Tannenberg/Annaberg-Buchholz (dpa) l "Bitte nur mit den Augen berühren" steht auf einem kleinen Schildchen neben der minimalistisch anmutenden Pyramide: Ein einzelner Holzkegel, dazu ein schlichtes Flügelrad aus rostfreiem Edelstahl. Maserung und handgearbeitete Strukturen spielen im Kerzenschein mit Licht und Schatten. Erzgebirgische Volkskunst auf das Wesentliche reduziert – das ist ein Gestaltungsansatz von Gunnar Horatzscheck.

Dreht man sich in seinem neuen Laden in der Annaberger Mittelgasse um 180 Grad, trifft Moderne auf Tradition. "Zwischen beiden Ladenhälften liegen etwa 180 Jahre. Die traditionellen Figuren beruhen auf Entwürfen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts", erläutert der Kunsthandwerker. Doch auch die mit Blattgold verzierten Engel, Bergmänner oder Lichtertürken des Drechslermeisters wirken durch die klare Linienführung alles andere als verstaubt.

Aufwendig gearbeitete Pyramiden und Deckenleuchter in leuchtenden Farben vervollständigen das Sortiment. "Von den Leuchtern schaffe ich nur drei bis fünf Stück im Jahr, weil wir als kleine Manufaktur wirklich alles selbst machen." Auch Engel und Co. fertigt der Erzgebirger nur in Kleinserien mit maximal zehn Stück. Neben dem gedrechselten Grundkörper aus Holz entstehen Armansatz, Schultern oder Gesicht aus einer Teigmasse.

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Seit er denken kann, ist Gunnar Horatzscheck "Männelmacher" – die längste Zeit seines Lebens allerdings nur als Hobby. Im Haupterwerb baute er 20 Jahre lang Treppen, bis er im Alter von 46 Jahren spontan aus dem Bauch heraus beschloss, ein Studium zum Gestalter im Handwerk zu beginnen. Drei Jahre lang habe er Montag bis Donnerstag Geld verdient und sich dann Freitag und Samstag auf die Schulbank gesetzt. "Das war das Beste, was ich machen konnte – manchmal stand mir das Wasser aber auch ganz oben", gibt er unumwunden zu.

Das ist jetzt neun Jahre her. Inzwischen hat er sich etabliert und eine Fangemeinde aufgebaut, die das hochpreisige Sortiment so sehr schätzt, dass er einen großen Teil seiner Figuren nur noch auf Bestellung fertigt. Mancher Sammler reist sogar extra aus den USA nach Annaberg-Buchholz, um einen der mit 2600 Euro nicht gerade günstigen Deckenleuchter zu erstehen.

Fußstapfen des Vaters

Sich vergrößern und mehr produzieren – das komme jedoch nicht in Frage. Gemeinsam mit Sohn Norman, der inzwischen in die Fußstapfen des Vaters getreten ist, habe er sich bewusst für den Manufaktur-Charakter entschieden. Die traditionellen Figuren gibt es nur in seinem Annaberger Laden und in der Verkaufsgalerie in Tannenberg.

Die minimalistischen Produkte stehen auch in einigen ausgewählten Geschäften in ganz Sachsen. Diese dürften seine Sachen allerdings nicht online verkaufen. "Den Handel zu beliefern, bedeutet auch Druck. Ich will aber den Freiraum haben, etwas zu gestalten. Dafür braucht es aber vor allem Freiraum im Kopf", ist der 55-Jährige überzeugt.

Nur so sei auch das "Klötz'l" entstanden, ein einzelner Quader aus Eichenholz, knapp 13 Zentimeter hoch. Drei davon lassen sich als Pyramide stellen. Sieben fügen sich mit unterschiedlichen hohen Kerzenhaltern zum Schwibbogen, der mit einer entsprechenden Edelstahlhalterung auch ins Fenster gehängt werden kann. Im Quartett wird das Ganze zum Adventsleuchter.

"Das Prinzip ist ganz einfach und manchmal frage ich mich schon, warum uns das als Erstes eingefallen ist", meint er lachend. Altersmäßig lasse sich keine bestimmte Zielgruppe ausmachen. Aber die reduzierte Formensprache spreche auch jüngere Menschen an, die mit den traditionellen Stücken aus dem Erzgebirge nicht so viel anfangen könnten.

Das haben auch andere erzgebirgische Kunsthandwerker erkannt und setzen zunehmend auf die Verbindung von Althergebrachtem und modernem Wohnambiente. Ungewöhnliche Pyramidenformen und minimalistisch gestaltete Engel zeigen, wie Tradition und Innovation stilvoll verschmelzen, so der Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Schlichte Eleganz lautet demnach einer der Weihnachtstrends des Jahres 2018. Immer häufiger bestechen weihnachtliche Figuren zudem in zeitlosem Weiß.

Horatzscheck geht sogar noch einen Schritt weiter: Warum einen Schwibbogen nur zu Weihnachten nutzen, fragte sich der Gestalter. Als einfache Lichtleiste mit gleich hohen Lichtern wird der Saisonartikel zur Ganzjahresdeko im Bauhaus-Stil.