Problems bewusst: Geplant sei, ein Qualitätssiegel für CBD-Produkte ins Leben zu rufen und Analysestandards zu schaffen, kündigt Präsident Stefan Meyer an.

Was CBD für die Gesundheit leistet, ist noch einmal ein anderes Thema. Die Forschung steht am Anfang. Es gebe zwar Hinweise auf eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung, so Verbrauchenzentralen-Expertin Franz. Diese seien aber noch nicht ausreichend durch klinische Studien gesichert. Auch Fragen zu Dosierung, Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen seien ungeklärt.

Die etwa in Hanfshops erhältlichen CBD-Produkte seien fast immer so niedrig dosiert, dass sie keine Wirkung hätten, meint Experte Yazdi. Die „angedichteten Wirkungen“ seien „reine Geschäftemacherei“. Um höhere und damit wirksame Dosierungen zu erreichen, müsse man sehr große Mengen zu sich nehmen. „Bei den hohen Dosierungen, die für positive Wirkungen notwendig wären, sind aber potenziell Nebenwirkungen zu erwarten“, so Yazdi. Solche höher dosierten CBD-Produkte wären deshalb ein Fall für Apotheken, sagt er. Der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Uni Bremen meint, Käufer CBD-haltiger Mittel wüssten oft nicht, dass hauptsächlich die rezeptpflichtigen Cannabisformen einen medizinischen Nutzen böten.

Tatsächlich als Arznei zugelassen ist CBD für die Therapie von zwei schweren und seltenen Epilepsie-Formen bei Kindern. Es gelte manchen Eltern irrtümlicherweise als „sanftes Naturprodukt“, teilte die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung mit. In Studien hätten „etliche Kinder“ Nebenwirkungen wie starke Müdigkeit, Fieber, Appetitlosigkeit und Durchfall gehabt.

Die Tatsache, dass CBD-Konsumenten zum Beispiel von Schmerzlinderung berichten, sind Yazdi zufolge „ziemlich sicher mit dem Placebo-Effekt“ zu erklären. Letztlich hält er es für „harmlos“, wenn niedrig dosierte CBD-Produkte eingenommen werden: „Nützt nicht, schadet nicht.“ Das größere Problem bleibt für den Autor des Buchs „Die Cannabis-Lüge“ der Wirkstoff THC: Yazdi ist gegen eine Verharmlosung von Marihuana.