Magdeburg l Es gibt Menschen, denen fällt das Wissen scheinbar in den Schoß. Manche sind sogar richtige Genies. Haben solche Menschen eine besondere Hirnbiologie? Darüber sprach Uwe Seidenfaden mit Gerald Wolf, emeritierter Magdeburger Hirnfoscher und Publizist vieler Bücher.

Herr Professor Wolf, was zeichnet ein Genie aus?
Gerald Wolf:
Genie ist eine Begabung für eine weit herausragende schöpferische Kraft. Wenn dies bei ein und derselben Person auf vielen Gebieten zutrifft, dann spricht man von einem Universalgenie. Leonardo da Vinci, Goethe oder Leibniz werden gern so genannt. Meist aber beschränkt sich die Genialität auf ein bestimmtes Gebiet. In der Kunst waren es Musiker wie Bach, Mozart und Beethoven, in der Malerei Rembrandt, van Gogh und Picasso. Für die Technik ist Edison zu nennen, für Schach Kasparow. Auch in der Wissenschaft zeugen bahnbrechende Leistungen von Genialität. Die meisten der Nobelpreisträger kann man getrost als geniehaft herausstellen. Oft genug sind Genies durch eine hohe Intelligenz ausgezeichnet, durchaus aber nicht immer. Die Verbindung zum Wahnsinn wird sehr gern beschworen. Das ist der Fall bei Hölderlin oder van Gogh, aber alles andere als die Regel.

Ist die Genialiät eines Menschen, wie überhaupt die Intelligenz, im Gehirn dingfest zu machen?
Das wurde verschiedentlich versucht, hat aber nie zu einem überzeugenden Ergebnis geführt. Zwar ist das Gehirn während der Evolution des Menschen proportional zur Körpergröße ständig gewachsen, für den einzelnen Menschen aber gilt diese Proportionalität nicht. Mit anderen Worten: Hochintelligente Menschen haben keine besonders großen Gehirne und weniger intelligente keine besonders kleine. Auch mit bildgebenden Verfahren, z. B. der funktionellen Kernspin-Tomografie, ließen sich keine verlässlichen Beziehungen zur Intelligenz finden. Lediglich die Messung der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn gibt einen gewissen Anhalt. Je rascher z. B. ein Lichtsignal über das Auge in den zuständigen Hirnregionen ankommt, umso höher sind die in Intelligenztests gemessenen Werte.

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Gibt es überhaupt so etwas wie eine generelle Intelligenz?
Durchaus. In der Intelligenzforschung spricht man vom Generalfaktor „g“. Er spielt in die meisten Intelligenzleistungen hinein, so dass man aus eben diesem Grunde von „der“ Intelligenz sprechen kann. Umfangreiche Forschungen an eineiigen Zwillingen ergaben, dass der Generalfaktor im Wesentlichen erblich bedingt ist.

Sind geniale individuelle Leistungen, wie die Entwicklung der Evolutionstheorie durch Charles Darwin und Alfred Russel Wallace oder die der Allgemeinen Relativitätstheorie durch Albert Einstein, nicht zugleich auch eine Folge der allgemeinen gesellschaftlich-wissenschaftlichen Entwicklung?
Selbstverständlich. Schon in der Steinzeit verfügten die Menschen über Gehirne, die denen der heutigen Menschheit entsprechen. Aber weder hätten sie die Evolutionstheorie entwickeln können noch relativitäts- oder quantentheoretische Erkenntnisse. Selbst dem Musikalischsten unter ihnen wäre nie und nimmer eine Bachsche Fuge eingefallen. So ist das nun mal mit der Erkenntnis- und Geistesgeschichte: Die Nachfahren, die auf die Schultern ihrer Vorfahren steigen, blicken weiter als diese. Selbst wenn sie Zwerge sein sollten.

Was ist wahr an kursierenden Geschichten, in denen Hirnverletzungen zu Verbesserungen von Hirnleistungen führten?
Der Wahrheitsgehalt ist nicht immer klar einzuschätzen. Viele Berichte aber sind unbezweifelbar. Zum Beispiel der Fall von Orlando Serrell, einem US-Amerikaner. Als Zehnjähriger wurde er von einem Baseball am Kopf getroffen, verlor kurzzeitig das Bewusstsein und bemerkte später, dass er – ganz anders als bisher – ein gleichsam unlöschbares Gedächtnis für Zahlen und Kalendertage bekommen hatte. Oder der Fall von Jason Padgett. Er war überfallen worden, trug eine Hirnerschütterung davon und erkennt seitdem überall geometrische Figuren. Auch vermag er Fraktale zu zeichnen, wozu er zuvor keinerlei Talent zu haben schien. Padgett selbst wähnt sich seit dem Unfall als mathematisches Genie. Solcherart Beobachtungen legen nahe, dass jeder Mensch Anlagen für hocherstaunliche Hirnleistungen hat, dass diese jedoch blockiert sind, in Einzelfällen aber durch eine massive Einwirkung „freigelegt“ werden können.

Können die moderne Medizin bzw. die Neurowissenschaften solche Veränderungen der Geistesleistungen bei einem Menschen gezielt hervorrufen?
Solcherart Experimente sind wegen der ihnen innewohnenden Gefahren wohl allerorten und für alle Zeiten verboten. Wenn man dabei aber an Tierexperimente denkt, wie wollte man den zu erhoffenden Effekt auf die geistige Leistungsfähigkeit prüfen? Anders verhält es sich mit der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), einer Anregung der Hirntätigkeit mit magnetischen Impulsen, die durch die Schädeldecke (Cranium) hindurch (trans) geleitet werden. Nicht selten ist damit eine messbare Steigerung von Denk- und Gedächtnisleistungen zu erzielen. Auch im Fall von Demenz.

Einige Menschen können Töne oder auch Zahlen als Farben wahrnehmen. Das befähigt sie zu ganz außergewöhnlichen Leistungen. Sind diese Eigenschaften womöglich Anzeichen für eine evolutionäre Höherentwicklung des Menschen?
Eher nicht. Es handelt sich hierbei um Fälle von Synästhesie, einer Vermischung verschiedener Sinnes-ebenen. Am häufigsten werden in solchen Fällen Töne nicht nur als Klänge, sondern zugleich als Farben wahrgenommen. Den Ton F schildern manche als gelb, das Fis als Blau. Viele Menschen, die über ein absolutes Gehör verfügen, verdanken diese Gabe einer solchen Wahrnehmungsform, die uns „Normale“ so absonderlich erscheint. Nicht wenige Synästhetiker genieren sich, ihre Fähigkeit Anderen zu offenbaren, weil sie befürchten, als Spinner dazustehen. Indes in einer solchen Wahrnehmungsweise ein Zeichen für eine Höherentwicklung sehen zu wollen, erscheint mir unbegründet. Dafür fehlt ganz offenkundig der Selektionswert.

Können „normale“ Menschen etwas von Synästhetikern lernen?
Die Synästhesie ist wie die Genialität eine Begabung. Und Begabungen sind grundsätzlich nicht erlernbar. So selten die wunderbare Wahrnehmungsform der Synästhesie an und für sich ist, dann aber tritt sie in entsprechenden Familien gehäuft auf. Die zugrundeliegenden Gene sind bis heute unbekannt.

Und was ist mit Menschen mit anderen geniehaften Begabungen, den sogenannten Savants?
Tatsächlich handelt es sich auch hierbei um Inselbegabungen, die zumeist angeboren sind. Einige Savants haben es zu einer regelrechten Berühmtheit gebracht. Zum Beispiel der US-Amerikaner Kim Peek (2009 gestorben), der von Dustin Hoffmann in dem Film „Rain Man“ gespielt wurde. Kim Peeks Gedächtnis gilt auch heute noch als das beste der Welt. Peek fing mit 16 Monaten zu lesen an, kannte mit vier Jahren acht Lexikon-Bände Wort für Wort auswendig und gegen Ende seines Lebens den Inhalt von 12 000 Büchern. Dazu brauchte er sie nur ein einziges Mal zu lesen. Allerdings war Peek geistig behindert. Andere Savants sind durch ein fotografisch exaktes Bildgedächtnis ausgezeichnet. Unter den Savants gibt es Musikbegabte, sie können Tausende Stücke aus dem Gedächtnis nachspielen und beherrschen mehrere Musikinstrumente perfekt, ohne je Musikunterricht genossen zu haben. Nicht wenige der Savants, zum Glück aber nicht alle, müssen ihre Sonderbegabung mit geistigen Defekten bezahlen.

Sind Menschen mit einem überdurchschnittlichen Intelligenz-Quotienten (IQ) immer auch kluge Ratgeber?
Hohe Intelligenz muss durchaus nicht vor Dummheit schützen. So riet der ungarisch-amerikanische Quantenphysiker Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“, zur Zeit des Kalten Krieges zu einem präventiven Atomschlag. Jemand hat mal gesagt, der Unterschied zwischen intelligent und klug entspreche dem zwischen dem bloßen Besitz eines Computers und seiner nützlichen Anwendung. Ich halte jedweden Politiker, der es in den Spitzenbereich seiner Partei gebracht hat, für intelligent. Das heißt aber nicht, dass dessen Denken und Wirken unbedingt auch klug sein müssen, sonst würden ja alle Politiker an einem Strang ziehen, nämlich den besonders klug ausgewählten.

Haben nicht auch Tiere mitunter geniale Fähigkeiten, von dem wir Menschen lernen könnten?
Die sich über Hunderttausende und viele Millionen Jahre erstreckende Evolution entspricht einem steten Selbstoptimierungsprozess. Was dabei jeweils herausgekommen ist, kann durchaus als „genial“ bezeichnet werden. Das trifft bereits auf jede einzelne Zelle zu, aus der die Tiere (und auch wir) aufgebaut sind. Erst recht, wenn man Bau und Funktion eines gesamten Organismus betrachtet, zum Beispiel dem einer Stubenfliege. Schon eine einzelne Zelle nachzubauen, kann uns Menschen nicht (ja, niemals) gelingen, dazu ist diese viel zu kompliziert. Wohl aber schaffen wir es, dann und wann eine evolutiv gewordene „Grundidee“ zu kopieren. In der Pharmaforschung mag das ein einzelnes Molekül sein, das es nachzuahmen oder gegen das es anzukämpfen gilt. Oder denken wir an die Spinnenseide, die Modell steht für einen Rohstoff, der sich technisch je nach Einsatzzweck mit großem Gewinn in verschiedenen Varianten nachbauen lässt. Intensiv wird auch über das Schwarmverhalten von Insekten, Fischen und Vögeln geforscht, um es computertechnisch zu simulieren. Die Militärs sind daran interessiert, um Drohnenschwärme möglichst effizient gegen den Feind zu lenken.

Nehmen wir an, wir würden morgen auf eine Nachricht einer außerirdischen Zivilisation stoßen. Könnten wir deren Inhalt überhaupt verstehen?
Selbst wenn wir eine solche Nachricht entschlüsseln könnten, bliebe noch immer die Frage, ob wir sie überhaupt verstünden. Angenommen, die Aliens wären uns intellektuell haushoch überlegen, dann entspräche der Versuch, ihr Anliegen zu begreifen, womöglich dem, einem Neandertaler oder gar einem Wasserfloh zu erklären, wie ein Computer funktioniert, ein Airbus oder das globale Finanzwesen.